An einem Freitagabend im Winter 1703 blickte der Schriftsteller Daniel Defoe auf das Barometer. Verdutzt nahm er die Quecksilbersäule wahr, die tiefer stand, als er es je bemerkt hatte. Wahrscheinlich, so die plausible Vermutung, hatten seine Kinder das Messinstrument in die Finger bekommen, und es verstellt. Dabei deutete das schmale Röhrchen bereits das Desaster an, mit dem sich die Gemeine anlässlich der Frage 2 der Nro. 422 näher beschäftigte.

"The Great Storm" oder "Der Große Sturm", wie Maria Thiel, Breitenfurt, festhält, tobte "vom 5. bis 13. Dezember 1703 (bzw. nach dem damals in England noch gültigen Julianischen Kalender vom 24. November bis 2. Dezember)" u.a. in den Küstenregionen um den Ärmelkanal.

Das "heftige Sturm- und Orkantief", so Gerhard Toifl, Wien 17, betraf vor allem das westliche und nördliche Europa. Zum Vergleich: "Insbesondere die verheerende Stärke "des Orkans vom 8. Dezember 1703" blieb im gesamten 20. Jahrhundert unerreicht.

Wieviele Personen durch herabfallende Ziegel, einstürzende Dächer oder in den reißenden Fluten umkamen, ist nicht sicher. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, mit Schätzungen: Es gab "8.000 bis 15.000 Todesopfer, darunter 1.500 Seeleute" der Kriegsmarine. Dazu kommen, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, "hunderte Matrosen", die mit "einer unbekannten Anzahl von Handelsschiffen" untergingen.

Für viele Menschen bedeutete das Unwetter den Ruin. Die Überflutungen vernichteten ganze Warenlager. Wer seine Güter aus den Wassermassen retten wollte, riskierte, zerquetscht zu werden oder zu ertrinken. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram, notieren: "Sowohl im Atlantik als auch im Ärmelkanal und an der Nordsee entstanden schwere Sturmfluten und anhaltende Überschwemmungen."

Entwurzelt und verweht

Chronist und Literat D. Defoe (ca. 1660-1731) auf einer Darstellung aus dem 20. Jahrhundert.  
- © Bild: Brigham Young University-Hawaii, 1903

Chronist und Literat D. Defoe (ca. 1660-1731) auf einer Darstellung aus dem 20. Jahrhundert. 

- © Bild: Brigham Young University-Hawaii, 1903

Doch die Schrecken der Verwüstungen sind nicht der einzige Grund, warum "die Katastrophe in England so gut in Erinnerung blieb", hält Dr. Alfred Komaz, Wien 19, fest und kommt damit zurück auf den eingangs erwähnten Literaten: "Der später durch seinen "Robinson Crusoe" bekannt gewordene Daniel Defoe (um 1660-1731, Anm.) hat, quasi als ... Journalist, in der "London Gazette" um Augenzeugenberichte über die Ereignisse und Schäden ersucht, diese auch erhalten und ein Jahr später in seinem Buch "The Storm" ... veröffentlicht."

Aus den detaillierten Erzählungen lassen sich Erkenntnisse über das gewaltige Naturspektakel und dessen verheerende Folgen gewinnen. Etwa die Kraft der Böen, die Helmut Erschbaumer, Linz, verdeutlicht: "In New Forest (Weideland im Süden Englands) wurde die Zahl der umgestürzten Eichen mit 4.000 beziffert."

Auch Kulturstätten und Sakralbauten wurden durch die heftigen Windstöße stark in Mitleidenschaft gezogen, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4: In London deckten sie das Kirchendach "der Westminster Abbey ab". Der Ursprung des Gotteshauses reicht bis ins Frühmittelalter zurück. Dr. Harald Jilke, Wien 2, weiter: "Das große westliche Fenster" der im 13. Jh. dem heiligen Andreas geweihten Wells Cathedral in Somerset "wurde ... teilweise zerstört."

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, erwähnt "700 Schiffe", die "im "Pool of London" (dem Themse-Abschnitt flussabwärts der London Bridge, Anm.) zusammengeschoben" wurden.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, blickt nach Niederdeutschland: Im Binnendelta der Oder (nördlich des heutigen Frankfurt in Brandenburg) riss der Sturm "tausende Bäume aus der Erde." Etliche Kirchtürme wurden umgeworfen.

Der Geistliche und Naturphilosoph William Derham (1657-1735) hielt in einem Brief wissenschaftliche Beobachtungen zu dem Sturm fest. Volkmar Mitterhuber, Baden, dazu: Diese wurden "von der Royal Society of London", einer 1660 gegründeten und bis heute bestehenden Gelehrtengesellschaft, publiziert.

Bereits erwähnter Tüftler Erschbaumer gibt einen Einblick in diese Aufzeichnungen: Derham "maß einen Luftdruck von 973 Millibar in Südengland, das Tiefdruckgebiet der Midlands könnte nur 950 Millibar aufgewiesen haben." Der "mittlere Luftdruck ... in Meereshöhe" beträgt "1013 Millibar". Aus diesem Druckgefälle kann auf die Stärke des Orkans geschlossen werden. Geschichtsfreund Erschbaumer weiter: "Dieser Sturm wies Windgeschwindigkeiten von mehr als 260 km/h auf!"

Gottesstrafe für Flotte

Die Kriegsmarine verzeichnete Verluste, die angesichts des Spanischen Erbfolgekriegs seit 1701 und den damit verbundenen andauernden Auseinandersetzungen v.a. mit Frankreich und Spanien empfindlich schmerzten. Mag. Margaretha Husek, Wien 23, notiert: In den ""Downs" (= Übergang von Ärmelkanal zu Nordsee, Anm.) wurden mindestens 13 Kriegsschiffe und 40 Handelsschiffe zerstört". Dabei kamen über 2.000 Menschen ums Leben "und 708 Geschütze gingen verloren. Vom 17. bis in das 20. Jahrhundert dienten die Downs als Ankerplatz der Royal Navy und in Kriegszeiten als Sammelpunkt für Konvois. Mehr als 2.000 Schiffe sind vermutlich auf den "Goodwin Sands"", den Sandbänken an der Meerenge zwischen Britannien und Kontinentaleuropa, zerschmettert worden.

Bereits erwähnter Geschichtsfreund Ing. Kaiser ergänzt: "Die "HMS Association" (ein Schiff der Royal Navy, das mit 90 Kanonen ausgestattet war, Anm.) wurde von Harwich" an der britischen Ostküste bis in das ca. 900 km entfernte "Göteborg in Schweden abgetrieben".

Die erschreckenden Folgen des Unwetters ließen v.a. gläubige Christinnen und Christen erschaudern. Brigitte Schlesinger, Wien 12, dazu: Die immensen "Schäden und die Zahl der Todesopfer führte dazu, dass die Überlebenden nach einem Grund für den Sturm suchten." Auch der Schriftsteller Defoe war wie viele Zeitgenossen überzeugt, dass es sich bei dem Unwetter um "eine Strafe Gottes" gehandelt hatte. "Wind", so der Literat, "sei Gottes verbliebenes Geheimnis, und so sei es nur angemessen, dass er zur Bestrafung eines Ortes eingesetzt werde, der von Atheisten und Sündern befallen sei."

Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, weiter: Defoe schloss sich außerdem der Meinung an, dass "das Naturphänomen ... als Bestrafung für die schlechten Ergebnisse der Royal Navy gegen die (katholischen, Anm.) französischen und spanischen Armeen" eingeordnet werden musste - nicht zuletzt weil die Flotte stark beschädigt wurde.

Tod im Leuchtturm

Der Leuchtturm auf den "Eddystone Rocks" vor der britischen Westküste im Jahr 1699.  
- © Bild: John Smeaton, 1791. Schmuckfarbe: WZ/Philipp Aufner

Der Leuchtturm auf den "Eddystone Rocks" vor der britischen Westküste im Jahr 1699. 

- © Bild: John Smeaton, 1791. Schmuckfarbe: WZ/Philipp Aufner

Auf ein weiteres Bauwerk, das unter den Fluten in der Nacht zum 8. Dezember begraben wurde, verweist Anton Teufl, Pielach: "Das Eddystone Lighthouse", das durch seine aufwendige und verspielte Bauart (siehe Bild links) auffiel. Christine Sigmund, Wien 23, fügt an: Während des Sturms befanden sich "der Erbauer Henry Winstanley ... ebenso wie fünf weitere Personen darin." Überlebende gab es nicht.

Herbert Beer, Wolfpassing, führt aus: Der "Leuchtturm vor der Küste von Cornwall gehörte zu den bekanntesten ... der Britischen Inseln." Der Bau stand "etwa 14 km vor der Landspitze" im Südwesten Englands "auf den zeitweise überspülten "Eddystone Rocks". Der gegenwärtige ... Turm ist bereits der vierte an dieser Stelle."

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, notiert zum Architekten Winstanley: Er "hatte die Pläne für den ... Leuchtturm entworfen, nachdem fünf größere Schiffe auf den Eddystone Rocks gestrandet waren." Da er "auch Kaufmann war, ... traf ihn der Verlust ... hart." Immerhin gehörten ihm zwei der fünf in Not geratenen Wasserfahrzeuge. Also entschloss er sich, das "tückische Riff" mit einer Orientierungshilfe auszustatten.

Die Bauzeit fiel in die konfliktreichen Jahre vor dem Spanischen Erbfolgekrieg und verlief nicht ohne Zwischenfälle, wie Dr. Kremser herausfand: Das Fundament wurde "im Juni 1697 von einem französischen Freibeuter zerstört ... und Winstanley in ein Gefängnis auf dem französischen Festland gebracht. Ludwig XIV. befahl seine sofortige Freilassung". Angeblich mit den Worten: "Frankreich befindet sich im Krieg mit England, nicht mit der Menschheit (bzw. Menschlichkeit, Anm.)." Freilich nützte das gut platzierte Signalfeuer auch der französischen Schifffahrt.

Im November 1698 konnte der Bau fertiggestellt werden. Dr. Kremser hält fest: "Winstanley ... hatte im Übrigen großes Vertrauen in seine Konstruktion." Sein verhängnisvoller Wunsch, "dass er sich während des größten Sturms, den es je gab, auch auf seinem Leuchtturm befinden möchte", erfüllte sich - mit tödlichem Ausgang.

P.S. Das Geldwesen der Donaumetropole anno 1703 war Thema der Zusatzorchidee Nro. 422. Recherchen lieferten u.a. Mag. Susanna Michner, Wien 9, sowie Manfred Bermann, Wien 13. Näheres dazu in den November-Zeitreisen.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky