"Während wir hier so sitzen, zerhackt vielleicht jemand das Holz des Mona-Lisa-Bildes in kleine Stücke, wirft es in den Ofen und brät sich seine Bratkartoffeln darüber. Oder wärmt sich mit den Resten der Herrlichen das Wasser zum Fussbade." Diese Horrorvision malte sich der deutsche Journalist Victor Auburtin aus, nachdem er die Hiobsbotschaft aus Frankreich erfahren hatte. Am 22. August 1911 wurde publik, dass Leonardo da Vincis Meisterwerk, das man in Frankreich "La Joconde", in Italien "La Gioconda" (auf Deutsch "die Heitere") nennt, gestohlen worden war. Die Gemeine recherchierte anlässlich der kleinen Nuss Nro. 423 zu einem aufsehenerregenden Kunstraub, der vor 110 Jahren die Welt schockte.

Es war der 21. August 1911, als man im Pariser Louvre bemerkte, dass an der Stelle, wo die Mona Lisa hängen sollte, eine Lücke an der Wand des Salon Carré klaffte. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, dazu: Man "dachte aber, dass "die Dame wieder beim Fotografieren" sei." Damals wurden viele Kunstwerke abgelichtet, auch um im Falle eines Diebstahls danach fahnden zu können. "Erst am nächsten Tag . . . begann eine hektische Suche".

"La Joconde, c’est partie!", riefen bald die Zeitungsverkäufer durch die Straßen der Seine-Metropole, so Brigitte Schlesinger, Wien 12. Paris reagierte entsetzt auf die Schlamperei des Louvre. "Als das Museum nach einer Woche wieder geöffnet wurde, strömten die Massen dorthin, um die leere Stelle an der Wand mit eigenen Augen zu sehen."

Picasso verhört

Inzwischen lief die Fahndung auf Hochtouren. "Interessant war", so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dass auch "der Schriftsteller Guillaume Apollinaire und Pablo Picasso" verhört wurden. Zu den Hintergründen ergänzt Gerhard Toifl, Wien 17: Ein Mitarbeiter des Dichters hatte einige Jahre zuvor Skulpturen "aus dem Magazin des Museums" entwendet und über Apollinaire an den Maler verkauft. Dies wurde nun, nach dem Diebstahl der Mona Lisa, aufgeklärt. Die Figuren wurden retourniert, der Verdacht gegen Picasso und Apollinaire in der Causa "Joconde" ausgeräumt.

Zahlreiche Verhöre, Straßensperren, Durchsuchungen etc. halfen nichts - von der Vermissten fehlte jede Spur. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, weiter: "Auch der Louvre gab die Hoffnung auf und hängte an die Stelle des berühmten Lächelns das Porträt eines bärtigen Mannes: Baldassare Castiglione von Raffael."

Zwei Jahre blieb die Dame verschwunden. Dass sie, wie Volkmar Mitterhuber, Baden, anmerkt, in all der Zeit nur wenige Kilometer "entfernt in der Dachmansarde eines Handwerkers" versteckt war, konnte niemand ahnen. Zum Verhängnis wurde dem Dieb, dass er das Kunstwerk letztlich "an Italien "zurückgeben"" wollte.

Im Dezember 1913 bot er das Bild "dem Kunsthändler Alfredo Geri" in Florenz an, so Herbert Beer, Wolfpassing. Geri alarmierte den Direktor der Uffizien. Gemeinsam stellten sie die Echtheit der "Gioconda" fest und verständigten die Polizei. Der Täter wurde verhaftet, das Gemälde sichergestellt.

Unter Kittel versteckt

Nun kam endlich die Wahrheit ans Licht. Beim Übeltäter handelte es sich, so Martha Rauch, Wien 14, um "einen italienischen Arbeiter namens Vincenzo Peruggia". Dieser hatte mit dem 21. August den Tatzeitpunkt "klug kalkuliert", so Dr. Alfred Komaz, Wien 19. Denn es war ein Montag, also Ruhetag und für Besucher gesperrt. "Wegen der Ferienzeit" befand sich zudem besonders "wenig Personal im Gebäude". Dazu fällt dem Spurensucher ein Chanson von Charles Aznavour ein: "À Paris au mois d’août . . . nous étions seuls sur terre . . ." ("In Paris im August . . . waren wir allein auf der Erde").

Stahl die "Joconde": Vincenzo Peruggia (1881-1925). 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Stahl die "Joconde": Vincenzo Peruggia (1881-1925).

- © Bild: Archiv/gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Was benötigte Peruggia für seinen Coup? "Nur einen weißen Kittel", so Christine Sigmund, Wien 23, wie ihn "auch Kopisten und sämtliche Verwaltungsangestellte trugen. Einen Tag zuvor ließ er sich in einem der vielen Wandschränke einschließen . . . Als der Putztrupp am nächsten Tag mit seiner Arbeit fertig war, verließ er sein Versteck". Er "nahm das Bild von der Mauer" und "schob es unter seinen Kittel". Dass das Werk "nur 76,8 mal 53cm" misst, machte die Sache etwas einfacher. Allerdings steckte das auf Pappelholz gemalte Porträt in einem schweren Rahmen.

Diesen ließ er, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, "im Treppenhaus" stehen - "und ward nicht mehr gesehen".

Die an der "Mona Lisa" angebrachte Verglasung hatte Peruggia selbst vor nicht allzu langer Zeit installiert, war er doch in Paris bei einer Glaserei beschäftigt, die für den Louvre Aufträge ausführte, so Dr. Harald Jilke, Wien 2. Daher kannte er die örtlichen Gegebenheiten gut. Beim Entfernen der Scheibe hinterließ der Dieb übrigens "seine Fingerabdrücke". Diese waren zwar "bereits seit 1909 registriert", doch man fand sie schlicht nicht in der Kartei, die damals "nach Körpermaßen sortiert" war. Das nach dem Kriminalisten Alphonse Bertillon benannte System offenbarte nun seine Fehler.

Bevor man das Werk wieder nach Frankreich brachte, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, "wurde es in Florenz, Rom und Mailand ausgestellt". Am letzten Tag des Jahres 1913 "kehrte das Gemälde in den Louvre zurück".

An Reisen war die "Gioconda" bereits gewöhnt. In der Geschichte hatte das Ölbild schon viele "Zwischenstationen hinter sich, bis es schließlich . . . eine ständige "Bleibe" fand", notiert Helmut Erschbaumer, Linz, zum früheren Schicksal des Kunstwerks. Und weiter: 1518, kurz vor seinem Tod, hatte "Leonardo da Vinci . . . das Gemälde . . . an König Franz I. von Frankreich verkauft". Kostenpunkt: "6250 Golddukaten". Der Regent bewahrte das Meisterwerk "im Schloss Amboise auf". Später wanderte es "nach Fontainebleau und schließlich . . . nach Versailles in die Sammlung Ludwigs XIV." Nach der Französischen Revolution fand das Konterfei "eine neue Heimat im Louvre, bis es Napoleon mitnahm und in sein Schlafzimmer hängte. Nach dessen Verbannung" kam es wieder in das Museum.

In Italien ein Held

1914 wurde Peruggia der Prozess gemacht. Das Ergebnis nennt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: Er fasste nur "ein Jahr plus 15 Tage Haft" aus. Nach einer Berufung wurde "die Strafe auf sieben Monate plus acht Tage verkürzt . . . Da Peruggia diese Zeit . . . bereits in Untersuchungshaft verbracht hatte, konnte er das Gericht als freier Mann verlassen!"

Seinen weiteren Lebensweg recherchierte Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "In Italien galt er .. . als Held, diente im Weltkrieg in der Armee, kehrte dann aber nach Frankreich zurück und "verbürgerlichte" als Lackierermeister mit Frau und Kind."

Er starb an seinem 44. Geburtstag, am 8. Oktober 1925, in einem Pariser Vorort "an einem Herzinfarkt", wie schon zitierte Tüftlerin Schlesinger anmerkt, "nicht, wie vielfach berichtet wird, an einer Bleivergiftung".

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner