"Phrenologe" Franz Joseph Gall (1758-1828; Vordergrund) und seine Sammlung in einer Karikatur. 
- © Bild: T. Rowlandson, 1808/Public domain

"Phrenologe" Franz Joseph Gall (1758-1828; Vordergrund) und seine Sammlung in einer Karikatur.

- © Bild: T. Rowlandson, 1808/Public domain

Hier lehrt / ein leerer Schädel / leere Schädel / Schädellehre." Dass nicht alle mit den Erkenntnissen eines ebenso populären wie umstrittenen Theoretikers einverstanden waren, belegt dieses Sprüchlein, das einst angeblich an seine Hörsaaltür gekritzelt wurde. Brigitte Schlesinger, Wien 12, entdeckte es bei ihren Recherchen zu den in Nro. 421 (Rubrik KARTEN GELESEN) präsentierten Spezialfragen rund um das Thema Gehirnforschung. Zur Wirkung des gesuchten Lehrenden auf das (Laien-)Publikum führt die Spurensucherin ein zweites, ebenfalls zeitgenössisches Zitat einer Zuhörerin an: "Ich bin förmlich verliebt . . . in diese schönsten Augen der Welt, die so herrlich mitsprechen in seinen Stunden." So schwärmte Bettina von Arnim (1785-1859) 1806 in einem Brief.

Die Rede ist von Franz Joseph Gall (1758-1828). "In Tiefenbronn bei Pforzheim geboren", studierte er "in Straßburg Medizin" und übersiedelte 1781 nach Wien, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram. Er "spezialisierte sich auf die Erforschung des menschlichen Gehirns" und entdeckte u.a. "den Faserverlauf von Nerven (vom Rückenmark zum Gehirn)." Bekannt wurde er für den von ihm postulierten "Zusammenhang der Schädelform mit den darunter gelegenen Gehirnorganen". Er war "überzeugt, dass sich die Charaktereigenschaften bestimmten Hirnregionen zuweisen lassen" und man deren Ausprägung an der Schädelform ablesen könne. "Es galt, Dellen und Beulen zu ertasten und den von Gall definierten Eigenschaften zuzuordnen." (Unter Laien wurde es ein beliebter Zeitvertreib, sich gegenseitig auf der Suche nach bestimmten Wesensmerkmalen an den Kopf zu greifen.) Gall begann 1796 über die später sogenannte "Schädellehre, Phrenologie oder Kranioskopie" Privatvorlesungen zu halten. Er erntete "begeisterte Zustimmung", aber auch . . . Ablehnung". Von offizieller Seite warf man ihm vor, gegen "Grundsätze der Religion und Moral" zu verstoßen.

Das Haupt Goethes

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, weiter: Schließlich "beendete Kaiser Franz die Kontroverse", indem er die Vorlesungen verbot. "Enttäuscht kehrte Franz Joseph Gall Wien den Rücken", er verließ die Stadt 1805. "Es folgte eine triumphale Vortragsreise durch weite Teile Deutschlands. Die Begegnung mit Goethe zählte dabei zum absoluten Höhepunkt. Gall durfte sogar die Schädelwölbungen des Dichterfürsten untersuchen!"

Galls Grundidee "war an sich gut", so Mag. Susanna Michner, Wien 9: "Inzwischen weiß man, dass in den Regionen der Gehirnrinde sehr wohl unterschiedliche Funktionen angesiedelt sind . . ., aber eben nicht so, wie Gall es erkannt zu haben glaubte . . . Das Ergebnis hat wohl dem damaligen Verständnis von Psychologie entsprochen."

Um seine Erkenntnisse zu untermauern, trug der Gelehrte zahlreiche Belege zusammen. "Seine Schädelsammlung", so Univ.-Prof. Dr. Franz Lackner, Wien 8 (willkommen in der Gemeine!), ist "noch heute im Rollettmuseum in Baden" bei Wien zu sehen. Dazu Volkmar Mitterhuber, Baden: Gall hatte seine in der Donaumetropole zurückgelassene Kollektion 1824, als er bereits in Paris lebte, dem "mit ihm befreundeten Badener Landgerichtsarzt, Naturforscher und Sammler Anton Rollett (1778-1842)" überlassen. So gelangte die "Schädel- und Büstensammlung" ins Museum.

"Nichts mit dem Phrenologen . . . haben die beiden Wiener Gall-Gassen zu tun", wirft Dr. Harald Jilke, Wien 2, ein: Jene im 13. Bezirk ist nach dem Speisinger Gemeinderat Sebastian Gall (1820-1888) benannt. Eine Gasse in der Leopoldstadt würdigt Josef Gall (1820- 1898), der 1861 die Nachrichtenagentur "Correspondenz Gall" begründete. Daraus ging später die Rathauskorrespondenz hervor.

Bereits erwähnte Tüftlerin Schlesinger kommt zurück zur Schädellehre, die rasch als überholt galt: Bald nahmen sie "nur noch Esoteriker sowie - viel später - Nationalsozialisten . . . ernst und suchten darin Beweise für ihre vermeintliche rassische Überlegenheit". Und: Im 19. Jahrhundert fasste "wieder eine holistische Theorie Fuß". Man ging im Wesentlichen davon aus, "dass alle Sinneseindrücke und Fähigkeiten auf das gesamte Gehirn verteilt seien". Eine Annahme war, "dass . . . die Gehirnrinde gegenüber Reizen unerregbar ist." Wie "ein Paukenschlag" wirkte da ein 1870 veröffentlichter wissenschaftlicher Artikel mit dem Titel "Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns".

Zuckende Muskeln

Sorgten 1870 für einen Paukenschlag : Eduard Hitzig (1838-1907) und Gustav Fritsch (1838-1927).  
- © Bilder: Archiv. Repro: Philipp Aufner

Sorgten 1870 für einen Paukenschlag : Eduard Hitzig (1838-1907) und Gustav Fritsch (1838-1927). 

- © Bilder: Archiv. Repro: Philipp Aufner

Die Wissenschafter, die in dieser Abhandlung ihre Erkenntnisse darlegten, nennt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Gustav Fritsch (1838- 1927) und Eduard Hitzig (1838-1907), beide damals in Berlin tätig. Sie führten "experimentelle elektrische Reizungen des Frontallappens von Hunden" durch.

Schon zitierte Zeitreisende Schlesinger stieß auf folgende Schilderung: "Die Versuche mussten . . . in Hitzigs Privatwohnung durchgeführt werden - auf dem Toilettentisch seiner Ehefrau." Die Versuche an Hunden am Berliner Physiologischen Institut waren aufgrund von Protesten der Bevölkerung, die sich an den Schreien der Tiere stieß, nur mehr schwer möglich, auch "wegen der Nähe zum königlichen Schloss". Die Tüftlerin merkt an, dass Hitzig und Fritsch bei den Experimenten anfangs "noch keine Narkose" einsetzten.

Wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, recherchierte, gelang es Hitzig und Fritsch, "durch die Stimulation einzelner Cortexareale . . . Bewegungen von Gliedmaßen zu evozieren." Die bahnbrechende Erkenntnis lautete, "dass bestimmte Hirnregionen für die Steuerung bestimmter Körperteile zuständig sind."

P.S. Der Buchpreis geht an Brigitte Schlesinger; herzlichen Glückwunsch!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner