Zur Ehrenrettung der Kuenringer schritt die Gemeine mit der Beantwortung der Frage 1 der Nro. 426 rund um das "mittelalterliche Ministerialengeschlecht", wie es Mag. Thomas Krug, Wien 1, formuliert. Dieses trug maßgeblich zum Werden des Nordens Niederösterreichs bei.

Mit einer Begriffsklärung leitet Herbert Beer, Wolfpassing, das Thema ein: Die Kuenringer übernahmen "einen ritterlichen Dienst, ein Ministerium, . . . bei den Markgrafen von Österreich". Letztere "wussten dies zu würdigen". Sie sprachen dem Geschlecht "immer weitere Gebiete, darunter auch den "districtus Zwet(t)lensis"" zu. NB: Die Ortsbezeichnung geht auf das slawische Wort "světlá", also Licht(ung) zurück.

DI Dr. Luzian Paula, Wien 6, betont den Beitrag, den die Kuenringer "zur Erschließung des neuen Landes im Osten des Reichs . . . im Waldviertel, aber auch im Weinviertel" geleistet haben. Dort gibt es heute noch das Dorf Kühnring bei Eggenburg im Bezirk Horn. Es rühmt sich, "dem ersten überlieferten Kuenringer Azzo als Heimat" gedient zu haben. Vermutet wird, wie Maria Thiel, Breitenfurt, herausfand, dass Hadmar I. (auch Hademar, gestorben 1138) dort "die Stammburg Kühnring" errichtete.

Vom Rhein in den Wald

Azzo (auch "von Gobatsburg", gestorben um 1100) kam "im 11. Jh. . . . in das heutige Niederösterreich", notiert Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, wahrscheinlich "aus Sachsen oder dem Rheinland (Trier)". Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, ergänzt: Bei Hezmannswiesen (wohl nahe Kühnring) schenkte ihm 1056 der im gleichen Jahr zum König gewählte Heinrich IV. "drei königliche Hufen Land (ca. 141 Hektar)".

Azzo war "serviens" des Markgrafen Ernst (reg. 1055-1075), stand also in dessen Diensten. Azzo und sein Gefolge besiedelten, so Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, den "Nordwald", und breiteten sich vom "östlichen Waldviertel . . . nach Westen aus".

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, weiter: "Aus dem Jahr 1132" stammt "die erstmalige urkundliche Erwähnung" der Kuenringer.

Es war dies in Zusammenhang mit Hadmar I., der mit seiner Frau Gertrude 1137/38 das Zisterzienserkloster Zwettl gründen sollte. Er war übrigens ein Enkel Azzos, sie eine "von Wildon", einem steirischen Ministerialengeschlecht.

Bereits zitierte Tüftlerin Prof. Sokop erzählt die "Legende zur Entstehung des Namens" Kuenring: "Auf der Suche nach einem Platz für eine Burg bei Eggenburg" bildeten "die Kühnen des Landes hier einen Ring".

Uneingenommen steht die Burg Rappottenstein noch heute im Waldviertel; gegründet wurde sie um 1150 von Rapoto, einem Kuenringer. Diesem Geschlecht war die Landesausstellung 1981 im Stift Zwettl (l. Katalog-Cover) gewidmet.  
- © Bilder: Archiv (beo), gemeinfrei. Repros: Ph. Aufner

Uneingenommen steht die Burg Rappottenstein noch heute im Waldviertel; gegründet wurde sie um 1150 von Rapoto, einem Kuenringer. Diesem Geschlecht war die Landesausstellung 1981 im Stift Zwettl (l. Katalog-Cover) gewidmet. 

- © Bilder: Archiv (beo), gemeinfrei. Repros: Ph. Aufner

Diese und andere Geschichten wurden im Stifterbuch von Zwettl niedergeschrieben. Dr. Manfred Kremser, Wien 18, konnte es sowie andere Artefakte in einer "grandiosen Schau" 1981 in Zwettl bewundern, nämlich der Landesausstellung "Die Kuenringer - das Werden des Landes Niederösterreich" (s. Cover des Ausstellungskataloges links unten). Der "Liber fundatorum et benefactorum Zwetlensis monasterii" ist ein "aus vier Teilen bestehendes Stifterbuch von 1310/14 mit Nachträgen bis 1331". Die Handschrift ist in "lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache" verfasst.

Gemeinhin wird sie, merkt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, an, als "Bärenhaut" bezeichnet, aufgrund des Einbandes "aus der Haut eines Ebers, der im Österreichischen "Saubär" genannt wird".

Die Macht der Mauern

Zurück zur Rolle der Kuenringer, die, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4, "wesentlich an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes beteiligt" waren. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, erwähnt "Rapoto", der "um 1150 . . . im Waldviertel . . . eine Reihe von Burgen" bauen ließ, u.a. Rappottenstein. Diese nach ihrem Gründer benannte Anlage wurde "nie erobert und zählt daher zu den besterhaltenen Burgen Österreichs".

Dr. Harald Jilke, Wien 2, setzt fort: Am Höhepunkt ihrer Macht im 13. Jh. besaßen die Kuenringer in Niederösterreich mehr als ein Dutzend Burgen, etwa Aggstein, Brunn, Spitz, Wolfstein, Burgschleinitz, Weitra, Seefeld, Kirchschlag und Obritzberg. Karl Finkenzeller, Wien 14 (danke für Briefmarke zur Landesausstellung 1981!), ergänzt u.a.: Burg Dobra, "Lehensherr war Albero von Kuenring".

Zu der in der Hauptgeschichte der Dezember-Zeitreisen erwähnten Burg Arbesbach, von der heute u.a. der "Stockzahn" genannte Turm großteils erhalten ist, liefern Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram, Details: Sie "dürfte zwischen 1185 und 1190" vermutlich von Hadmar II. errichtet worden sein. Die Feste sicherte "einen wichtigen Straßenknoten".

Eine Wehranlage, die oft den Kuenringern zugeschrieben wird, wurde vor nunmehr über 20 Jahren in den Zeitreisen Nro. 62 und 63 erwähnt: Burgleiten (nahe Lembach, Gemeinde Rappottenstein). Viele Geheimnisse umranken die erhaltenen Steine. Rätselhaft scheint vor allem eine Inschrift nahe der Zisterne: I. H. A. H. V. E. F. V. E. 1684. Die Forschung geht davon aus, dass die Buchstaben lateinische Worte repräsentieren. Übersetzt werden sie wie folgt: "In diesem Wasser ist Ulf beim Schöpfen ertrunken".

Hunde als Sagenwesen

Eine wichtige Rolle kam den Ministerialen im Machtkampf der Babenberger gegen England zu, so Christine Sigmund, Wien 23: Als man 1192 König "Richard Löwenherz (1157- 1199) gefangen nahm, kam er auf die moderne Burg Hadmars II. (um 1140-1217, Anm.), oberhalb von Dürnstein" an der Donau (der Bau war ab 1140 von Hadmar I. errichtet worden). Es waren schließlich auch Kuenringer, die den Regenten zu Heinrich VI. (seit 1191 Kaiser) brachten.

Helmuth Singer, Wien 13, betont, dass "die Brüder Hadmar III. und Heinrich III. (teilweise auch mit Ordnungsnummer I., Anm.) . . . zu den engsten Vertrauten des Babenberger-Herzogs Leopold VI." zählten. Sie "unterstützten ihn im Kampf gegen einfallende böhmische Truppen". Der Tüftler schrieb darüber in dem Buch "Wandern im Waldviertel" (Falter Verlag, 2021), das er gemeinsam mit Katharina Bliem und Peter Hiess verfasst hat.

Heinrich wurde, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, recherchierte, "1228 oberster (erblicher) Landmarschall von Österreich". Herzog Leopold VI. vertraute ihm "mehrmals als Verweser (rector totius Austriae) die Herrschaft über das Land" an, wenn er selbst abwesend war.

Für treue Dienste erhielt das Geschlecht den oft an Ritter verliehenen Beinamen "Hunde" - der später verunglimpft werden sollte. Vor allem in diversen Sagen, die sich rund um die Kuenringer ranken.

Die Loyalität der Kuenringer zum Landesherren schwand mit der Machtübernahme Friedrichs II. (reg. 1230-1246), des "letzten Babenbergers". Er weigerte sich, eine schriftliche Zusage ihrer Rechte auszustellen. (Ähnliches hatten steirische Ministerialen 1186 urkundlich in der "Georgenberger Handfeste" erhalten.)

"1230 erhob sich der Adel", so Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, unter Hadmar und Heinrich "gegen den neuen Herzog Friedrich II." Dr. Karl Beck, Purkersdorf, zum Ausgang: Sie konnten sich im Waldviertel halten, doch die "Burgen Aggstein, Dürnstein und Weitra" gingen verloren. "Hadmar starb während der Kämpfe." Heinrich blieb Landmarschall Österreichs, aber die Bedeutung der Kuenringer ging zurück.

"Zur Finanzierung ihres Aufstandes", erläutert Dr. Alfred Komaz, Wien 19, bedienten sich die Kuenringer unter anderem auch "Güter der Klöster Melk, Göttweigs und sogar ihres "Hausklosters" Zwettl." Das vergaß die Kirche nicht: "Die heutige schlechte Reputation dieses Geschlechts" sei auch "Mönchen zu verdanken, die in der damaligen Zeit letztlich zu den Wenigen/Einzigen zählten, die des Schreibens . . . kundig waren."

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, vermutet, dass es "wohl in die absolutistische Zeit des 18. und 19. Jh.s" passt, "als die meisten Volkssagen aufgezeichnet wurden, dass man (gelegentlichen) politischen Opponenten des Landesherrn negative, despektierliche Züge verlieh."

Zur Geschichtsverzerrung zitiert Dr. Monika Huber (willkommen in der Gemeine!) den Historiker Prof. Dr. Walter Pohl: "Die Verklärung der Babenberger führte offensichtlich dazu, daß die Konflikte der Epoche auf die "Hunde von Kuenring" abgeschoben wurden", schreibt er in seinem 1995 erschienenen Werk "Die Welt der Babenberger".

Für den Mediävisten Prof. Dr. Karl Brunner, Mitkurator der Landesausstellung 1981, soll mit der "Ehrenrettung der Kuenringer" auch das "Bild der niederösterreichischen Geschichte . . . zurechtgerückt werden: Nicht die Fürsten, Kaiser, Könige, Herzöge, Markgrafen usw. allein haben das Land gestaltet. An ihrer Seite standen bedeutende Männer mit ihren Gefolgsleuten und Abhängigen bis hin zum einfachen Bauern".

Verarmte Treue

Im Standardwerk zur österreichischen Geschichte (1. Auflage 1961) von Erich Zöllner (1916-1996) schlug Harry Lang, Wien 12, nach und fand folgende Erklärung: "Spätere Tradition hat . . . aus einer innerpolitischen Auseinandersetzung zwischen Landesfürstentum und Adel eine Aktion des Herzogs (Friedrich II., Anm.) gegen üble Raubritter gemacht (wobei womöglich noch Erscheinungen des späteren Mittelalters den Kuenringern angelastet wurden) . . . Umstrittene Mautrechte der Kuenringer mögen eine Rolle gespielt haben". Der Mythos der über die Donau gespannten Eisenkette wurde übrigens bereits physikalisch widerlegt.

Auf die von Zöllner erwähnten "Erscheinungen des späteren Mittelalters" geht Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen, näher ein: "Während die Linie Kuenring-Dürnstein Mitte des 14. Jh.s ausstarb, leistete die Linie Kuenring-Weitra . . . zur Zeit, wo das Rittertum verfiel und häufig zum Raubrittertum wurde, die treuesten Dienste." Damals bereits unter habsburgischen Landesherren, bekämpften sie "die Raubritter im Marchfeld (heute östlichster Teil NÖs, Anm.), zerstörten ihre Raubnester". Aus Rache wurden viele Kuenringer-Burgen verwüstet, wodurch die früheren Ministerialen verarmten.

Helmut Erschbaumer, Linz, zum Ende des Geschlechts: Es starb mit "Johann VI. Ladislaus . . . 1594" aus. Zu dessen Grabstätte berichtet aus "allernächster Nähe" Leopold Weinwurm, Obritz/NÖ (willkommen im Tüftlerkreis!): Im Nachbarort Seefeld-Kadolz "ist der letzte Kuenringer begraben."

P.S. Schienentüfteleien zur Orchideenfrage Nro. 426 zu Waldviertler Bahnen, u.a. von Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F, und Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, sind für die nächste Ausgabe reserviert.

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa