In ein wenig beleuchtetes Kapitel der Mediengeschichte des 17. Jahrhunderts tauchte die Gemeine anlässlich der kniffligen Zusatzorchidee der Nro. 424 ein: Ordinari-Zeit(t)ungen geben sogar der Forschung weiter Rätsel auf.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, eröffnet den Antwortreigen: "Das lateinische Adjektiv "ordinarius" bedeutet ordentlich, . . . regulär, allgemein (zugänglich)". Zum letztgenannten Sinn erwähnt der Tüftler die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". N.B. Auch inhaltlich waren diese Blätter mit "allgemeinen" Berichten gefüllt und nicht nur einem Thema gewidmet.

Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, weiter: Die Ordinari-Zeitungen wurden "so genannt, weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit gedruckten Blättern regelmäßig erschienen." Volkmar Mitterhuber, Baden, ergänzt: "Wo zusätzlich zum gewöhnlichen Postkurs ein weiterer Postdienst ankam" oder eine "außerordentliche Post mit besonders wichtigen Neuigkeiten, entstanden "Extra-Ordinari-Zeitungen"". Das Wort "Zeitung" war einst übrigens Synonym für "Nachrichten".

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, verweist auf das "im Heiligen Römischen Reich . . . von der Familie Thurn und Taxis" aufgebaute Postwesen, das auch die Ordinari-Posten schuf, die "den Nachrichtenfluss . . . erst ermöglichten".

Historisch nachgewiesen ist die erste Ordinari-Zeitung bislang, wie Mag. Robert Lamberger, Wien 4, herausfand, "1610 . . . in Basel" in der Schweiz.

Aus Straßburg ist schon aus 1605 eine Wochenzeitung bekannt, allerdings unter dem Titel "Relation".

Fehlende Beweise

In Wien sind für das frühe 17. Jahrhundert zwei wichtige Privilegienvergaben im Bereich der Druckereikunst überliefert. Darüber informierte sich DI Karin Endler, Wien 23, in Ernst Viktor Zenkers Buch "Geschichte der Wiener Journalistik" (1892) und zitiert: "1615 erhielt der Drucker Gregor Gelbhaar (gest. 1648, Anm.) . . . die Bewilligung, "die eingelangten wochentlichen ordinari und extra ordinari Zeitungen und was denselben anhängig" zu drucken, ein Privileg, das noch in demselben Jahre auch Mathias Formica (bzw. Matthäus, 1591-1639, Anm.) . . . erhielt." Zenker geht davon aus, dass die Verleger "nicht erst Jahre zögerten, ehe sie neben den längstbekannten unregelmässigen auch ihre regelmässigen (ordinari) Zeitungen" edierten.

Exemplare einer Ordinari-Zeitung aus Wien liegen bislang aus 1623ff vor. Erstmals erschienen ist das Blatt bereits 1621, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March. Darauf lässt sich durch die darin gedruckte Nummerierung schließen.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, merkt an: "Eine Quelle vermutet, dass man sich in unseren Landen vor allem deshalb erst relativ spät zum Druck von Zeitungen im heutigen Sinn entschlossen hat, weil geschriebene Zeitungen leichter der Zensur entzogen werden konnten." So wurden "viel reichhaltigere Nachrichten" geboten und das in einer wahren Flut an Blättern.

In jedem Fall stellen, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, betont, Ordinari-Druckwerke die "erste periodisch erscheinende österreichische Zeitung" dar.

Ein Problem für die Forschung ist der Umstand, dass in Ordinari-Zeitungen kein Erscheinungsort des Blatts genannt wird. Dazu recherchierte Publizistikprofessorin Marianne Lunzer (1919-2021) für ihre Dissertation (1953): Anhand eines Abonnements des Stiftes St. Florian/OÖ konnten dort erhaltene Ausgaben der Ordinari-Zeitung Druckern in der Residenzstadt zugeordnet werden. Auf der Rechnung war das Periodicum als "Reichs- und Wiener Zeittung" ausgewiesen.

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: Um "die Herkunft der Zeitungen zu dokumentieren, versahen gewissenhafte Archivare die Druckwerke mit dem entsprechenden Zusatz" (vgl. Faksimile oben).

Dabei half, dass Ordinari-Zeitungen ausschließlich ausländische Nachrichten beinhalten durften. Wiener Blätter brachten somit keine lokalen Meldungen.

Wie Christine Sigmund, Wien 23, notiert, bediente Formica schließlich auch diese Nachfrage: Er "schuf 1622 die "Ordentlichen Postzeittungen", die den auswärtigen Meldungen keinen Platz ließen."

Vererbte Schwarzkunst

Kölner Hof (heute Wien 1) vor 1794; ab 1624 Druckort für Ordinari-Zeitungen. 
- © Bild (gemeinfrei): Kisch, "Wien..." 1883; Repro: Ph. Aufner

Kölner Hof (heute Wien 1) vor 1794; ab 1624 Druckort für Ordinari-Zeitungen.

- © Bild (gemeinfrei): Kisch, "Wien..." 1883; Repro: Ph. Aufner

Formica hatte, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, "von seiner Mutter die Druckerei in der Rosenburse" (in der Barbaragasse, jetzt Wien 1) geerbt. Er verlegte sie 1624 in den Kölner Hof. Dieser wurde teilweise auch mit zwei "l" geschrieben, wie die noch bestehende Köllnerhofgasse.

Herbert Beer, Wolfpassing: Formicas Witwe Maria (geb. Eckhard) führte die Druckerei selbst, bis sie "1640 . . . Matthäus Cosmerovius" (1606-1674) heiratete. Dieser war kurz zuvor aus Polen gekommen und wurde in Wien Universitätsbuchdrucker. "Er setzte die jeweils samstags erscheinenden "Ordinari Zeittungen" fort." Der Titel wurde später in ""Ordinari Reichs Zeittungen" geändert. Cosmerovius schuf auch eine wöchentliche Sonderausgabe "mit dem Titel Extra Ordinari Mittwochs Post Zeittungen"".

Maria starb 1643. Brigitte Schlesinger, Wien 12, recherchierte, dass Cosmerovius 1649 Gelbhaar als Hofbuchdrucker unter Ferdinand III. nachfolgte. Dieses Privileg wurde zehn Jahre danach von Leopold I. bestätigt und "später auch auf die Erben" ausgeweitet.

Die letzte Ordinari-Zeitung in Wien dürfte 1698 gedruckt worden sein, aber das Privileg lief weiter.

Gerhard Toifl, Wien 17: "Die Druckerei blieb bis 1715 in Familienbesitz". Dann kaufte sie Johann Baptist Schönwetter (1671- 1741), der seit 1703 "das "Wien(n)erische Diarium" herausgab" (1780 in "Wiener Zeitung" umbenannt).

Medienmogule

Auf die monetäre Bedeutung von Druckprivilegien im 18. Jh. verweist Dr. Harald Jilke, Wien 2: "1721 schlug eine . . . Hofkommission vor, dass die Mittel für den Bau der neuen Hofbibliothek (heutige Nationalbibliothek, Anm.) durch eine . . . Abgabe auf Kalender und Zeitungen aufgebracht werden sollten." Es wurde argumentiert, dass neben Schönwetter auch "Johann Baptist Schilgen (der den "Mercurius" herausbrachte)" und Johann "van Ghelen (dem die italienischsprachige Zeitung "Corriere ordinario" gehörte) . . . durch ihre Privilegien wohlhabend" geworden seien. Zum Vergleich: Ein Jahresabonnement des "Diariums" kostete 12 Gulden, wobei "das Jahresgehalt eines mittleren Beamten . . . kaum 100 Gulden überstieg."

Helmut Erschbaumer, Linz, merkt an, dass Schönwetter laut diesem Beschluss "für die Gewährung seiner Privilegien" jährlich 3000 Gulden Pacht hätte zahlen müssen. Weil er sich weigerte, gingen die Rechte 1721 an Johann Peter van Ghelen (Sohn des im selben Jahr verstorbenen Johann), der die Zeitungslandschaft weiter konsolidierte.

Durch die Übernahme von Druckprivilegien lässt sich ein juristisches Band knüpfen, das die "Ordinari Zeit(t)ung(en)" mit dem "Diarium" verbindet. So gesehen reichen die Wurzeln der "Wiener Zeitung" über 400 Jahre bis 1621 zurück.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa