"Die geputzte Menge treibt sich die Linden auf und ab. Sehen Sie dort den Elegant mit zwölf bunten Westen? Hören Sie die tiefsinnigen Bemerkungen, die er seiner Donna zulispelt? Riechen Sie die köstlichen Pomaden und Essenzen, womit er parfümiert ist? Er fixiert Sie mit der Lorgnette, lächelt, und kräuselt sich die Haare. Aber schauen Sie die schönen Damen! Welche Gestalten! Ich werde poetisch!" Mit diesen Worten aus seinen "Reisebildern" (1826) führt Dichter Heinrich Heine die Gemeine über den berühmten Berliner Prachtboulevard Unter den Linden, der sich zwischen Brandenburger Tor und Schlossbrücke erstreckt.

Die Spezialfragen in Nro. 424 (Rubrik KARTEN GELESEN) führten in die Ära der Gründung jenes Stadtteiles, den die Straße einst durchschnitt: Die Dorotheenstadt (nun Teil von Berlin-Mitte).

Ehefrau und Beraterin

Dorothea, Kurfürstin und Gründerin eines Stadtteils.  
- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Dorothea, Kurfürstin und Gründerin eines Stadtteils. 

- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Einen "Anflug von Romantik" nimmt Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, wahr, wenn es um die Hauptprotagonisten dieser Zusammenstellung geht. "Im Juni 1667 wurde Friedrich Wilhelm (1620-1688), der "Große Kurfürst" von Brandenburg (reg. seit 1640), Witwer und suchte . . . nicht nur im Hinblick auf drei kleine Söhne, sondern auch wegen seiner . . . Einsamkeit . . . nach einer neuen Gefährtin." Politische Erwägungen sollten nicht die Hauptrolle spielen, was für damalige Zeiten schon als durchaus romantisch angesehen werden kann. Die Wahl fiel auf "Prinzessin (Sophie) Dorothea von Schleswig-Holstein-Sonderburg (1636-1689)". Zu deren Namen merkt der Geschichtsfreund an: "Der Zusatz Glücksburg - wie z.B. in Wikipedia . . . angegeben - ist im 17. Jh. genealogisch nicht gerechtfertigt, sondern erst ab 1825 für eine ganz andere Linie des Hauses."

Die Braut war selbst Witwe und bisher ohne Nachwuchs. Gerhard Toifl, Wien 17: In ihrer Ehe mit dem Kurfürsten "werden sieben Kinder geboren, vier Söhne und drei Töchter". Die Verbindung "gilt als glücklich".

Dorothea "begleitete ihren Mann auf . . . seinen Feldzügen und hat auf den Schlachtfeldern genächtigt", so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, über die Frau, die "großen Einfluss auf die Politik" hatte und in "alle Pläne bezüglich des Staates" eingebunden war. Man sagt ihr "geschicktes Wirtschaften und überlegte Investitionen" nach.

Schachbrettmuster

Die Lindenallee um 1690. 
- © Bild: Johann Stridbeck d.J., "Die Stadt Berlin..."/gemeinfrei

Die Lindenallee um 1690.

- © Bild: Johann Stridbeck d.J., "Die Stadt Berlin..."/gemeinfrei

Volkmar Mitterhuber, Baden: "1670 schenkte ihr der Große Kurfürst das zwischen der Berliner Festungsmauer und dem Großen Tiergarten gelegene" Areal, auf dem die "Neustadt" entstehen sollte. Prof. Dr.-Ing. Klaus Schlabbach, Hamburg/D: Der später "Dorotheenstadt" genannte Stadtteil "wurde 1674 von der Kurfürstin . . . beiderseits der . . . Straße "Unter den Linden"" gegründet und 1676 "zur Stadt erhoben". Übrigens soll Dorothea selbst die erste Linde der später berühmten Flaniermeile gepflanzt haben.

Die Prachtstraße Unter den Linden (Ecke Friedrichstraße) im Jahr 1911. 
- © Bild: gemeinfrei

Die Prachtstraße Unter den Linden (Ecke Friedrichstraße) im Jahr 1911.

- © Bild: gemeinfrei

Auffallend ist das "rechtwinkelige Straßennetz" der Dorotheenstadt, so Dr. Harald Jilke, Wien 2; sie wurde Anfang des 18. Jh.s mit den "eigenständigen Städten Berlin, Kölln (auch Cölln, Anm.), Friedrichswerder und Friedrichstadt zur "Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin" vereinigt.

Gift im Kaffee?

Dass Dorothea in der Historiographie auch negativ gezeichnet wird, erwähnt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Nach ihrem Ableben hat ein Kammerherr aus dem Hause Hohenzollern, nämlich Karl (bzw. Carl, Anm.) Ludwig von Pöllnitz, in den Memoiren behauptet, Dorothea hätte nicht einmal vor Giftmord zurückgeschreckt, war eine Intrigantin, geizig, böse zu ihren Stiefkindern, hätte mit Frankreich paktiert und die Teilung des Landes in Kauf genommen."

Dass die Behauptungen "wenig belastbar" sind, zeigt ein Tagebucheintrag des preußischen Kammerherrn Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff", den Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitiert: "Baron Pöllnitz reizt uns zum Lachen, indem er uns . . . bekennt, daß der größte Teil seiner Memoiren aus Lügen bestehe."Die Tüftlerin zum Inhalt der inzwischen entkräfteten "Giftlegende": Dorothea wollte "das Land zugunsten der eigenen Söhne . . . zerteilen", ein entsprechendes Testament des Kurfürsten wurde aufgesetzt. Als Enkel auf die Welt kamen, sah Dorothea ihren Plan in Gefahr. "Eines Tages habe der Kurprinz (Friedrich, Sohn Friedrich Wilhelms aus erster Ehe, Anm.) bei ihr . . . Kaffee getrunken, worauf er . . . wie tot zu Boden gefallen sei." Nur "ein Brechmittel" rettete ihn. In zeitgenössischen Quellen finden sich auf diese Geschichte aber keine Hinweise.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Als der Große Kurfürst im Mai 1688 starb, annullierte Friedrich . . . das Testament seines Vaters und nahm seinen Halbbrüdern wieder alle Erbteile und Titel". Er zahlte ihnen "eine Apanage" und schickte seine kranke Stiefmutter in den Kurort Karlsbad, "wo sie ein Jahr später verstarb." Ihre letzte Ruhestätte nennt Herbert Beer, Wolfpassing: Die "Hohenzollerngruft des Berliner Doms".

P.S. Der Buchpreis geht an Herbert Beer; wir gratulieren herzlich!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner