Stellen wir uns vor, ein Gesandter würde 400 Jahre in die Zukunft reisen, ins heutige Wien. Zur Orientierung sucht er zunächst wohl den Stephansdom. Diesen findet er an gewohnter Stelle und äußerlich wenig verändert. Aber schon der Platz rund um die Kirche erscheint ihm sehr fremd. Nicht allein wegen moderner Fassaden und für ihn schwer einzuordnender Eindrücke. Zu seiner Zeit wirkte das Areal noch mittelalterlich. Jetzt sieht er keine Stadttore und Mauern mehr, die das Wien, das er erlebt hatte, zur Festung machten.

Einem vertrauten Straßenzug folgend, gelangt er zu einem ihm unbekannten Sakralbau: Ein prachtvoller, reich verzierter Kuppelbau hat das trutzige Gotteshaus ersetzt, das ihm als Peterskirche in Erinnerung ist. Gleich geblieben ist die Geschäftigkeit am Graben, wo seit jeher Menschen zu Juwelieren, Spitzenklöpplern und Textilhändlern strömen.

"Winterkönig" Friedrich V. (l.) machte sich Kaiser Ferdinand II. (r.) zum Feind. Sein Gesandter J. J. Rußdorf bangte in Wien. "Mich betreffend" schreibt er, dass er "in loco tali", also "an einem solchen Ort", nicht sein will.  
- © Bilder: Archiv/gemeinfrei. Repros & Collage: Philipp Aufner

"Winterkönig" Friedrich V. (l.) machte sich Kaiser Ferdinand II. (r.) zum Feind. Sein Gesandter J. J. Rußdorf bangte in Wien. "Mich betreffend" schreibt er, dass er "in loco tali", also "an einem solchen Ort", nicht sein will. 

- © Bilder: Archiv/gemeinfrei. Repros & Collage: Philipp Aufner

Zurück ins Jahr 1621: Bei seinem damaligen Besuch hatte der kurpfälzische Rat Johann Joachim von Rußdorf (auch Rusdorf, 1589-1640) als Diplomat weder Zeit noch Muße zum Flanieren.

Er war in äußerst heikler Mission an der Donau. Dorthin entsandt hatte ihn sein Landesherr, der pfälzische Kurfürst (seit 1610) Friedrich V. Als Oberhaupt der protestantischen Union war er in den Wirren des beginnenden Dreißigjährigen Krieges überzeugt, gegen die katholische Liga mit Hilfe von außen bestehen zu können. Dazu brauchte er diplomatische Beziehungen und treue Gesandte, die er u.a. in Feindesland schickte.

Im Sommer 1619 erklärte der rebellierende böhmische Adel Friedrich V. de facto zum König. Die Thronbesteigung erfolgte im November. Fast exakt ein Jahr später vertrieben ihn Truppen des Habsburger Kaisers Ferdinand II. (reg. 1619- 1637). Dessen Rache an den Aufständischen war brutal.

Der ob seiner kurzen Regentschaft später als "Winterkönig" betitelte Friedrich V. musste im Exil neue Verbündete suchen.

Wien war als Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches nicht nur Hochburg des politischen Katholizismus, sondern auch Knotenpunkt für diplomatische Beziehungen. Es war hier sogar möglich, dass sich ein protestantischer Gesandter mit einem "Chiaus", also einem türkischen Repräsentanten, traf - aber immer in der Angst, als Spitzel angezeigt zu werden.

Spätestens seit dem Vormarsch osmanischer und ungarischer Truppen unter Gábor Bethlen (ab 1620 ungarischer König) bis Kaiserebersdorf im Osten der Donaumetropole 1619 war die Angst vor einer neuerlichen Belagerung der Stadt, wie sie 1529 überstanden worden war, wieder sehr real geworden. Auch mit Bethlen unterhielt Rußdorf auf Geheiß Friedrichs V. diplomatische Korrespondenz.

Um einen Gulden pries die Verkaufsliste eines Buchhändlers in der "Wiener Zeitung" vom 27. Oktober 1861 den Bericht über eine diplomatische Mission 1621 an. 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Um einen Gulden pries die Verkaufsliste eines Buchhändlers in der "Wiener Zeitung" vom 27. Oktober 1861 den Bericht über eine diplomatische Mission 1621 an.

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Dass Rußdorf die Politik seines Herrn nur bedingt guthieß, wird in seinen Berichten deutlich. Sein Treffen mit dem Türken empfand er als überaus riskant. Er bat darum, Sorge zu tragen, damit nicht offenbar werde, was er mit dem (...) Chiaus zu der Christenheit Schaden verhandelt hatte.

Das entnehmen wir einer Annonce aus der "Wiener Zeitung" vom 27. Oktober 1861. Darin wird ein Bericht darüber, was Rußdorf 1621 zu Wien wegen seines Herrn negociret (= ausgehandelt) hatte, um einen Gulden feilgeboten. Zu erstehen waren die Blätter in der Wallishausser’schen Buchhandlung (Josef Klemm) am Hohen Markt - heute Nr. 1.

Überliefert ist das Schreiben, weil es von der pfälzischen Hofkanzlei ediert und nachgedruckt wurde. Tatsächlich beinhalten die 15 Druckseiten kaum konkrete Abmachungen. Viele Zeilen sind mit Rußdorfs Beteuerungen seines Fleißes gefüllt - inklusive Bitten nach mehr Geld.

Klar ist, dass er in Wien nicht sicher war. Er schreibt, dass er "lieber anderst wo seyn wolte", denn er sei "in grosser Bemühung und Gefahr". Verbündete fand er in Wien vielleicht unter den oft im Geheimen praktizierenden Protestanten. Kontakte pflegte er auch zu anwesenden Gesandten des englischen Königs Jakob I., dem Schwiegervater Friedrichs V. Die Mission Rußdorfs war aber nur bedingt erfolgreich: Die pfälzische Kurfürstenwürde sollte bald an Bayern fallen und er nach London versetzt werden.

Über seine Informationsquellen ist wenig bekannt. Sicher halfen handgeschriebene Nachrichtenzettel, die zahlreich im Umlauf waren. In das Jahr 1621 fällt in Wien aber auch das erste Erscheinen eines Blattes, das wöchentlich über ausländische Begebenheiten berichtete: Die "Ordinari Zeittung".

Bei seiner Zeitreise ins Jahr 2021 könnte Rußdorf in einer Trafik über die "Wiener Zeitung" stolpern, die ihn als Diplomaten sicher interessiert. Unmöglich kann er jedoch wissen, dass dieses Blatt durch die Übernahme alter Zeitungsprivilegien eine Historie aufweist, die indirekt 400 Jahre zurückverfolgt werden kann - bis zur "Ordinari Zeittung", die Rußdorf vielleicht einst in Händen gehalten hatte.

Kopfnuss: Was belegten archäologische Funde am Hohen Markt im 20. Jahrhundert? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)