Mit einem osmanischen Zeltlager beginnt der Mythos um den Bauplatz eines einst herrlichen Lustschlosses, das im heutigen Wiener Bezirk Simmering zu finden ist. DI Karin Endler, Wien 23, zu der Fama: "Um das Jahr 1665 tauchte erstmals das Gerücht auf, dass an dem Ort, an dem 1529 während der ersten Türkenbelagerung das Zelt Süleymans des Prächtigen (auch Soliman, Sultan und Befehlshaber, Anm.) gestanden war, das Schloss Neugebäude errichtet worden sei." Unter anderem dieser Sage ging die Gemeine anlässlich der Orchideenfrage der Nro. 424 nach und beförderte mit Hilfe gründlicher Recherchen die Fakten zutage.

Ausgangspunkt ist ein anderes Schloss in unmittelbarer Nähe, wie Maria Thiel, Breitenfurt, festhält: "Maximilian I. ließ 1499 den alten Herrensitz Ebersdorf zu einem landesfürstlichen Jagdschloss umgestalten. Während der Türkenbelagerung 1529 residierte hier angeblich Sultan Süleyman." Maximilian II., der Urenkel des schon erwähnten Habsburgers Maximilian I., ließ unweit davon "in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ... das sogenannte Neugebäude ... errichten." Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, dazu: Der Name "Neugebäude" ist im Gegensatz zum "alten" Schloss Ebersdorf zu verstehen. Die Bezeichnung taucht "urkundlich erstmals im Oktober 1573 als das "neue Gepews" auf".

Grüner Kaiserdaumen

Jätete Maximilian II. im Garten des Neugebäudes Unkraut? 
- © Bild: gemeinfrei

Jätete Maximilian II. im Garten des Neugebäudes Unkraut?

- © Bild: gemeinfrei

"1569 wurde ... mit dem Bau ... begonnen", wie Herbert Beer, Wolfpassing, anmerkt. Volkmar Mitterhuber, Baden, weiter: Das Vorhaben sollte zur "Vergrößerung des Ruhmes des Kaisers" dienen. Die geplante "repräsentative Anlage" galt als Zeugnis für "seinen Machtanspruch". Pomp und Prunk war die Devise: Als Inspiration dienten antike Bauarten und moderne italienische Architektur. In den "farbenprächtigen Gärten" sollten "Springbrunnen und Wasserkaskaden" beeindrucken. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, schließt an: Die neue Anlage "erstreckte sich auf zwei zur Donau hin abfallenden Geländeterrassen."

Für Planung und Umsetzung bestellte man Kenner des Fachs. Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, hält fest: Das "Konzept zum Ausbau" stammt "vermutlich von Jacopo da Strada", während die Ausführung unter anderem von Pietro Ferrabosco übernommen wurde. "Auf der oberen Terrasse entstand ... ein Garten, gesäumt von Arkaden und vier mächtigen Türmen."

Dem Park "schenkte Maximilian II. aufgrund seines ... Interesses an Pflanzenkunde ... besondere Beachtung", so Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22: Schließlich soll er sogar höchstpersönlich "zur Entspannung ... in den Gärten seiner verschiedenen Residenzen gearbeitet haben".

Zum Gartendirektor wurde kein Geringerer als Charles de l’Écluse, besser bekannt als Carolus Clusius (1526-1609), bestellt, wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, notiert: Der Botaniker habe "die Tulpe und die Rosskastanie" von seinen Forschungsreisen mitgebracht, "sowie den aus Persien stammenden Flieder. Der Garten des Schlosses Neugebäude war vermutlich einer der ersten in Europa", in dem diese Exoten bewundert werden konnten.

Greiser Wassermeister

Die "Grundvoraussetzung für schöne Gärten war ein hervorragendes Bewässerungssystem", wie Alice Krotky, Wien 20, recherchierte: Es wurde von den Flüssen "Liesing und Schwechat gespeist". Dafür legte man eingemauerte Holzleitungen, die "teilweise noch erhalten" sind.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, nennt den Konstrukteur: "Hans von Gasteiger (1499-1576 oder 1577, Anm.) ... war einer der berühmtesten Wasserbaumeister Österreichs in der Renaissance. Auf Drängen des Kaisers arbeitete Gasteiger noch 1575, im Alter von 76 Jahren, mit drei Gesellen am Brunnenwerk bei der Laurenzermühle" an der Schwechat, von der aus das kühle Nass zum Neugebäude gepumpt wurde.

Der Kaiser erwarb vorsorglich die wichtigsten Mühlen und Grundstücke in der Umgebung und ließ mehrere Bewässerungssysteme installieren. Der Park nahm allerdings ein jähes Ende. Bereits erwähnte Geschichtsfreundin Krotky dazu: "Im 17. Jahrhundert änderte die Schwechat nach einer Hochwasserkatastrophe ihren Lauf. Die Wasserversorgung für Neugebäude versiegte und wurde nicht mehr erneuert. Die Gärten und Brunnen verödeten."

Dennoch galt die herrliche Anlage mit den aufwendigen Wasserpumpen als "Vorbild für Jahrhunderte", ergänzt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: Maximilian prägte damit u.a. "das spätere Belvedere des Prinzen Eugen" sowie Schönbrunn.

Das Rüsseltier Soliman

Ein Wirt in Brixen bot dem Elefanten Soliman auf der Durchreise nach Wien Unterschlupf. Bis heute ziert der Dickhäuter die Fassade der Gaststätte.  
- © Foto: CC BY 4.0, Schorle/wikimedia

Ein Wirt in Brixen bot dem Elefanten Soliman auf der Durchreise nach Wien Unterschlupf. Bis heute ziert der Dickhäuter die Fassade der Gaststätte. 

- © Foto: CC BY 4.0, Schorle/wikimedia

Beim Jagdschloss Ebersdorf gab es "auch einen kleinen Tiergarten", merkt Mag. Robert Lamberger, Wien 4, an. Dr. Peter Autengruber, Wien 17, weiter: In dieser Menagerie wurde ab 1552 "der erste Elefant in Wien gezeigt".

Dieser Dickhäuter ist Dr. Manfred Kremser, Wien 18, "ans Herz gewachsen ... Der Elefant Soliman (1540- 1553) war ein Hochzeitsgeschenk der spanischen Kronprinzessin Johanna, der Tochter von Kaiser Karl V. und Isabella von Portugal", an Maximilian II. Das Tier kam aus dem Königreich Kotte, einer portugiesischen Kolonie in Ceylon (heute Sri Lanka), "über Goa in Indien 1551 nach Lissabon".

Eine Station auf Solimans Reise nach Wien war Brixen im heutigen Südtirol. Dort wurde dem Elefanten im Stall einer Herberge eine Verschnaufpause gestattet. An der Fassade hielt man eine Szene fest, die an den grauen Besuch erinnert. Diese Attraktion kann bis heute betrachtet werden (siehe Bild unten).

Prag statt Simmering

Zurück zum Neugebäude: Der tat- und finanzkräftige Einsatz um das Gebiet verebbte nach dem plötzlichen Tod Maximilians II. 1576. Christine Sigmund, Wien 23, notiert: Zwar sah sich Sohn Rudolf II. "verpflichtet, den Bau im Sinne seines Vaters fortzuführen", allerdings war "er selbst nicht so begeistert" von dem Standort. Ihn zog es vielmehr nach Prag. "Um 1600 zeigten sich erste Verfallserscheinungen."

1607 wurde dann die Ebersdorfer Menagerie ins Neugebäude transferiert. Harry Lang, Wien 12: Erst "unter Ferdinand II. und Ferdinand III. wurden 1622-33 und 1637-44 die schon sehr desolaten Gebäude wiederhergestellt."

Schützende Legende

Beide Prunkbauten erfuhren in den folgenden Jahrhunderten eine abwechslungsreiche Geschichte. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, dazu: Das Ebersdorfer Schloss war "1683 ... wieder ein Stützpunkt des osmanischen Belagerungsheeres". Im Zuge der Kampfhandlungen wurde es schwer beschädigt.

Feldherr Kara Mustafa verschonte den Bau 1683 während der Belagerung Wiens. 
- © Wien Museum, CC BY 4.0, Foto: B. & P. Kainz

Feldherr Kara Mustafa verschonte den Bau 1683 während der Belagerung Wiens.

- © Wien Museum, CC BY 4.0, Foto: B. & P. Kainz

Deutlich mehr Respekt zollten die feindlichen Truppen dem Neugebäude. Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, nennt den vermuteten Grund: "Es hielt sich die Überlieferung", dass das Lustschloss an der Stelle der "Zeltstadt von Sultan Süleymans aus dem Jahr 1529" gebaut worden sei.

Brigitte Schlesinger, Wien 12, ergänzt: Der Staatsmann und Feldherr Kara Mustafa (um 1634- 1683), der mit der Führung der osmanischen Armee betraut war, "besuchte das Neugebäude" sogar - und verschonte es.

Ein paar Jahre später verlief ein weiterer kriegerischer Konflikt weniger glimpflich für das Lustschloss, so Gerhard Toifl, Wien 17: Antihabsburgische ungarische Aufständische, die Kuruz(z)en, fielen "1704 unter Fürst Franz II. Rákóczi" in die westliche Reichshälfte ein, plünderten und "verursachten große Schäden. Auf dem Rückweg wurde das Neugebäude in Brand gesteckt."

Maria Theresia spielte ebenfalls eine Rolle für beide Bauten. Die Regentin gab Schloss Ebersdorf auf. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dazu: "1745 schenkte" sie es "dem Pfarrer von Ebersdorf". Nun wurde das Gebäude als Arbeitshaus für Vagabunden, als Spital und Erziehungshaus für Waisen genutzt. Kurze Zeit diente es als Unterkunft für Offizierstöchter, die dort erzogen wurden. 1773 ließ Joseph II. das Quartier zur Artilleriekaserne umfunktionieren.

Auch mit dem Lustschloss Neugebäude ging Maria Theresia wenig zimperlich um. DI Dr. Luzian Paula, Wien 6, notiert: Einige der Renaissancesäulen dienten als Baumaterial für die "Gloriette in Schönbrunn". Manfred Bermann, Wien 13, ergänzt, dass "Kupferdächer in die Hofburg ... abtransportiert und dort verwendet" wurden. Helmut Erschbaumer, Linz: In den verbleibenden Mauern brachte man ein Schießpulverdepot unter.

Herbert Eller, Mödling, weiter: Das einstige Prestigeobjekt blieb auch im "Ersten Weltkrieg in militärischer Nutzung". Dr. Alfred Komaz, Wien 19, fährt fort: "Im Zweiten Weltkrieg" richtete man einen "Rüstungsbetrieb im Hauptgebäude" ein. Danach "dümpelte Schloss Neugebäude ... vor sich hin, bis in den 1980ern unter Helmut Zilk" (damals Kulturstadtrat; ab 1984 Wiener Bürgermeister) Überlegungen zur Revitalisierung des inzwischen glanzlos gewordenen Baus angestellt wurden.

2001 folgten schließlich Renovierungsarbeiten und anschließend die Öffnung für das Publikum.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky