Im Mai 1939 entging Arbesbach knapp einer Katastrophe. Ein schweres Gewitter, begleitet von wolkenbruchartigem Regen, ging über dem Ort nieder. Ein Blitz schlug in einen mit Stroh und Heu gefüllten Stadel ein, der sofort lichterloh brannte. Der starke Niederschlag und die herbeieilenden Bewohner konnten jedoch verhindern, dass die Flammen auf den Ort übergriffen.

In diesen Tagen spielte sich in der Waldviertler Marktgemeinde auch eine echte, wenngleich stillere Tragödie ab: Der ehemalige Gemeindearzt Dr. Siegfried Mandl, ein tüchtiger und beliebter Mediziner, beging im Alter von 74 Jahren Suizid. Die Gemeine begab sich anlässlich einer Teilfrage der Zusatzorchidee der Nro. 426 auf Spurensuche zu den Hintergründen (Teil 2 der Zusatzorchidee erscheint in einer eigenen Rubrik).

Mag. Thomas Krug, Wien 1, nennt das Todesdatum: 5. Mai 1939.

Leopold Weinwurm, Obritz/NÖ, erwähnt, dass es sich um die "Nacht vor seiner Abholung durch NS-Schergen" gehandelt habe.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, fühlte sich an den Fall Egon Friedell erinnert, der sich in Wien "bereits am 16. März 1938, unmittelbar vor einer von ihm befürchteten Festnahme . . ., ebenfalls das Leben nahm - durch Sprung aus dem Fenster" seiner Wohnung in der Gentzgasse 7 im 18. Bezirk.

Wie Herbert Beer, Wolfpassing, recherchierte, handelte es sich bei Dr. Mandl um eine Tablettenvergiftung. Als der herbeigerufene Arzt aus dem 11km entfernten Schönbach am Morgen des 5. Mai eintraf, "war Dr. Mandl bereits verstorben".

Der angesehene jüdische Arzt Dr. Mandl (1864-1939). 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Der angesehene jüdische Arzt Dr. Mandl (1864-1939).

- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Als amtliche Todesursache wurde Gehirnschlag angegeben. Dass das nicht stimmte, war im Ort allgemein bekannt. In der von Dr. Max Mauritz verfassten Chronik von Arbesbach (1983) wird als Gewährsmann der Tierarzt Dr. Max Preier angegeben, der die Todesumstände kannte und Suizid durch eine Überdosis Morphium bestätigte.

Armenarzt in Wien

Damit zunächst zur Biographie Siegfried Mandls, zu der Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, anmerkt, dass er "in Müglitz in Mähren" (Mohelnice, heute in Tschechien) nahe Olmütz auf die Welt gekommen war. Sein Geburtsdatum nennt Helmut Erschbaumer, Linz: 6. Juli 1864. Dr. Manfred Kremser, Wien 18, weiter: Die "Volksschule absolvierte er in Ragendorf" (nun Rajka im Nordwesten Ungarns), das Realgymnasium in Wien (Kleine Sperlgasse im 2. Bezirk), ebenso wie das Medizinstudium; "die Promotion war 1889".

Laut "Niederösterreichischer Ärztechronik" von B. Weinrich und E. Plöckinger (Wien 1990), war Mandl anschließend im Rudolfspital sowie als Gemeindearzt in der Donaumetropole tätig.

Schon damals setzte er sich für die untersten Schichten der Bevölkerung ein. In einer in der "Arbeiter-Zeitung" veröffentlichten Annonce wird er 1894 als Vereinsarzt der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse in Wien genannt. 1896 publizierte die "Wiener Zeitung" eine Liste, in der er als städtischer Armenarzt aufscheint. Sein Rayon lag in der damals tristen Gegend zwischen Augarten und Donau im heutigen 20. Bezirk (einst zur Leopoldstadt gehörig). Die katastrophalen Zustände, die Dr. Mandl dort zu sehen bekam, dürften ihn in seinem sozialen Engagement bestärkt haben, das ihn auch später als Landarzt auszeichnete.

Warum er um die Jahrhundertwende der Donaumetropole den Rücken kehrte, ist nicht bekannt. Mit einer Zwischenstation in Eisgarn bei Litschau/NÖ wurde er schließlich Gemeindearzt in Arbesbach. Als solcher war er, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, "von 1901 bis 1926" aktiv.

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, weist darauf hin, dass Mandl außerdem "die Gemeinden . . . Altmelon, Griesbach, Pretrobruck, Purrath, Rammelhof und Wiesensfeld" mitbetreute.

Zum damals nicht nur in Wien unter Bürgermeister Karl Lueger herrschenden Antisemitismus stellt Harry Lang, Wien 12, fest: Dr. Mandl musste "als Jude . . . mit einer gewissen Ablehnung der Bevölkerung rechnen." Wie Maria Thiel, Breitenfurt, betont, war er bei den Menschen jedoch "sehr angesehen".

Das hing wohl auch damit zusammen, dass er, wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, herausfand, vielen, die kein Geld hatten, kostenlos half.

Christine Sigmund, Wien 23, recherchierte, dass Dr. Mandl sogar "1926 zum Ehrenbürger" ernannt wurde. Wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, anfügt, schützte dies "ihn und seine Familie leider nicht vor den Verfolgungen durch das nationalsozialistische Regime."

Schikane der Behörden

"Seine Wohnung und Ordination waren in Arbesbach 16", dem "Alten Amtshaus", untergebracht, so bereits erwähnter Zeitreisenmedicus Dr. Kremser. Dort lebten der Junggeselle Mandl und seine zwei Schwestern in einer Gemeindewohnung, die sie auch nach der Pensionierung des Arztes 1926 noch nutzen durften.

Im Juni 1938 wurde den betagten Geschwistern allerdings unterbreitet, dass man sie vor die Tür setzen werde. Dies dokumentierte der Historiker Robert Kurij in seinem Werk "Nationalsozialismus und Widerstand im Waldviertel" (1987), in dem er sich auf Registraturakten der Bezirkshauptmannschaft Zwettl beruft. Kurij gibt in seinem Buch weiters an, dass viele Arbesbacher daraufhin Quartiere zur Untermiete anboten. Die Nazi-Behörden stellten diese Versuche unter Geldstrafe, offiziell um eine Bereicherung auf Kosten des Arztes zu verhindern - was jedoch stark nach einem Vorwand für Schikane und Einschüchterung klingt.

Kaum ein Jahr danach beging Dr. Mandl die Verzweiflungstat. Was die Bestattung angeht, stieß die Gemeine auf Widersprüche. Mag. Robert Lamberger, Wien 4, fand eine Version, nach der die sterblichen Überreste "mit einem Mistwagen" zum Friedhof gebracht wurden, da "aus Angst vor den Nazis . . . keiner den beliebten Arzt auf seinem letzten Weg begleiten" wollte.

Akt der Zivilcourage?

Andere Informationen hat Priv.-Doz. Dr. Monika Huber, Arbesbach, der "Dr. Siegfried Mandl selbstverständlich seit Kindheit" ein Begriff ist. Die Neozeitreisende hat ihre Schwägerin kontaktiert, deren 2013 im Alter von 94 Jahren verstorbene Tante die Geschwister Mandl gut gekannt hat. Neben handschriftlichen Aufzeichnungen der Zeitzeugin fand sich in den Unterlagen auch eine Abhandlung über Ärzte in Arbesbach von Dr. Max Neweklowsky (1977). "Soviel bekannt ist", so die Spurensucherin, ist auch "der damalige Bürgermeister Ferdinand Blauensteiner" im großen Trauerzug mitgegangen. Dr. Huber übermittelte zudem ein Foto der Gedenktafel, die heute am Friedhof an Dr. Mandls letzte Ruhestätte erinnert.

Die Gedenktafel auf dem Arbesbacher Friedhof hat Neozeitreisende Dr. Monika Huber fotografiert - danke!  
- © Foto: Dr. M. Huber

Die Gedenktafel auf dem Arbesbacher Friedhof hat Neozeitreisende Dr. Monika Huber fotografiert - danke! 

- © Foto: Dr. M. Huber

Eine Einschätzung teilt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, mit: "Mir persönlich kommt die . . . Version wahrscheinlicher vor", nach der etliche Arbesbacher dem verdienstvollen Mann die letzte Ehre erwiesen - "denn ich traue den Waldviertlern diese Zivilcourage zu. Möglicherweise liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, die Erinnerung an diese Zeit ist bei Österreichern etwas selektiv".

Dr. Mandls ältere Schwester Karoline starb laut Neweklowskys Chronik 1941 mit 80 Jahren, Gisela holte man "später unter Plünderung der Wohnungseinrichtung" ab. Dazu Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Sie wurde "im KZ ermordet". Laut Opferdatenbank des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) wurde die am 23. September 1872 in Müglitz Geborene im September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Tod wird auf den 31. Mai 1944 datiert.

Zum Gedenken an den Arbesbacher Ehrenbürger notiert Brigitte Schlesinger, Wien 12: In der Marktgemeinde wurde "ein Wanderweg . . . nach Dr. Siegfried Mandl benannt" und eine Tafel mit ausführlicheren Informationen aufgestellt. Außerdem existiert ein Gedenkstein.

Auf das Zeitgeschichte-Projekt "A Letter To The Stars" weist Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, hin. Ab 2003 recherchierten Schülerinnen und Schüler die Schicksale von österreichischen Holocaust-Opfern, darunter auch Dr. Mandl.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner