Zu den Dingen, die uns allgemach und unmerklich abhanden gekommen sind, zählt die gefällige Handschrift. Dieweilen Einzelne, wie der ausgezeichnete Rudolf von Larisch (österreichischer Typograf, 1856-1934, Anm.), sich um die künstlerische Veredlung der Schriftcharaktere mühen, geht in der breiten Masse die Fertigkeit der gefälligen, ja auch nur lesbaren Handschrift merklich zurück, und immer größer wird die Zahl jener, die eine fürchterliche Pfote schreiben. Die Erscheinung ist so auffallend, daß man nicht achtlos daran vorübergehen darf; sie zählt bereits zu den Wesenszügen unserer Zeit. Der Ursachen sind gar viele.

Einer der Totengräber der Schreibkunst in deutschen Landen war zweifellos unser hochverehrter und genialer Meister Franz Xaver Gabelsberger (deutscher Stenograph, 1789- 1849, Anm.). Denn wer die nicht nur flüchtige, sondern auch wahrhaft geistreiche und formschöne Eilschrift sich zueigen gemacht hat, der handhabt nur mehr mit Widerwillen die träge, mechanische und geistlose Kurrentschrift. Und was man ungern tut, daran mag man keine Sorgfalt wenden. Da aber Gabelsbergers kostbare Erfindung immer mehr zum Gemeingute der Massen wird und die Kunst der Stenographie nirgends so verbreitet ist wie unter den Deutschen, drängt sie den Willen und die Lust zum Schönschreiben immer weiter zurück.

Feder als Mordwaffe

Aber die Erscheinung ist zu allgemein, um aus einer spezifisch deutschen Ursache erklärt werden zu können. Auch in England, wo man die aristokratische Steilrundschrift stets als eine Art von nationalem Vorzug gepflegt hat, klagt man über den jähen Rückgang der Schreibeschrift, und auf dem beliebten Wege der Zeitungsumfrage unter den Lesern hat man das Rätsel zu ergründen gesucht. Ganz seltsame Meinungen sind da zutage gekommen.

Ein Leser schrieb, die Schuld läge an den Schullehrern: "Sie haben mir, als ich noch ein Bub war, so viel zum Abschreiben gegeben, daß ich mich möglichst getummelt und bei dieser Sudelei meine Handschrift verdorben habe." Ein anderer klagt die Stahlfeder an: "Mit dem sanften Gänsekiel, ja da ließen sich noch zarte Linien und liebliche Schnörkel zeichnen; aber dieses spitze, stählerne Mordwerkzeug reißt dem Papier die Fetzen aus dem Leibe, macht die Schrift unsauber und schmierig, zerstört jede Freude am gefälligen Schreiben."

Hudler und Sudler

Die Stahlfeder ist aber hier eigentlich nur ein Symbol der ganzen neuen Zeit. Diese neue Zeit mit ihren technischen Fortschritten ist es, die die Schönschreibkunst getötet hat, weil niemand mehr sie braucht. Wozu schön schreiben in der Epoche der Schreibmaschine, in einer Zeit, da gesuchte Romanfabrikanten sogar die Schreibmaschine schon zu schwerfällig finden und ihre Romankapitel in den Diktographen hineinsprechen? Wozu schön schreiben, da wir neun unter zehn Briefen durch telephonische Gespräche ersetzen? Man schreibt einen Brief, wenn man gerade muß und schon gar nicht mehr anders kann; aber die einstige edle Freude am Briefschreiben ist vorbei. Die Epistolographie ist tief in der allgemeinen Schätzung gesunken, und dahin ist die Zeit, wo man den Wert älterer mitgiftloser Mädchen vor dem Werber zu erhöhen suchte, indem man ihre Kunst des edlen Briefstils rühmte. Man achtet seinen so wenig wie des Stils überhaupt.

Und das ist die letzte und tiefste Ursache der schandbaren Handschrift von heute. Auch hier offenbart sich das geheimnisvolle Gesetz des Zusammenhanges von Inhalt und Form. Dem verkommenen Stil entspricht die schlampige Handschrift. (...) Jawohl, es ist ein tiefer Zusammenhang zwischen dem Verfall des Stils und dem der Schrift.

Wo die Kunst zu schreiben so tief danieder liegt, da will auch die Schreibekunst nicht gedeihen. Vielleicht ist es Zufall, aber jedenfalls scheint es mir ein recht merkwürdiger Zufall, daß unter den Schriftstellern, die ich kenne, gerade die Männer von ernstem künstlerischen Streben zumeist über eine prächtige, charaktervolle Handschrift verfügen, wohingegen die Hudler und Sudler, die ihre Ramschware in größter Eile herstellen, eine ganz niederträchtige Klaue schreiben.

Emil Löbl (1863-1942) war 1909 bis 1917 "WZ"-Chef. 
- © Bild: Wien Museum/CC0

Emil Löbl (1863-1942) war 1909 bis 1917 "WZ"-Chef.

- © Bild: Wien Museum/CC0

Gewiß gibt es Ausnahmen hüben und drüben, gibt es kalligraphierende Stümper und unleserliche Meister, aber im großen Ganzen mag es schon seine Richtigkeit haben, daß nur wer mit Liebe an seinem Werk arbeitet, auch schöne Charaktere dazu verwendet.

Es ist ja auch ein beredtes Zusammentreffen, daß Zeitungsmänner, deren Fluch es ist, nur für den Tag zu schaffen, sich hiezu meist einer greulichen Schrift bedienen. In der französischen Presse herrscht sogar der Aberglaube, daß nur die unleserlichsten Manuskripte korrekt gesetzt werden.

Man erinnert sich vielleicht der Geschichte von dem berühmten Pariser Leitartikler. Seine Freunde machten sich den Jux und ließen einen Hahn, dessen Beine in Tinte getaucht waren, über ein unbeschriebenes Blatt Papier laufen, das sie dann als angebliches Manuskript des Journalisten in die Setzerei sandten. Der Setzer, gewohnt, die unmöglichsten Krähenfüße zu enträtseln, las das ganze geheimnisvolle Manuskript bis auf eine Stelle, die er nicht zu deuten vermochte. Er kam damit zu dem Leitartikler gerannt, der die Hieroglyphen prüfte und den Setzer anfuhr: "Ich verstehe Sie nicht, das ist doch ganz deutlich: Es heißt Trustgesetzgebung!" (...)

Telephonlose Elite

Unsere Zeit schreibt schlecht und häßlich, weil sie keine Zeit hat, um schön und gut zu schreiben. (...) Und auch der alte Matthias Claudius (1740-1815, Anm.) hat es schon herausgefunden: "Schreiben ist Schreiben. Wer handeln will und kann, der hat, wenige Ausnahmen abgerechnet, nicht Zeit noch Lust zu schreiben." (Gespräche, die Freiheit betreffend.) Was aber damals die Meinung einiger Tat- und Kraftmenschen war, ist heute allgemeine Überzeugung. Die Welt will nichts wissen von der Kalligraphie. Man reserviere beizeiten ein stilles Plätzchen in unseren städtischen Sammlungen für jene Pergamentblätter, die fein säuberlich unter Glas und Rahmen an den Häuserecken unserer frequentesten Plätze prangen; links zeigen sie in fürchterlichen "Kraxen" die Worte: "So habe ich geschrieben vor Beginn des Unterrichtes" - und rechts in berückend schönen Zügen: "So schreibe ich nach einem einmonatlichen Unterricht bei Herrn Professor X, dem ich eine glänzende Lebensstellung verdanke." Vorbei, vorbei! Das gehört bald in die Raritätenkammer neben die letzte Sänfte, die letzte "Ratsch’n", das letzte Dienstmannbankerl.

Ob die Kalligraphie ihre fröhliche Urständ feiern wird? Wenn dereinst unsere Zeit mit ihrem Schnelligkeitswahn, mit ihren Snobismen, mit ihren eingebildeten Notwendigkeiten zusammengebrochen sein wird, dann vielleicht werden sich die Menschen wieder die Zeit nehmen, schön zu schreiben. Der telephonlose Edelmensch der Zukunft, der nie ein Kino gesehen hat und ohne Auto weitab von der Elektrischen sein Eigenhäuschen ohne Lift bewohnt, wird wieder geruhsam eine saubere Handschrift aufs Papier malen.

Dieser Artikel erschien am 8. Oktober 1912 unter dem Titel "Die verlorene Schönschrift" in der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost". Der Text wird hier etwas gekürzt in Original-Rechtschreibung wiedergegeben; Zwischentitel wurden ergänzt. Emil Löbl (1863-1942) war ab 1909 Chefredakteur der "WZ", bevor er 1917 die Leitung des "Neuen Wiener Tagblatts" übernahm.