Mit einem laut Gründungsdekret vom 15. Juni 1703 zum "grösten vortheil und nutzen des gemeinen wesen, heilsam practicirenden" Geldinstitut befasste sich der Tüftlerkreis anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 422.

Dr. Harald Jilke, Wien 2, benennt die "rein dem Schuldendienst" verschriebene Einrichtung, die nach "venetianischem Vorbild" als erste nicht von Privaten gegründete Bank der Monarchie in Wien geschaffen wurde: Der "Banco del Giro" (lange mit männlichem Artikel wie im Italienischen). Wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, erläutert, wollte Leopold I. (reg. 1657- 1705) "Forderungen an den Staat als Guthaben bei der Girobank übertragbar" machen, um sie nicht sofort auszahlen zu müssen.

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, konsultierten zum ärarischen Finanzwesen im frühen 18. Jahrhundert eine Broschüre der Oesterreichischen Nationalbank: Historisch waren "Staatsfinanzen . . . mit der Person des Herrschers eng verbunden." Es waren sämtliche Einnahmen, aber auch alle vom Staat aufgenommenen Schulden ihm persönlich zugeschrieben. Das hatte "zur Folge, dass diese Geschäfte mit hohen Risiken verbunden waren". Der Umgang des Kaisers mit seinen Gläubigern war "von Willkür geprägt". Generell waren Finanztransaktionen damals kaum reguliert und vor allem Abmachungssache.

Der einzige Geldgeber

Die direkte Abhängigkeit vom Regenten ließ viele Geldgeber vor Geschäften mit dem Hof zurückschrecken. Jüdische Bankiers gingen das Risiko vor allem deshalb oft ein, weil ihnen andere Einkommensquellen, etwa Grundbesitz, verwehrt waren. Wie Gerhard Toifl, Wien 17, erwähnt, wurden sie - auch offiziell - "Hofjuden" genannt.

Helmut Erschbaumer, Linz, weiter: Diese wenigen "per Schutzpatent "geduldeten" jüdischen Hoffaktoren (Faktor = Kaufmann, Anm.) versorgten Herrscher mit Kapital und Waren." Anfeindung erlebten sie sowohl aus der Bevölkerung als auch von konkurrierenden Geldgebern.

Großfinanzier Samuel Oppenheimer (ca. 1635-1703). 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Großfinanzier Samuel Oppenheimer (ca. 1635-1703).

- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Das ausklingende 17. Jh. gestaltete sich für Habsburgs Staatskasse schwierig, weil Kriege Unsummen verschlangen. Dafür, so Dr. Alfred Komaz, Wien 19, mussten "Kredite bei den fast ausschließlich jüdischen Großfinanziers wie Samuel Oppenheimer (ca. 1635-1703) zu hohen Zinsen . . . aufgenommen werden, die dieser selbst nur "mit Hilfe abenteuerlicher Transaktionen" (so die Stadtchronik Wien 1986, Anm.) bereitstellen konnte." Als Armeelieferant verdiente Oppenheimer gut, war aber auch "Sündenbock für verlorene Schlachten".

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, merkt zum Geldgeber an, dass dieser zuletzt zum "kaiserlichen Kriegsoberfactor" aufgestiegen war. "Er kontrollierte den gesamten Lebensmittelnachschub" der Armee "und finanzierte den Krieg gegen die Türken" sowie die Aufrüstung für den Spanischen Erbfolgekrieg.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, betont, dass Oppenheimers Kredite "jedoch keineswegs aus seiner eigenen Kasse alleine" stammten. "Über Mittelsmänner und Lieferanten waren . . . auch in großem Umfang (christlicher) Adel und Hochadel beteiligt".

Willkür bei Rückzahlung

"Es ist interessant", so Mag. Susanna Michner, Wien 9, "dass für den Fall von Oppenheimers Ableben keine Vorkehrung getroffen war. Man hatte es sich anscheinend bequem darin gemacht, ihm die Sorge um die Staatsfinanzen zu überlassen, und die Augen fest davor verschlossen, dass der sprudelnde Quell, aus welchen Gründen auch immer, versiegen konnte."

Nach Oppenheimers Tod im Mai 1703 sah sich Leopold I. zunächst, wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, ausführt, nicht mehr verpflichtet, die mehreren Millionen Gulden Schulden, die beim Finanzier angefallen waren, zurückzuzahlen. Man erklärte kurzerhand "über Oppenheimers Nachlass den Bankrott". Andere Kreditgeber weigerten sich daraufhin, Geld an den Regenten zu verleihen. "Die Forderungen der Gläubiger mussten schließlich anerkannt werden." Doch, wie eingangs erwähnt, wurden sie lediglich umgeschichtet, auf den "Banco del Giro".

Dieser hatte, so Volkmar Mitterhuber, Baden, auch die Aufgabe ""Giro-Zeddel" . . . auszugeben", also den Vorläufer des ersten Papiergelds in Österreich.

Kurze Laufzeit

Zum Vorbild für die Bank notiert Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "In Venedig am Campo San Giacometto (nahe der Rialtobrücke, Anm.) . . . findet man noch über einem Geschäft die neun Buchstaben, die auf die Geschichte dieses Ortes hinweisen: BANCOGIRO." Hier gründete der Stadtstaat 1584 ein Geldinstitut. Der später durch Bankfusionen entstandene "Banco del Giro" wurde erst "1806 unter Napoleon liquidiert".

Dem Pendant in Wien war "nur ein kurzes Leben beschieden", wie Manfred Bermann, Wien 13, notiert. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, hält fest, dass die ursprüngliche Girobank "von Anfang an unterkapitalisiert war", sie hatte also nicht genug Eigenmittel, um alle Forderungen zu decken. Auch eine Umgestaltung im Juni 1704 half nicht.

Am 24. Dezember 1705 wurde sie der Stadt Wien übergeben. Die Nachfolgeinstitution nennt Herbert Beer, Wolfpassing: Die "Wiener Stadtbank", deren Zweck es u.a. war, "dem Staat die zur Kriegsführung benötigten Mittel zu verschaffen." Sie nahm, so Anton Teufl, Pielach, "am 1. April 1706 ihre Tätigkeit auf". Zur finanziellen Ausstattung merkt Dr. Karl Beck, Purkersdorf, an: Der "Wiener Stadtbanco" stützte sich "auf Kapital und Kredit der Stadt Wien" sowie auf Einzelanleger. Dazu Brigitte Schlesinger, Wien 12: Dieser Erfolg "lag nicht zuletzt darin begründet, dass es Anfang des 18. Jh.s nur wenige Möglichkeiten gab, Gelder verzinst und trotzdem leicht verfügbar anzulegen". So konnte der Kreis der Gläubiger breiter gestreut werden. "Damit war ein weiterer wichtiger Schritt zur Entpersonalisierung des Staatskredits getan."

Florieren konnte diese Bank, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, erläutert, vor allem weil sie - anders als ihre Vorgängerin - "das Vertrauen der Bürger" genoss. Diese legten nun ihr Geld an, weil die Stadt Wien als Kreditgeber der Institution "eine solidere Basis" darstellte. Der Stadtbanco agierte "bis zur Schaffung der Oesterreichischen Nationalbank (1816) . . . auch als Notenbank."

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa