Eduard Albert, eine herausragende Persönlichkeit der Wiener Medizin des 19. Jahrhunderts, ist hierzulande beinahe vergessen. Obwohl er die Chirurgie in Österreich und darüber hinaus zwischen den 1860er-Jahren und 1900 stark geprägt hat, gibt es im deutschen Sprachraum sehr wenig Literatur und erst seit Kurzem eine Biographie dieses vielseitig talentierten Menschen (siehe Buchtipp in der letzten Spalte). Albert und viele seiner Schüler haben damals die Entwicklung der Chirurgie, aber auch deren Spezialisierung in Fachgebiete vorangetrieben - mit Auswirkungen bis heute.

Eduard Albert war nicht nur ein hervorragender Chirurg und Lehrer, als Politiker trat er für den Ausgleich zwischen den Österreichern und den Tschechen ein.

Als Eduard Albert am 20. Jänner 1841 im ostböhmischen Žamberk/Senftenberg als Sohn eines Uhrmachers das Licht der Welt erblickte, deutete nichts darauf hin, dass ihn eine besondere Karriere erwartete.

Nach der Matura am deutschen Gymnasium in Königgrätz/Hradec Králové begann er 1861 sein Medizinstudium an der Wiener Universität. Seine Familie sah sich kaum imstande, dies zu finanzieren, hatte Albert doch sieben jüngere Geschwister. Sowohl im Gymnasium als auch an der Universität verdiente er sich durch Nachhilfestunden etwas dazu, doch war er häufig dennoch gezwungen, sich Geld zu leihen.

Schüler Rokitanskys

Im Jänner 1867 wurde Albert zum Dr. med. promoviert und im Oktober als Stipendiat und Operationszögling an der I. Chirurgischen Klinik von Professor Johann Dumreicher angenommen. Bald bekam er dort eine Assistentenstelle. Das chirurgische Doktorat erhielt er 1869. Bereits 1872 konnte er sich in Chirurgie habilitieren. Im Herbst 1873 wurde er dank einer Empfehlung seines früheren Lehrers, des Pathologen Carl von Rokitansky als Vorstand der Chirurgischen Universitätsklinik nach Innsbruck berufen.

Nach Dumreichers plötzlichem Tod 1880 bot sich die Gelegenheit, ihm an der I. Chirurgischen Klinik in Wien nachzufolgen, so wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Nichtsdestotrotz musste Albert um diese prestigeträchtige Stelle kämpfen. Dass er sie schließlich erhielt, hatte er u.a. seiner Bekanntschaft mit dem Ministerpräsidenten Eduard Taaffe zu verdanken. Seit seiner Innsbrucker Zeit war er mit Taaffe, damals Statthalter von Tirol, freundschaftlich verbunden. Am 2. Februar 1881 ernannte somit Kaiser Franz Joseph Albert zum Vorstand der I. Chirurgischen Klinik. Mit dem Antritt dieses Postens an der Wiener Universität im Mai desselben Jahres begann Alberts zweite, fast zwanzigjährige Wirkungsperiode in Wien.

Neben der klinischen und wissenschaftlichen Arbeit führte er auch eine Privatpraxis, die im Laufe der Zeit von immer mehr Patienten frequentiert wurde, darunter auch bedeutende Persönlichkeiten: Neben den Familien des Grafen Taaffe und Alfred Fürst Windischgraetz zählten dazu auch Angehörige der Herrscherfamilie sowie führende Vertreter des politischen und kulturellen Lebens. Er nahm sich aber dennoch regelmäßig Zeit, um mittellose Patienten kostenlos zu behandeln.

1885 wurde er ordentliches Mitglied des Obersten Sanitätsrates, 1887 Hofrat und 1895 Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit. Schon 1892 verlieh ihm der Kaiser das Ritterkreuz des Leopoldordens.

Zwischen den Sprachen

Albert bekannte sich stets zu seiner tschechischen Herkunft. Intensiv verfolgte er auch das dortige gesellschaftliche und politische Leben. Die Tatsache, dass er in Wien lebte, erlaubte ihm eine differenzierte Sicht der Dinge und ließ ihn zugleich Abstand gewinnen von dem politischen Geplänkel auf böhmischem Boden. Gleichzeitig aber weckte er ein gewisses Misstrauen seitens der tschechischen Politiker, da er sich dagegen wehrte, sich in einer einzigen Partei offen zu engagieren.

Albert war eine Persönlichkeit, die sich zwischen dem tschechischen und dem deutschen Sprachmilieu hin und her bewegte. Häufig fiel ihm dabei die Rolle des Vermittlers zu, zumal er ja in höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehrte. Unbestritten ist deshalb, dass Albert als führender Vertreter der sogenannten böhmischen Lobby in Wien agierte.

Neben seiner medizinischen Tätigkeit interessierte er sich auch für die Kunst. Er war vor allem ein Kenner der tschechischen Dichtung und leidenschaftlicher Bewunderer des Schriftstellers Jaroslav Vrchlický. In den 1890ern stellte Albert sich der Öffentlichkeit nicht nur als Literaturkritiker vor, sondern auch als Übersetzer tschechischer Dichtung ins Deutsche, als Herausgeber von Anthologien dieser Übersetzungen und am Ende sogar selbst als Dichter.

Dank seines herzlichen Charakters war Albert ein angenehmer und gefragter Zeitgenosse. Dies belegt auch seine Mitgliedschaft in der Wiener Tischgesellschaft "Die Nische", wo er sich beispielsweise mit dem Maler Rudolf von Alt, dem Karikaturisten Ernst Juch, den Malern Ludwig Hans Fischer und Adolf Obermüllner, dem Bildhauer Karl Costenoble, der Schriftstellerin Ada Christen und deren Mann Adalmar von Breden, dem Dirigenten Hans Richter und dem Journalisten Vratislav Kazimír embera/ Schembera, austauschte.

Mit seinen Freunden traf sich Albert in den berühmten Wiener Gaststätten Riedhof (8. Bezirk, Wickenburggasse 15) und Kaiserhof (1. Bezirk, Reichsraths-straße 19), oder aber er bat sie, wie es damals üblich war, zu sich nach Hause. So entstand in seiner geräumigen Wohnung hinter der Votivkirche am Maximilianplatz (nun Rooseveltplatz) / Ecke Frankgasse eine Art kulturpolitisches Zentrum. Seine Freunde lud er auch in seine Geburtsstadt Žamberk ein, wo er sich eine Villa gebaut hatte.

Obwohl Albert zu den Wiener Honoratioren gehörte, vergaß er nie, wie hart seine Anfangsjahre gewesen waren. Er förderte daher etliche Persönlichkeiten, die wie er aus bescheidenen Verhältnissen stammten. (Übrigens konnte er seine eigenen Schulden aus Gymnasial- und Studienzeiten erst nach seinem Antritt an der Chirurgischen Klinik in Innsbruck restlos zurückzahlen). Er finanzierte auch die Büsten seiner Lehrer im Arkadenhof der Wiener Universität, etwa diejenigen von Josef Hyrtl, Josef koda und Johann Dumreicher.

Grab nach Wien verlegt

In der Nacht vom 25. auf 26. September 1900 verstarb Albert in seiner Geburtsstadt. Beginnend mit feierlichen Nekrologen in der böhmischen, mährischen, österreichischen, deutschen und sonstigen ausländischen Presse, kamen schon bald Artikel in populärwissenschaftlichen Publikationen, in Fach- und medizinischen Zeitschriften hinzu. In Böhmen handelte es sich bei den Autoren um Alberts Schüler und Kollegen Karel Maydl, Otakar Kukula und Ladislav Syllaba. In Österreich waren es beispielsweise Adolf Lorenz, Johann Habart und Carl Ewald.

Alberts sterbliche Überreste sollten nicht lange in Žamberk bleiben. Sein Leichnam wurde exhumiert, am 29. November 1901 nach Wien überführt und auf dem Zentralfriedhof in einem von der Gemeinde bereitgestellten Ehrengrab zur letzten Ruhe gebettet. Somit liegt Albert in unmittelbarer Nähe seiner Freunde Eduard Hofmann, Emanuel Kusý von Dúbrav, beide Mediziner, und seines ehemaligen Kollegen und Rivalen Theodor Billroth sowie des Forschungsreisenden Emil Holub. Das prunkvolle Grabmal schuf der Bildhauer Adalbert Eduard aff.

Nach seinem Ableben festigte sich Alberts Bild aus der tschechischen und deutschen Perspektive: Er wird v.a. als Chirurg von internationaler Bedeutung, als Begründer - "Apostel" - der Antisepsis gepriesen. Gewürdigt werden auch seine literarischen Tätigkeiten und seine Redekunst. Im tschechischen Diskurs wird hervorgehoben, dass es ihm als Buben aus armen Verhältnissen am Ende gelungen war, sich in der Fremde an einer ihm feindlich gesinnten Wirkungsstätte durchzusetzen.

Biographie auf Deutsch

Wie wird Eduard Albert heute gewürdigt? Auf Anregung von Zdeněk Krka, dem Direktor der I. Chirurgischen Klinik der 1. Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität und des Allgemeinen Universitätskrankenhauses Prag wurde die Edition Albertova sbírka (Albert-Sammlung) erneuert, in der Beiträge von tschechischen und ausländischen Spezialisten aus verschiedenen Gebieten der Medizin veröffentlicht werden.

2020 wurde Alberts Büste im Institut für Physiologie der 1. Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität in Albertov, einem nach dem Mediziner benannten Stadtviertel in Prag, enthüllt. Die Hochschule würdigte diesen wichtigen Arzt, nach dem der Gebäudekomplex der Fakultät für Naturwissenschaften und der 1. Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität in der Prager Neustadt benannt ist.

Interessierten steht seit Kurzem die Biographie der tschechischen Historikerin Helene Kokeová, "Eduard Albert. Ein böhmischer Intellektueller in Wien", auch in deutscher Übersetzung zur Verfügung. Die Publikation, die 2021 im Böhlau Verlag erschienen ist (332 S., 47 ), wurde von der "Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie" sowie von der "Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie" unterstützt.

Univ.-Prof. Dr. Gerold Holzer ist emeritierter Professor für Orthopädie an der Medizinischen Universität Wien mit Aufenthalten in den USA, Japan und Hongkong. Neben medizinisch-wissenschaftlichen Publikationen (Schwerpunkte: Osteoporose, Insuffizienzfrakturen und Knochentumore) auch medizinhistorische Arbeiten zu Adolf Lorenz und Eduard Albert.