Auf einer ganzen Seite prangte in der August-Nummer der Zeitreisen eine sommerliche Spezial-Bildnuss, die in der Gemeine die Köpfe rauchen ließ. Nachgedruckt war eine Farbtafel aus einem illustrierten Kinderbuch (Verlag Hölzel, 5. Aufl., ohne Jahresangabe, nach 1910). Zu sehen war eine städtische Szenerie als Sinnbild einer europäischen Metropole (rechts nochmals verkleinert wiedergegeben). Anhand dieser Darstellung wurde einst sogar in Japans Schulen das Bild von der westlichen Welt geprägt - doch dazu später mehr.

Ohne Oberleitung

Der Titel "Ein Traum von einer Stadt" war nach Ansicht von Dr. Alfred Komaz, Wien 19, "richtig gewählt", zeigt das Panorama doch "eine Stadt, die es in der Realität nicht gibt", die aber "auf den ersten . . . Blick an den Donaukanal und den Kai" - also an Wien - erinnert. "Die Einzelheiten stimmen bei eingehenderer Betrachtung überhaupt nicht mit der Wirklichkeit . . . überein." Ein Beispiel: "Die Silhouette der Hügel am Horizont hat nichts mit Kahlen- und Leopoldsberg zu tun. Die Eisenbahn, die man als Wiener Stadtbahn zu erkennen glaubt, würde aber diesfalls auf der falschen Flussseite fahren."

Etliche Monumentalbauten der Kaiserresidenz hat Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, entdeckt, etwa "das Wiener Rathaus, eine Art Votivkirche, im Hintergrund die Karlskirche mit Kuppel und den beiden Säulen und schließlich im Vordergrund ein Theater, das dem Volkstheater . . . ähnlich sieht . . . Die Brücke mit den vier Säulen ähnelt der . . . Ferdinandsbrücke (dem Vorläufer der Schwedenbrücke)". Allerdings hat der Spurensucher im zweiten Gebäude von rechts auch ein Wahrzeichen einer anderen europäischen Metropole erkannt, nämlich "den Budapester Nyugati pályaudvar (Westbahnhof)".

Das Dr. Peherstorfer ans Volkstheater gemahnende Haus erinnert Gesandten i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, auch "an das Palais Equitable" am Stock-im-Eisen-Platz, zum Graben hin. Beim "roten Gebäude in der linken Bildhälfte" denkt Dr. Litschauer "an das Museum für angewandte Kunst an der Ringstraße", wobei "die Ecktürme . . . nicht der heutigen Ansicht" entsprechen.

Das in Bau befindliche Gebäude rechts assoziiert Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F, mit einem "Grand Hotel, wie in London üblich". Dem Tüftler fällt auch die "eingleisige Dampfbahn" auf; "damals war ja die Stadtbahn noch dampfbetrieben." Und: Die "Schiffe scheinen auf einen Linienverkehr zu Wasser hinzudeuten", was "bis heute keine . . . schlechte Idee wäre."

Auf die Straßenbahn richtet DI Dr. Luzian Paula, Wien 3, sein Augenmerk: Sie wird "ohne Oberleitung dargestellt, was auf eine unterirdische Stromzuführung schließen lässt." Eine solche "war zu Beginn des Verkehrs auf der Ringstraße aus städtebaulichen Gründen (Ortsbild) vorgeschrieben." Der Zeitreisende meint, dass man in der Darstellung "mit viel Phantasie eine . . . Verschmelzung von Wiener Ringstraße mit dem Budapester Kai" sehen kann - quasi "das beste aus beiden Welten".

"Dass der Zeichner den auftraggebenden Verlag Eduard Hölzel auf der Litfaßsäule im linken Vordergrund präsentierte, ist verständlich", setzt DI Dr. Paula fort. (Übrigens: Auch auf dem Zaun am Flussufer war der Name des Unternehmens verewigt, im Zeitungsdruck war dies allerdings kaum erkennbar.) Außerdem sticht dem Spurensucher ins Auge, dass der Illustrator "denselben Maßstab der Säule auf den Stadtbahnzug über dem Fluss angewendet hat" - das "geht perspektivisch natürlich gar nicht . . . Zur Strafe donnert der Zug demnächst in das (perspektivisch richtig dargestellte) Tunnelportal." Als "gelungenen graphischen Gag" bezeichnet der Tüftler den "verwaschenen Fleck . . . zwischen Votivkirche und Rathaus, der . . . den Hochstrahlbrunnen darstellt."

Auch mit "den Gesetzen der Physik" ist der Künstler "eher großzügig umgegangen", wirft schon zitierter Zeitreisender Dr. Komaz ein: "So könnte ein Mann (in der Bildmitte vorne) das schwer beladene Lastboot in einem Fluss . . . nicht halten".

Taube und Luftschiff

Gen Himmel richtete Manfred Bermann, Wien 13, seinen Blick, wo er neben einem Zeppelin und einem Fesselballon u.a. das von Igo Etrich (1879-1967) entwickelte Flugzeug namens Etrich-Taube entdeckte.

Diese österreichische Erfindung zieht Dr. Harald Jilke, Wien 2, zur zeitlichen Einordnung heran: Da sie 1910 erstmals flog, liegt als Datierung des Panoramas "nach 1910" nahe.

Ein amüsantes Detail sieht bereits erwähnter Geschichtsfreund DI Dr. Paula darin, "dass die Etrich-Taube am Himmel von echten Tauben gejagt" wird.

Bei dem Doppeldecker musste Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zuerst an die Brüder Wright denken. Aber das erschien dem Zeitreisenmedicus doch zu weit hergeholt. Immerhin stelle das Tableau ja eine "Verherrlichung" der "idealisierten Heimatstadt" Wien dar. Es könnte also "der Farman-Doppeldecker sein, der ursprünglich aus Paris stammte und hier in unseren Landen unter dem Namen Warchalowski "Vindobona"" (nach Aeronaut Adolf Warchalowski, 1886-1928) flog.

In Bezug auf das abgebildete Luftschiff vermutet Dr. Kremser, dass dies "der österreichische Zeppelin" ist. "Das seinerzeit größte Prallluftschiff der Welt (!) stammte von Ingenieur Hans Otto Stagl und Oberleutnant Franz Mannsbarth. Das 30 Personen Platz bietende Luftschiff (Anm.: die "Hindenburg" fasste in den 1930ern mehr als doppelt so viele) hatte seinen Hangar in Fischamend an der Aeronautischen Anstalt." Aufsehen erregte es u.a. bei einer "Fahrt am 20. Oktober 1911 zu den Hochzeitsfeierlichkeiten von Erzherzog Karl und Prinzessin Zita nach Schwarzau am Steinfeld."

Bis Japan verwendet

Der Verlagsgründer Eduard Hölzel (1817-1885). 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Der Verlagsgründer Eduard Hölzel (1817-1885).

- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Zum Verlag Ed. Hölzel recherchierte Gerhard Toifl, Wien 17: Bekannt ist das Unternehmen "für seine Atlanten, die v.a. in österreichischen Schulen verwendet werden". Eduard Hölzel hatte "1844 in Olmütz eine Buchhandlung" eröffnet und sich auch verlegerisch betätigt. 1861 ging er nach Wien. Sein "Geographischer Schul- Atlas für die Gymnasien, Real- und Handels-Schulen", entstanden "unter der Leitung von Blasius Kozenn" (1821-1871), erschien in mehreren Sprachen.

Wandtafeln für den Unterricht gehörten ebenfalls zu Hölzels Spezialitäten. Brigitte Schlesinger, Wien 12, entdeckte Interessantes: Das in den Zeitreisen präsentierte Tableau existierte auch als solches Schaubild. Als vermutliche Jahresangabe fand die Tüftlerin 1887. Dazu passt, dass auf dieser älteren Version außer dem Ballon keine Luftfahrzeuge zu sehen sind.

Ein Beitrag von Kunsthistoriker Alexander Klee in den Wiener Geschichtsblättern 04/2014 informiert zu Hölzels Wandtafeln, dass sie nicht nur in der Monarchie, sondern auf dem ganzen Globus eingesetzt wurden, inklusive Australien, USA, Russland etc. "Das Bild Europas im ausgehenden 19. Jahrhundert", so Klee, wurde damit "in die Welt getragen und selbst japanische Schüler erhielten anhand dieser Bilder einen ersten Eindruck von Europa." Den "Prototyp einer Stadt" bildete somit "Wien, dessen Architektur sich statt an der Ringstraße am Donaukanal entlangzieht."

Mit Eduard Jordan (1850- 1930), dem Verfasser der Texte in "Hölzel’s Bilderbuch", aus dem auch die städtische Szenerie stammt, befasste sich Herbert Beer, Wolfpassing: Geboren im mährischen Gurwitz, besuchte er 1866ff die Lehrerbildungsanstalt Korneuburg. 1870 wurde er "Unterlehrer in einer Volksschule" im 2. Bezirk Wiens, nebenbei studierte er Pädagogik. Es folgten 25 Jahre "als Elementarlehrer in einer Mädchenklasse" im 1. Bezirk. Er war außerdem Herausgeber der Zeitschrift "Schule und Haus", wo er auch selbst Artikel publizierte. Mit seinen liberalen Ansichten - er trat u.a. für die Trennung von Schule und Kirche ein - schuf er sich Feinde und sollte nach 1900 "an eine Knabenbürgerschule" in Hernals versetzt werden. Dies lehnte er ab. Stattdessen unterrichtete er bis zur Pensionierung "1907 an einer Mädchen-Bürgerschule in der Josefstädter Straße."

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner