Die verzweifelte Fantine , eine der tragischen Hauptfiguren von "Les Misérables", weiß nicht, wie sie ihr Kind ernähren soll.  
- © Bild: Ausschnitt aus einem Gemälde von Margaret B. Hall (1863-1910)/Walker Art Gallery, Liverpool

Die verzweifelte Fantine , eine der tragischen Hauptfiguren von "Les Misérables", weiß nicht, wie sie ihr Kind ernähren soll. 

- © Bild: Ausschnitt aus einem Gemälde von Margaret B. Hall (1863-1910)/Walker Art Gallery, Liverpool

Zu einer Tour durch die Seine-Metropole anno 1821 lud ein historischer Stadtplan, wiedergegeben in der Rubrik KARTEN GELESEN in den Juni-Zeitreisen, ein. So sauber und gefällig Paris in der präsentierten Übersicht wirkte, war es freilich nicht; man sprach von der "ville malade", der kranken Stadt. "Es gibt . . . Straßen, Häuser, Kloaken, wo . . . ganze Familien durcheinander leben, Männer, Frauen, junge Mädchen, Kinder, die nichts zum Bett haben, nichts zur Decke haben, . . . nichts zur Kleidung haben als einen ekelerregenden Haufen gärender Lumpen, in der Gosse gefunden, wo menschliche Kreaturen sich lebendig eingraben, um der winterlichen Kälte zu entfliehen."

So drastisch formulierte es Victor Hugo 1849 bei einer Rede vor der Französischen Nationalversammlung, der er damals angehörte. Die drückende Armut hatte Hugo schon lange angeprangert, als Politiker und vor allem als Schriftsteller. Auf die Spur seines berühmten Sozialromans "Les Misérables" begab sich die Gemeine anlässlich der Spezialnuss in Nro. 420.

Königliche Pension

Die erste Teilfrage, ob der 1802 im ostfranzösischen Besançon Geborene sich 1821 in Paris aufhielt, bejaht Rudolph J. Wojta, Wien 19 (willkommen in der Gemeine!). Konkret wohnte der junge Mann, der schon als Knabe die meiste Zeit in der französischen Hauptstadt gelebt hatte, ab "1818 mit seiner Mutter in der Rue-des-Petit-Augustins Nr. 18 (heute ein Teil der Rue Bonaparte)". Damals war er bereits literarisch tätig, "1817 wurde er bei einem Wettbewerb der Académie française lobend erwähnt. Sein erster Roman "Han d’Islande" (Titel der deutschen Übersetzung: "Han der Isländer", Anm.) erschien 1823."

Victor Hugo (1802-1885). 
- © Bild: Public domain

Victor Hugo (1802-1885).

- © Bild: Public domain

1821 war Hugos Mutter verstorben, wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, anmerkt. Und: Wenig später "erscheint auch seine erste Gedichtsammlung . . . Die relativ kleine Auflage ist binnen weniger Monate verkauft. Von König Ludwig XVIII. (reg. 1814- 1824, Anm.), der ein Exemplar besaß, erhält Hugo daraufhin eine ziemlich großzügige Jahrespension zuerkannt. Er wird glühender Royalist". Vorerst.

1830 erfolgte der Sturz des Bourbonenkönigs Karl X. Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Nach der Julirevolution" ging Hugo - "dichterisch mit dem Drama "Hernani" als Exponent der romantischen Schule auf der Höhe seines Ruhms - ins Lager des "Bürgerkönigs" Louis Philippe über . . . 1831 erschien eines seiner erfolgreichsten Werke, . . . "Notre Dame de Paris" ("Der Glöckner von Notre Dame") - heute noch am ehesten bekannt durch mehrere Verfilmungen (zu "meiner" Zeit 1956 mit Anthony Quinn und Gina Lollobrigida)".

Fruchtbares Exil

1851 wird Hugo, "nach der Machtergreifung des späteren Kaisers Napoléon III.", den er "als "Napoléon den Kleinen" verspottete, . . . aus Frankreich verbannt", so Tüftler Dr. Komaz; der Autor "ging zuerst nach Belgien", dann auf die der englischen Krone gehörenden Kanalinsel Jersey "und schließlich 1855 auf deren Schwesterinsel Guernsey; dort ist er noch heute populär und für den Fremdenverkehr wichtig."

Seinen Aufenthalt auf den Eilanden bezeichnet Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, als Hugos "fruchtbarste Schaffensperiode . . . Er entwickelte eine neue Konzeption von Literatur, die dem demokratischen Zeitalter angemessen sein sollte und nannte sie "littérature de peuple" ("Volksliteratur")." Im Exil vollendete er auch seinen großen Roman "Les Misérables", der 1862 erschien. Wie die Geschichtsfreundin ergänzt, kam das umfangreiche Werk noch im selben Jahr in deutscher Übersetzung heraus, u.a. "in Wien (bei Manz)" als "Die Elenden".

Spurensucherin Prof. Dr. Rath weist außerdem darauf hin, dass Hugo "auch Zeichner und Maler" war. 2017/ 2018 war unter dem Titel "Victor Hugo. Der schwarze Romantiker" eine Ausstellung im Wiener Leopold Museum zu sehen. "Das malerische Werk des großen französischen Schriftstellers . . . entstand nahezu ausnahmslos in seinem Exil auf den Kanalinseln". Viele seiner Bilder seien "dunkel, düster" und "geheimnisvoll".

Nur ein Brot gestohlen

Inspiriert von Hugo malte sich Paul Gauguin (1848-1903) als Jean Valjean.  
- © Bild (Titel: "Les Misérables"): Van Gogh Museum, Amsterdam

Inspiriert von Hugo malte sich Paul Gauguin (1848-1903) als Jean Valjean. 

- © Bild (Titel: "Les Misérables"): Van Gogh Museum, Amsterdam

Damit kommt Dr. Karl Beck, Purkersdorf, zum Inhalt von "Les Misérables": Der monumentale Roman ist "nicht nur die Geschichte des entsprungenen . . . Häftlings Jean Valjean", sondern auch eine "Schilderung der verelendenden Arbeitermassen in Paris". Seit dem Juniaufstand 1832, bei dem das hungernde Volk auf die Barrikaden ging, sammelte Hugo "offenbar Material", das aufzeigte, wie rigoros gegen die notleidenden Menschen vorgegangen wurde. Ein Beispiel ist die auf einem realen Vorbild basierende Figur Valjeans, der "für den Diebstahl von einem Stück Brot" sowie "vier Fluchtversuche" insgesamt 19 Jahre im "Bagno" von Toulon verbringen musste. Die Bagnos, berüchtigte Strafanstalten, in denen schwerste Zwangsarbeit zu leisten war, hatten die früher in Frankreich übliche Galeerenstrafe ersetzt.

Christine Sigmund, Wien 23: Im fünfbändigen Opus magnum schildert Hugo "die Wandlung dieses ehemaligen Häftlings". Der geläuterte Valjean "setzt sich für die Armen ein, besonders für Fantine", die in tiefstes Elend gesunkene Arbeiterin und ledige Mutter eines Kindes. Viel zu Valjeans Wandlung "beigetragen hat der Bischof Myriel von Digne. Dafür erntete Hugo in antiklerikalen Kreisen schlimmste Kritik."

Die Figur der Fantine umreißt Dr. Harald Jilke, Wien 2: Ihre noch nicht dreijährige Tochter Cosette hat sie "dem habgierigen Gastwirt Thénardier zur Pflege" geben müssen, wo die Kleine misshandelt und ausgebeutet wird. Fantine arbeitet hart, um die "immer höheren Geldforderungen erfüllen zu können". Als sie ihre Stelle verliert, verkauft sie "zuerst ihre blonden Haare und ihre Schneidezähne und wird schließlich Prostituierte." Nach ihrem Tod gelingt es Valjean, ihre Tochter in seine Obhut zu nehmen.

Die Handlung, so Herbert Beer, Wolfpassing, erstreckt sich über den Zeitraum "zwischen 1815 und 1832." Auch der "Juniaufstand von 1832" wird thematisiert. Etliche Figuren werfen sich ins Gefecht.

Eine weitere reale Krise spielt im Roman eine Rolle. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, dazu: Eine Choleraepidemie suchte 1832 "Paris, insbesondere die armen Viertel", heim.

Musical ab 1988 in Wien

Breiten Anklang fand der Stoff später auch in Form eines Musicals. Dazu Gerhard Toifl, Wien 17: Das 1980 in Paris uraufgeführte Werk stammt von "Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto)". 1987 erfolgte die deutsche Übersetzung durch Heinz Rudolf Kunze, "die deutschsprachige Erstaufführung war dann in Österreich am 15. September 1988 im Raimundtheater in Wien zu sehen." Bis Ende März 1990 wurden dort "400 Vorstellungen" gespielt. "Ich habe damals . . . die Aufführung gesehen und war begeistert, aber auch sehr berührt."

P.S. Der Buchpreis geht an Michael Chalupnik; herzlichen Glückwunsch!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner