Gegen sechs Uhr abends brach Johann Zadra zu seiner letzten Fahrt auf. Später als gewöhnlich machte er sich, begleitet von einem Ehepaar namens Denoth, mit einem Pferdeschlitten auf den Weg von Nauders (Bez. Landeck, Tirol) nach Hochfinstermünz, wo er ein Wirtshaus betrieb. Es lag an diesem Sonntag, dem 10. Februar 1867, eine dicke Schicht frischen Schnees. Dann taute es.

Bei einer kurzen Rast in einer Gaststätte oberhalb der Festung Nauders warnte der dortige Wirt, man möge mit der Weiterfahrt warten, bis es ein wenig gefroren hätte. Doch Zadra drängte zum Aufbruch.

Alois Denoth nahm als Kutscher vorne auf dem Schlitten Platz, seine Frau Anna hinten neben Zadra. Wie ein Tiroler Blatt damals berichtete, habe dieser kurz vor dem Ziel noch zu seiner Sitznachbarin gesagt: "Heuer muß man sich eigentlich wundern, daß auf dieser Straße bei solcher Witterung und so großen Schneemassen nicht mehr Unglücksfälle geschehen."

Die alte Inn-Brücke in der Finstermünz um 1900. 
- © Public domain

Die alte Inn-Brücke in der Finstermünz um 1900.

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An Lawinengefahr war man hier, im obersten Inntal, wohl oder übel gewöhnt. In schneereichen Wintern bangten die Bergbewohner oft um Leib und Leben, so auch 1867. Wenn es nur nicht so schlimm werden würde wie vor 50 Jahren, mochten wohl viele gehofft haben.

Damals, 1817, waren die Gazetten voll von Katastrophenberichten, die aus ganz Tirol und anderen alpinen Regionen eintrafen - allerdings mit Verspätung wegen gänzlicher Absperrung der Wege, wie die "Wiener Zeitung" am 20. März 1817 notierte. Aus Nauders vernahm man am nächsten Tag: Eine seit dem Jahre 1609 (...) ruhig gebliebene Schnee-Lawine, brach am 4. März (...) aus dem Gämar-Berge durch das Valleri-Thal herab, riß den größten Theil des zum Schutze des Dorfes vorgelegten Bannwaldes (...) fort und füllte das Thal mit thurmhohen (sic) Schnee. Das Haus des Engelbert Kleinhans, war innerhalb 8 Minuten (...) zerstört. Nach Stunden konnten Helfer den Mann, eine Frau sowie das anderthalbjährige Kind ausgraben. Dieses lag unter einem großen Stein auf den Trümmern der zerquetschten Wiege - unverletzt.

Lahna-Peter soll der gerettete Bub von da an genannt worden sein (abgeleitet von Lahne bzw. Lähne, was soviel heißt wie Lawine). Ob er 1867 noch lebte?

Seit 1817 hatte sich in der Gegend jedenfalls einiges verändert, zumindest verkehrstechnisch. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts bewegte man sich auf alten, durch Lawinen und Steinschlag beschädigten Wegen im steilen Gelände. Berüchtigt war die Passage um die Finstermünz. Diese seit dem Mittelalter strategisch wichtige Talenge lag tief unten in einer düsteren Schlucht. Eine hölzerne Brücke mit spätgotischem Turm in der Mitte führte über den Inn und verband Tirol mit der Schweiz. Sämtlicher Verkehr über den Reschenpass musste durch dieses Nadelöhr.

Erst in den 1850ern verlor der uralte Weg mit dem Bau einer neuen Verbindung seine Bedeutung.

Benedikt Perwög (1795-1860), der Erbauer des kühnen Verkehrswegs am Inn. 
- © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Philipp Aufner

Benedikt Perwög (1795-1860), der Erbauer des kühnen Verkehrswegs am Inn.

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Tollkühn schien der Plan einer rund 10km langen Straße von Nauders nach Pfunds, die hoch oben über dem Inn in die Felshänge gehauen werden musste. Etwa 1200 Arbeiter waren beschäftigt. Immer wieder passierten schwere Unfälle, man zählte mehr als ein Dutzend tödliche.

Als die Strecke, heute ein Teil der Reschenstraße, nach ca. vier Jahren Bauzeit am 30. Oktober 1854 feierlich eröffnet wurde, war es dennoch ein Triumph für Unternehmer Benedikt Perwög. Ein Konvoi aus 20 Wagen bewegte sich, begleitet von Böllersalven, bei Prachtwetter auf der geschmückten Straße. Die Fahrt ging über viele Brücken, durch etliche Tunnels und zwei Lawinengalerien (ein Novum in Tirol). Am Ende des Festaktes lud Perwög die Honoratioren in sein neues, direkt an der Straße errichtetes Gasthaus in Hochfinstermünz ein.

Eine Passage der in den 1850ern errichteten Straße. 
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Eine Passage der in den 1850ern errichteten Straße.

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Über ebendiese Straße eilte etwas mehr als zwölf Jahre später, im Februar 1867, auch der eingangs erwähnte Johann Zadra. Dieser hatte, nachdem Perwög 1860 verstorben war, dessen Gaststätte mit dem spektakulären Blick auf die Klause (Alt-)Finstermünz in Pacht genommen.

Rasch glitt der Schlitten die Straße hinab. Kurz vor Hochfinstermünz, gerade als Zadra und das Ehepaar Denoth eine Halbgalerie passiert hatten, brach (...) eine größere Schneelawine herab, welche alle drei Personen und das Pferd zudeckte. Dies berichtete die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" am 16. Februar 1867 in der Rubrik "Kleine Chronik". Als Quelle berief sich unser Blatt auf die Tiroler "Volks- und Schützen-Zeitung".

Details zu dem Unglück auf der Finstermünzer-Straße brachte die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" am Samstag, 16. Februar 1867.  
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Details zu dem Unglück auf der Finstermünzer-Straße brachte die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" am Samstag, 16. Februar 1867. 

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Alois Denoth, der sofort vom Kutschbock gesprungen war, wurde bis zum Hals von dem mit Eisklumpen vermischten Schnee verschüttet. Von den beiden anderen war nichts mehr zu sehen. Denoth schrie aus Leibeskräften um Hilfe.

Glücklicherweise war die Frau des in der Nähe stationierten Wegmachers, der für die Instandhaltung der Straße zuständig war, gerade vor der Haustür und hörte die Rufe. Durch die schnelle Hülfe des (...) Einräumers und der noch aus Zufall herbeigekommenen Personen gelang es, die zwei Eheleute und das Pferd mit dem Leben davonzubringen. Anna Denoth hatte eine nicht lebensgefährliche Verletzung am Kopfe erlitten.

Johann Zadra kam nicht so glimpflich davon: Ein großer Eisbrocken hatte ihn im Gesicht getroffen. Der 40-jährige Wirt konnte nur noch als Leiche ausgegraben werden.

Kopfnuss: Welche antike Fernstraße führte an der Finstermünz vorbei? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)