Das "wunderbare Gefühl, eine "historische Schule" besucht zu haben", kennt Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, ging er doch einst in die 1855 eröffnete Realschule Waltergasse in Wien-Wieden. Als vor einiger Zeit der Leopoldstädter Max-Winter-Platz, ehemals Sterneckplatz, in den Zeitreisen aufs Tapet kam (die Gemeine-Recherchen wurden in der Dezember-Ausgabe, Nro. 426, präsentiert), richtete der Spurensucher ein besonderes Augenmerk auf eine dort situierte Bildungseinrichtung, wohl wissend, dass sein Freund Mag. Johann Eckel in der Nachkriegszeit ihr Schüler war.

Zwist bei Eröffnung

Zunächst ein Rückblick auf die Anfänge, für die sich ein Blick in zeitgenössische Blätter lohnt. Eröffnet wurde die im damals noch jungen Stuwerviertel gelegene Volks- und Bürgerschule am 15. Oktober 1903 mit einem Paukenschlag, der mitten in die aufgeheizte Stimmung in der Donaumetropole um 1900 führt. Die Zeitung "Neues Wiener Journal" berichtete vom Festakt, bei dem Bürgermeister Karl Lueger und der Obmann des Ortsschulrates Ferdinand Klebinder aneinandergerieten. Letzterer war Angehöriger der Liberalen, Gründer des antiklerikalen Blattes "Neues Wiener Montagsblatt" und Jude. Unter anderem setzte er sich für die Gleichstellung jüdischer Lehrer ein. Bei seiner Eröffnungsrede betonte er, dass in der Schule eine "Atmosphäre des Friedens", der Toleranz und Nächstenliebe vorherrschen müsse. Lueger hingegen schlug keine sanften Töne an und pochte darauf, dass in der Institution "dem Kinde die Liebe zur Nation (...) eingeprägt wird". Die Schülerinnen und Schüler sollten vor allem Deutsch lernen, damit so "auch die hartköpfigsten Czechen" zu Deutschen gemacht würden. Einer versöhnlichen Stimmung, für die Klebinder plädiert hatte, waren solche Worte freilich nicht zuträglich.

Blick von der Wolfgang-Schmälzl-Gasse aus auf das Schulgebäude (r.) in den Jahren nach der Eröffnung 1903. Links der Literat Franz Karl Ginzkey zu Besuch 1951, hinter ihm Lehrerin Hauck.  
- © Bilder: Wien Museum (rechts; koloriert von Ph. Aufner ), Mag. J. Eckel

Blick von der Wolfgang-Schmälzl-Gasse aus auf das Schulgebäude (r.) in den Jahren nach der Eröffnung 1903. Links der Literat Franz Karl Ginzkey zu Besuch 1951, hinter ihm Lehrerin Hauck. 

- © Bilder: Wien Museum (rechts; koloriert von Ph. Aufner ), Mag. J. Eckel

Ursprünglich handelte es sich um zwei nach Geschlechtern getrennte Doppel-Volks- und Bürgerschulen. Laut einer Statistik besuchten sie im Oktober 1904 insgesamt knapp 1400 Kinder. Nach Eröffnung eines Zubaus 1907 war es die größte Schule des 2. Bezirks, mit 2300 Kindern und 52 Schulzimmern. Der Eingang für die Buben befand sich am Sterneckplatz 1/2, jener für die Mädchen in der Wolfgang-Schmälzl-Gasse 13/15.

Eckel’sche Illustrationen zu Versen von Mitschüler Karl Hübel über die Schulzeit am früheren Sterneckplatz. 
- © Mag. J. Eckel

Eckel’sche Illustrationen zu Versen von Mitschüler Karl Hübel über die Schulzeit am früheren Sterneckplatz.

- © Mag. J. Eckel

Als auch das erweiterte Gebäude aus allen Nähten platzte - in manchen Klassen sollen mehr als 80 Kinder gesessen sein - wurde als Entlastung in der Nähe eine weitere Schule errichtet (auf dem Areal zwischen Jungstraße, Schönngasse und Feuerbachstraße), die 1913 ihre Pforten öffnete.

Geliebte Klassenmutter

Nun ein Sprung in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als Johann Eckel mit der Schultasche im Stuwerviertel unterwegs war. Mittlerweile (seit 1949) hieß der Sterneckplatz Max-Winter-Platz und die Bürgerschule war eine Hauptschule. Im Krieg hatte das Gebäude durch Bomben schweren Schaden erlitten. Es dauerte Jahre, bis alle Gebäudeteile wiederhergestellt waren.

Ein mehr als 70 Jahre zurückliegendes Ereignis hat der ehemalige Schüler Hans Eckel besonders gut im Gedächtnis: "Im Jahre 1951, ich war damals dreizehn, hat Franz Karl Ginzkey (1871-1963, Anm.) unsere Schule . . . besucht. Wer dies . . . veranlasst hat, weiß ich nicht, möglicherweise war es unsere "Klassenmutter" Dkfm. Hilde Hauck oder ihr Partner, er war literarisch engagiert. Ginzkey hat Balladen vorgetragen. Ich erinnere mich noch: "Den Bognermeister Kasper quält eine böse Frau / Bald zwickt sie ihn voll Tücken, bald bläut sie ihm den Rücken / und tut das sehr genau." Wir haben es dann im Prater auf der Arenawiese bei den Festwochen aufgeführt. Ich war Conferencier und Spieler in einer Person. Viele Zuschauer - angeblich hat mich meine spätere Frau Inge dort das erste Mal gesehen."

Eine Photographie vom Dichter-Besuch zierte anno 2001 auch eine von einstigen Schülern gestaltete Publikation zu Ehren des 80ers ihrer "Klassenmutter". Noch Jahrzehnte später brachten die Mitglieder der ehemaligen Klasse, die als 4/1a absolvierte, ihrer Pädagogin große Verehrung entgegen. Aus einem Festgedicht, verfasst von "Hans", Johann Eckel, spricht tiefe Dankbarkeit. Hier eine Strophe daraus: "Und SIE, die allseits gute Fee, / sagt einst zu uns: "DU KANNST ES, GEH!" / Diese Worte, welche Macht! / Hat Gutes nur aus uns gemacht. / Sie erkannte stets das Rechte, / was wer konnte, was wer möchte. / Was tief im Herzen war verborgen, / Talent, Geschick und manche Sorgen." Die eingangs erwähnte "Atmosphäre des Friedens", die bei der Eröffnung der Schule gefordert wurde - es scheint, als habe Lehrerin Hauck es geschafft, sie für die Schüler ihrer Klasse zu erkämpfen.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner