Es war an einem Sonntag in der Pfarrkirche. Herr Pfarrer Anton Haller wurde beauftragt von der NSDAP, den Leuten zu verkünden, daß wir aussiedeln müssen . . . Herr Pfarrer wollte anschließend noch die Predigt halten, aber dazu kam es nicht mehr vor lauter Weinen . . ." Diese Schilderungen stammen von Schneidermeister Anton Jonas aus dem Waldviertler Dorf Döllersheim/NÖ. Er war 29 Jahre alt, als er Mitte Mai 1938 von der Absiedelung erfuhr. Der Bericht wurde in einer Diplomarbeit (Alfred Wagner, 1999) zitiert.

Warum Jonas und tausende andere ihre Heimat verlassen mussten, war Teil der Frage 2 der Nro. 426. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Nach dem Einmarsch" Hitlers in Österreich sollte ein militärischer Übungsplatz angelegt werden. Man entschied sich für knapp 200km² mitten im Waldviertel, "von Göpfritz an der Wild bis zum Kamp" bzw. "von Zwettl bis Neupölla." Wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, anfügt, schuf man dafür den Begriff "Döllersheimer Ländchen".

Auf Hitlers Befehl

Dort entstand der Truppenübungsplatz Döllersheim, so Adolf Rieck, Eichgraben; Neotüftler Leopold Weinwurm, Obritz/NÖ, ergänzt, dass er bis heute existiert, allerdings unter dem Namen Allentsteig. Als solchen lernte ihn, wie viele andere Gemeine-Mitglieder, auch Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, im Zuge seiner "militärischen Ausbildung (vor nunmehr schon 40 Jahren)" kennen. "Meine Kompanie war mit schwerem Granatwerfer zum Scharfschießen" dort stationiert.

Wie DI Dr. Luzian Paula, Wien 6, ergänzt, war Döllersheim nur einer "neben vielen anderen" Orten, die 1938ff für den Übungsplatz devastiert wurden.

Betroffen waren, so Neozeitreisende Dr. Monika Huber, insgesamt ca. 7000 Menschen aus 42 Ortschaften. Manfred Bermann, Wien 13, nennt Gründe, warum gerade diese Region herhalten musste: "relativ dünne Besiedelung, . . . schlechte Böden", keine Industriebetriebe.

Dass es mitnichten kulturelles Niemandsland war, betont Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Döllersheim, "erstmals um 1143" belegt, war "Kreuzungspunkt zahlreicher Straßen."

Auf "relativ hohe Zustimmung zum Nationalsozialismus" in dem Gebiet weist Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hin. Und: "Hitler hatte in der Gegend familiäre Wurzeln, seine Großmutter Anna Maria Schicklgruber und sein Vater Alois Hitler stammten aus dem Dorf Strones" (bei Döllersheim). Man hoffte auf "wirtschaftlichen Aufschwung, . . . auch weil Medien . . . anfänglich stolz über die "Heimat des Führers" berichteten."

Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Wie damaligen Zeitungsberichten entnommen werden kann, ernannte Döllersheim im Mai 1938 Adolf Hitler noch zum Ehrenbürger, wenig später wurde bekannt, was er plante. Die Begeisterung wich purer Verzweiflung, so Dr. Komaz. "Widerstand oder Kritik" wären aber "zwecklos und gefährlich gewesen".

Mutmaßungen, dass Hitler mit der Aktion seine Herkunft verschleiern wollte, spricht Dr. Manfred Kremser, Wien 18, an. Der Vater war ein "uneheliches Kind" aus "ärmsten Verhältnissen". (Hitlers Großmutter war aus ihrem Dienst bei einer jüdischen Familie schwanger zurückgekommen, es gab also Spekulationen über mögliche jüdische Vorfahren.) Hitler verbot, dass "an den ehemaligen Wohnhäusern seiner Familie und Verwandten Gedenktafeln angebracht werden".

Dann ging es schnell. Wie Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, notieren, lagen bald offizielle Schreiben auf dem Tisch, dass "binnen sechs Wochen die ersten acht Ortschaften" geräumt werden mussten.

Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "Die Absiedelung erfolgte in vier Schritten zwischen Juni 1938 und Dezember 1941."

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, weist darauf hin, dass man "anfänglich den Bewohnern noch Ersatzhöfe" zuteilte. Wie Maria Thiel, Breitenfurt, ergänzt, wurden "spätere Absiedler praktisch vertrieben". Sie "erhielten nur geringe Abfindungen", die "nach Kriegsende nicht mehr ausbezahlt wurden."

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "In einigen Fällen hatten Ausgesiedelte als Ersatz "arisierte" Anwesen erhalten", die sie zurückgeben mussten.

Enttäuschte Hoffnung

Etliche der in alle Winde Zerstreuten verkrafteten die Vertreibung nie. So berichtete die "WZ" am 25. Februar 1949 vom 45-jährigen Bauern Stefan Stauber, der sich "in der Wagenhütte seines Anwesens in St. Florian bei Linz" das Leben nahm, weil er "den Verlust seines früheren Hofes nicht verschmerzen konnte". Über die Rentnerin Franziska Moser, die am 11. November 1951 in Maria Anzbach (Bez. St. Pölten Land) starb, schrieb eine Lokalzeitung: "Sie konnte ihre alte Heimat nicht vergessen und litt stark an Heimweh, was ihren Tod beschleunigte".

Nach dem Krieg keimte Hoffnung auf Rückkehr auf. Christine Sigmund, Wien 23, dazu: "Die provisorische Staatsregierung entschied . . ., das Gebiet wieder zu besiedeln".

Doch dann, so Dr. Harald Jilke, Wien 2 (der aus seiner Zeit in Allentsteig "Baracken und Zelte immer noch in unguter Erinnerung" hat), wurde es von den Sowjets in Beschlag genommen und von "bis zu 60.000 Soldaten" genutzt. Nach Abzug der Sowjetarmee kam der Platz mit den mittlerweile stark beschädigten Gebäuden 1955 ins "Eigentum der Republik". Herbert Beer, Wolfpassing, berichtet von erneuten Plänen einer "Wiederbesiedelung durch Bauern in neu zu errichtenden . . . Höfen." Auch vom Bau "eines Kernreaktors für friedliche Zwecke" war damals die Rede.

Im Zuge des 3. Staatsvertragsdurchführungsgesetzes 1957, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, beschloss "die Regierung unter Julius Raab", dass "Aussiedler kein Recht mehr auf . . . früheren Besitz hatten".

Für die Vertriebenen "gab es keine Restitution", so Harry Lang, Wien 12 (der im Frühjahr 1967 eine Woche in Allentsteig verbrachte, als "Schreiber" im Innendienst): Die Aussiedelungen wurden nicht als "politische Verfolgung" gewertet. Das "hat der Verfassungsgerichtshof erst im Jahre 2012 entschieden."

Fürstentum der Ruinen

Persönliches steuert auch Helmut Erschbaumer, Linz, bei, der den Grundwehrdienst 1972/73 absolvierte. "Ich war einberufen zur Panzer-Artillerie-Abteilung 3, wir waren im Neuen Lager untergebracht" (mit Zentralheizung!). Neben gelegentlich auftauchenden "Gruppen von Wildschweinen" und einer Zugverbindung in den Heimatort Saxen/OÖ von "etwa sieben Stunden" sind dem Tüftler "einige Häuserruinen" in Erinnerung geblieben, "die bei den Artillerieschießübungen (ich wurde zum Beobachter-Gehilfen ausgebildet) auch die Ziele waren."

Zum Stichwort Allentsteig verweist Schienentüftler Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, auf die "Militärverladestelle im gleichnamigen Bahnhof an der Franz-Josefs-Bahn".

Wie Mag. Thomas Krug, Wien 1, einwirft, handelt es sich heute um einen der größten Truppenübungsplätze Mitteleuropas. Dr. Robert Porod MMBA, Frauenhofen, notiert, dass er "eine Fläche von 157km²" hat. Zum Vergleich: Das entspricht etwa der Größe des Fürstentums Liechtenstein.

Einen Literaturtipp hat Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: Margot Schindler publizierte mit "Wegmüssen. Die Entsiedlung des Raumes Döllersheim" 1988 eine volkskundliche Studie.

Das Buch "Die entweihte Heimat" (1983/84) von Johannes Müllner (1934- 2013) nennt Brigitte Schlesinger, Wien 12. Ihn "interessierten v.a. die gotischen Kirchenruinen, . . . die zerstörten Friedhöfe" etc., die "nach Abzug der deutschen Wehrmacht und der Sowjets" zunächst "nur leicht beschädigt" waren und heute in Trümmern liegen.

P.S. Recherchen zur Zusatzorchidee um einen Arbesbacher Arzt sowie k.k Wahlrecht folgen im März, u.a. von Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner