Vernahm man im alten Wien ein unüberhörbares "Auf’gschaut!", war es meist schon geschehen - ein spitzer Ellbogen oder gar ein hölzerner Griff bohrte sich zwischen die Rippen. Den blauen Fleck konnte man sich ersparen, wenn man den kräftigen Männern in Rot vorsorglich genügend Platz einräumte, bevor sie den gefürchteten Ruf ausstießen. Gemeint sind freilich die Sesselträger, die in der Donaumetropole vom 18. bis ins 19. Jahrhundert hinein die sänftenartigen Tragstühle schleppten. Zu dieser Berufsgruppe recherchierte der Tüftlerkreis anlässlich der Orchidee Nro. 422.

Speziell Damen nahmen die Dienste der Wiener Sesselträger im typischen "krebsfarbenen Rock" in Anspruch - so heißt es zumindest in Überlieferungen. 
- © Bild (circa 1804-1812): Wien Museum/CC0

Speziell Damen nahmen die Dienste der Wiener Sesselträger im typischen "krebsfarbenen Rock" in Anspruch - so heißt es zumindest in Überlieferungen.

- © Bild (circa 1804-1812): Wien Museum/CC0

Zum Einzug des Transportmittels in die Kaiserstadt notiert Dr. Harald Jilke, Wien 2: Erste Hinweise darauf, dass Tragsessel in Wien auftauchten, gibt es "bereits 1677". Vorbilder hatten sie "in anderen europäischen Städten, beispielsweise Paris ... 1619, später auch Brüssel, Hamburg, Mailand und Turin."

Manfred Bermann, Wien 13 (danke für schöne Bilder!), schlug in Isabella Ackerls "Chronik Wiens" (1988) zu den Sesselträgern in der Residenzstadt nach: Schon 1689 wurde dem "Kammerdiener Michael de la Place ... eine entsprechende Lizenz erteilt." Die "Durchführung scheiterte allerdings an der nötigen Finanzierung".

Erst 14 Jahre später gelang einem anderen der Coup. Volkmar Mitterhuber, Baden, recherchierte dazu: "Dem kaiserlichen Kammerdiener Heinrich Ernst Rauchmüller von Ehrenstein wurde am 20. Juni 1703 vom Wiener Magistrat und der niederösterreichischen Landesregierung das Privileg erteilt, Tragsessel zu vermieten". Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, wirft ein: Das war genau "sieben Wochen vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe" der "Wiener Zeitung", die am 8. August 1703 "unter dem Namen "Wiennerisches Diarium"" publiziert wurde. Leserinnen und Leser hätten also im hektischen Alltag als öffentliches Verkehrsmittel die Portchaise nutzen und dort in unserem Blatt Neuigkeiten aus der Welt studieren können.

"Tschesn" für Vornehme

Eine alte Tarockkarte aus ca. 1850 zeigt die Portchaisen. 
- © Wien Museum/CC0 (Bildertipp: Manfred Bermann - danke!)

Eine alte Tarockkarte aus ca. 1850 zeigt die Portchaisen.

- © Wien Museum/CC0 (Bildertipp: Manfred Bermann - danke!)

Gründe, die Leopold I. (regierte 1657-1705) "zur Einführung von Miettragsesseln bewegt hatten", nennt Brigitte Schlesinger, Wien 12: "Zum einen bestand die Hoffnung, dass damit die hohen Ausgaben für kostspielige Karossen ... vermindert werden könnten. Zum anderen, dass durch eine Reduktion des Wagenverkehrs das Straßenpflaster Wiens geschont werde, dem die eisenbesetzten Kutschenräder offenbar stark zusetzten. Und schließlich versprach er sich ... eine Erhöhung der Lebensqualität für die Bewohner und Besucher der Stadt, da diesen damit ein bequemes Transportmittel zur Verfügung gestellt wurde."

Zu dem Vehikel selbst kommt Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: Es handelte sich um schwere, "überdachte, mit Türen und Fenstern geschlossene sowie mit Tragstangen versehene Sessel zur Beförderung von Einzelpersonen", transportiert von zwei Männern.

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, verweist auf den in Wien gebräuchlichen Begriff "Tschesn" und ergänzt: "Die meisten Lexika ... meinen, dass Tschesn als noch heute zumindest in Ostösterreich verwendeter Begriff für altes Auto aus dem Französischen "chaise de poste" (auch Post-chaise, Anm.), also Postwagen, stammen soll". Der Nussknacker war "bislang immer . . . fest überzeugt, dass die (alte) Tschesn aber von portchaise (dt. Tragsessel, Anm.) stammt. Schließlich ist in portchaise das Sprachhölzel für Tsches(n) geworfen."

Wie jedenfalls mit diesen "Tschesn" umzugehen sei, war in der erwähnten Verordnung genau geregelt. So musste "bey Ausleihung derley Trag-Sessel" darauf geachtet werden, dass keine "Aussländischen" und nur "in diesen Landen" sich befindende Träger die Transportmittel für Arbeit mieten durften. Außerdem sollten diese "keinen Kranken, noch Laggey (= Lakaien, Anm.), und dergleichen ringfügige Liberee-personen (ausser die Pagen) vil weniger einen Juden" als Gast mitführen. Mit "Liberee-personen" war livriertes Dienstpersonal gemeint.

Dienst ohne Widerrede

Noch im Jahr 1703, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, "veröffentlichte die niederösterreichische Landesregierung" weitere Richtlinien: "Die Taxe für die Beförderung innerhalb der Stadt betrug 14 Kreuzer, Höchsttaxe bei Tagesmiete ein Gulden 30 Kreuzer." Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, merkt an: Es mussten monatlich bis zu "eineinhalb Gulden an das Armenhaus" (später Allgemeines Krankenhaus in der heutigen Alser Straße) "abgeführt werden."

Nach dem Tod Rauchmüllers verlieh Herrscherin Maria Theresia das Privileg noch mehrfach an unterschiedliche Personen. Sohn Joseph II. (Alleinregent ab 1780) schlug aber eine andere Richtung ein. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dazu: "Das Privileg wurde ... aufgehoben. Am 20. August 1781 wurde eine Sesselträgerordnung verlautbart". Darin war festgehalten, so Anton Teufl, Pielach, dass "jedermann Tragsessel vermieten" durfte.

Außerdem hieß es dort: "Die Sesselträger sind verpflichtet, jeden Menschen, der es verlangt, in die Stadt ohne jede Widerrede hinzutragen, wohin es immer gefordert wird." Es galt eine Ausnahme: "Kranke Menschen in Spitäler, oder wohl gar todte Körper von einem Orte zum andern zu tragen, ist ihnen ... nicht gestattet."

Außerdem, so Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, musste weiterhin "an das Großarmenhaus" gezahlt werden, nämlich "pro Tragsessel ein ... Gulden pro Monat". Die nun freigegebenen "Preise, Ende des 18. Jh.s noch 17 Kreuzer, kletterten schließlich auf ein bis drei Gulden pro Gang in der Stadt sehr zum Unmut der Kundschaft."

Auch die berühmten "Eipeldauer-Briefe" befassen sich mit der Thematik. In der halbmundartlich abgefassten Volkszeitschrift kommentierte Joseph Richter zwischen 1785 und 1813 aktuelle Ereignisse. (Spätere Herausgeber waren Franz Xaver Karl Gewey und Adolf Bäuerle.) Dr. Alfred Komaz, Wien 19, zitiert eine Passage: "... jetzt leben d’Sesseltrager auf ihr eigne Faust. Es ist auch jetzt keine Taxe mehr, sondern sie begehrn ..., was ihnen beliebt."

Die roten Livreen sah man nur mehr vereinzelt. Im "Eipeldauer" kommen die Träger selbst zu Wort: "Ja, wir haben unser rothes Gwandel abgelegt, weil wir jetzt in der Trauer gehn; denn unsre Tuchhandler verkaufen jetzt s’rothe Sesseltragertuch, das ehedem d’Ellen 2 fl. (= Gulden, Anm.) kost hat, um 15 fl.".

Inzwischen hatte die Dienstleistung auch außerhalb Wiens Fuß gefasst, so Helmut Erschbaumer, Linz: "Im Salzkammergut wurde das Sesselträgergewerbe oft von arbeitslos gewordenen Saline- und Holzarbeitern ausgeübt. In St. Wolfgang" verrichteten "30 Personen diese Dienste ..., da sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts höchste Herrschaften" sowie reiche Bürger und insbesondere Bürgerinnen "auf den Schafberg tragen ließen."

Geschäft mit Umtrunk

In Wien änderten sich aber nicht nur Dienstkleidung und Bezahlung - der Beruf und später der gesamte Betrieb befanden sich im Umbruch. Ursprünglich gab es vier Plätze, an denen Tragsessel auf Kundschaft warteten: Beim "Roten Igel" (damaliges Durchhaus zwischen Tuchlauben und Wildpretmarkt, in dem auch die erste Heimstätte der "Diarium"-Redaktion untergebracht war), in der Wollzeile, gegenüber der Kapuzinergruft und in der Singerstraße.

Altwiener Kellerwirtshaus in einer idealtypischen Darstellung aus dem Jahr 1803. Im Sche(c)kelkeller beim Tiefen Graben, einem beliebten Treffpunkt für Sesselträger, haben sich wohl ähnliche Szenen abgespielt. 
- © Wien Museum/CC0

Altwiener Kellerwirtshaus in einer idealtypischen Darstellung aus dem Jahr 1803. Im Sche(c)kelkeller beim Tiefen Graben, einem beliebten Treffpunkt für Sesselträger, haben sich wohl ähnliche Szenen abgespielt.

- © Wien Museum/CC0

Mit der Zeit wuchs die Anzahl der Standplätze. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, erwähnt den "Michaelerplatz gegenüber dem Palais Herberstein". Später kam etwa "der Standplatz der Landstraßer Sesselträger ... beim Haus Ungargasse 5" sowie "jener der Erdberger bei der Kundmanngasse" dazu.

Oft lagen die Stellplätze in der Nähe von Gaststuben. Nicht nur potenzielle Kundschaft, sondern auch die Sesselträger selbst kehrten gerne ein. Ihr wohl bekanntestes Stammlokal nennt Herbert Beer, Wolfpassing: Den Sche(c)kelkeller.

Bereits erwähnter Tüftler Chalupnik ergänzt dazu: Er "befand sich im Bereich des heutigen Baukomplexes Am Hof 6, Tiefer Graben 2, Heidenschuß 2".

Im Laufe der Zeit kamen die Träger in Verruf. Man sagte ihnen Grobheit und Trunkenheit nach. Zudem wirkten die Sänften bald altmodisch und die Konkurrenz ruhte nicht. Gerhard Toifl, Wien 17, erwähnt den im 18. Jh. aufgekommenen "Zeiserlwagen", ein von Pferden gezogener "Leiterwagen mit quergelegten Sitzbrettern". Dieser durfte lange "nur außerhalb des Linienwalls" betrieben werden, drängte aber in die Stadt und war ein populäres Transportmittel für Ausflügler. Mit der Jahrhundertwende "kamen die sogenannten Stellwagen oder Gesellschaftswagen, mit bestimmten Routen und Haltestellen" dazu - eine Art "Vorläufer des Omnibusverkehrs".

Maria Thiel, Breitenfurt, notiert: "Nach 1848 fanden die Tragsessel infolge des Ausbaus des Liniennetzes der kostengünstigeren Stellwagen immer weniger Zuspruch." Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "Der letzte Sesselträger" in der Donaumetropole legte schließlich "seine Konzession ... 1888 zurück."

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky