Kinderwelten des 19. Jahrhunderts: Nachwuchs betuchter Eltern... 
- © Bild aus: Tante Freundlichs Erzählungen, Leipzig o.J. (= ca. 1830)

Kinderwelten des 19. Jahrhunderts: Nachwuchs betuchter Eltern...

- © Bild aus: Tante Freundlichs Erzählungen, Leipzig o.J. (= ca. 1830)

Wer kennt sie nicht, die zwei Königskinder? In Liebe verbunden, kamen sie nicht zusammen, denn (so eine Liedversion) "das Wasser war viel zu tief". Vermutlich ist die Volksballade breiter zu interpretieren. Es geht wohl kaum nur um Thronerben; auch dürfte das Wasser für unselige Hindernisse stehen. Etwa für einst strenge Standesschranken.

Aber was wäre das Leben ohne tröstliche Ausnahmen? Sehr selten fand ein gemäß Kastengeist ungleiches Paar doch sein Glück.

... beim Besuch eines Weihnachtsmarktes. 
- © Bild aus: Tante Freundlichs Erzählungen, Leipzig o.J. (= ca. 1830)

... beim Besuch eines Weihnachtsmarktes.

- © Bild aus: Tante Freundlichs Erzählungen, Leipzig o.J. (= ca. 1830)

Von so einem berührenden Fall aus der k.u.k. Ära soll heute die Rede sein sowie des Weiteren ein wenig von der langen Zeitspanne, in der Protagonistin und Protagonist erfüllt miteinander lebten und Schicksalsschläge meisterten: Ein nun im achten Lebensjahrzehnt stehender Gewährsmann, der als Bub die beiden in den 1950ern als Tante Mizzi (Maria) und Onkel Fery (Ferdinand) staunend kennenlernte, erinnert sich noch gut an sie und berichtet.

Somit schlüpfen wir in die Zeit kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert; Ort des Geschehens ist Wien. Ein Unteroffizier in Uniform spaziert durch den noblen Bezirk Wieden. Ferdinand, Waldviertler und Mittzwanziger, kennt seine Kaserne genau, die k.k. Hauptstadt hingegen etwas weniger.

Da sieht er ein Mädchen, das aus einem Geschäft kommt. Höflich erkundigt er sich, wie er zum Karlsplatz komme. Während die Angesprochene ausführlich den Weg erklärt, lächelt sie. Er lächelt ebenso. Auf seine Frage, ob sie die Gegend gut kenne, erfährt er, sie wohne ganz in der Nähe. Es folgen ein paar Grußfloskeln - und verschwunden ist die junge Wiednerin, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Er ihr übrigens auch nicht, wie sie ihm viel später sagen wird.

Ab sofort nutzt der junge Mann in Kaisers Rock jeden Ausgang, um vor dem Geschäft Ausschau zu halten. Etliche Male vergeblich. Endlich klappt es: Maria, die Gesuchte, kommt aus dem Laden... Ein Wort gibt das andere. Die beiden treffen einander nun öfter, bald werden sie ein Liebespaar.

Heimlich, versteht sich.

Hier hingegen erhascht ein armer Bub verstohlen Festesglanz. 
- © Bild aus: Töchter-Album, Bd. 25, Glogau o.J. (= ca. 1878)

Hier hingegen erhascht ein armer Bub verstohlen Festesglanz.

- © Bild aus: Töchter-Album, Bd. 25, Glogau o.J. (= ca. 1878)

Er erzählt ihr, zum "richtigen" Militär wolle er keineswegs. Er sichere einfach seine einzige Aufstiegschance nach acht Klassen Volksschule im Dorf Els (Bezirk Krems). Ein paar Unteroffiziersjahre, dann kann der Übertritt in die Gendarmerie glücken. Er hätte gern eine höhere Schule absolviert, Armut verhinderte es.

Sie spricht von ihrem Besuch eines Instituts für höhere Töchter und von ihren Eltern. Die Mutter sei ihr Um und Auf. Der meist abwesende Vater freilich habe kein Herz. Er sei hart und reich, nämlich Zinshaus- und Aktienbesitzer.

Triste Folgerung Marias: Eine Heirat mit einem Habenichts lehne ihr Vater ab, vielleicht spähe er sogar schon nach einem begüterten Schwiegersohn. Erst in mehr als einem halben Jahrzehnt wäre sie volljährig (mit 24!) und eine Ehe mit Ferdinand möglich.

Doch wovon dann leben?

Noch etwas bedrückt Maria: Der Vater würde sie verstoßen und ihrer Mutter als Eheherr jeden Umgang mit der Tochter verbieten. Ferdinand versucht zu trösten. Mit seinem herzlichen Humor, mit seiner Zielstrebigkeit hilft er Maria beim Warten. Einige Jahre vergehen.

Dann wendet sich das Blatt. Der Vater verspekuliert sich, verliert Vermögen wie Zinshaus. Die Mutter trennt sich von ihm (nach k.k. Recht ist die Scheidung katholischer Gatten unzulässig).

Ferdinand kommt in den Dienst als einfacher Gendarm und heiratet Maria.

Markt Arbesbach (im Hintergrund Burgruine) in neuerer Zeit, die Protagonistin Maria (r. oben) noch erlebte. Protagonist Ferdinand (r. unten) sah manchen Umbau nicht mehr.
Markt Arbesbach (im Hintergrund Burgruine) in neuerer Zeit, die Protagonistin Maria (r. oben) noch erlebte. Protagonist Ferdinand (r. unten) sah manchen Umbau nicht mehr.

Im Glücksjahr 1911 wird er in Arbesbach (Bezirk Zwettl) Gendarmeriepostenkommandant, mit Zuhause fürs Paar und Marias Mutter. Aber Unheil folgt. Nach einer Totgeburt 1912 ist Maria wieder schwanger. Vor Jahresende 1913 liegt sie in den Wehen und im Sterben.

Nur ein Kaiserschnitt kann helfen. Schnee blockiert indessen den Weg ins Spital Zwettl. Gemeindearzt Dr. Siegfried Mandl wagt in der Wohnung den Eingriff an der auf dem Küchentisch liegenden Frau. Bitteres Fazit: Kind tot. Die Mutter lebt, doch alles hängt am seidenen Faden. Erst um Weihnachten ist sie gerettet.

Im Sommer 1957 schilderten Maria und Ferdinand unter Tränen einem kleinen Verwandten, dem jetzigen Zeitreisenschreiber, wie sie das Wunder der Genesung vorm Christbaum feierten.

Ob der Onkel 1913 zu "WZ"-Ausgaben kam? Vielleicht dienstlich? So oder so: Gerührt hätten ihn, den Mann mit karger Kindheit, im Blatt vom 17. Dez. 1913 jedenfalls Zeilen zu einer Weihnachtsbeteilung (Gabenverteilung), bei der man hundert Kindern half.

Eine Stiftung beschenkt in Wien vor Weihnachten 1913 bedürftige Kinder: Meldung in der "WZ"-Rubrik "Kleine Chronik" vor 108 Jahren. 
- © Faksimile: Moritz Szalapek/WZ

Eine Stiftung beschenkt in Wien vor Weihnachten 1913 bedürftige Kinder: Meldung in der "WZ"-Rubrik "Kleine Chronik" vor 108 Jahren.

- © Faksimile: Moritz Szalapek/WZ

"Fery" (1875-1957) und "Mizzi" Braun (1885-1982) waren ein halbes Jahrhundert ein inniges Paar. Sie überlebte ihn 25 Jahre, stets von ihm schwärmend.

Als noch Jüngere bestiegen beide gern den "Stockzahn", den Turm der Burgruine Arbesbach, der stolz auf ein schönes Stück Waldviertel blickt. Bis heute. Seit über 800 Lenzen.

Kopfnuss für k.(u.)k. Interessierte: War die Gendarmerie der Monarchie selbständige Polizeitruppe? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)