Mit einer herben Enttäuschung eröffnet Dr. Manfred Kremser, Wien 18, den Antwortreigen zur Frage 1 der Nro. 428 rund um tierische Nothelfer: "Was aber das Rumfässchen betrifft, so haben die Hunde (...) zu keiner Zeit eines getragen". So zitiert der Zeitreisende einen Bruder des Hospizes am Großen St. Bernhard. Dieser räumte Mitte des 20. Jh.s mit einer Legende auf, die berühmten Rettungshunde des Ordens hätten stets ein Behältnis mit Geistigem um den Hals gebunden gehabt.

Eine verzweifelte Frau mit krankem Kind, aufgefunden von einem der Hunde des Hospizes am Großen Sankt Bernhard.  
- © Bild: Gemälde (1827) von Charles Picqué (1799-1869)/Rijksmuseum/gemeinfrei

Eine verzweifelte Frau mit krankem Kind, aufgefunden von einem der Hunde des Hospizes am Großen Sankt Bernhard. 

- © Bild: Gemälde (1827) von Charles Picqué (1799-1869)/Rijksmuseum/gemeinfrei

"Echt schade", so Dr. Kremser, "dass das "Lebenswasser", mit dem die steifgefrorenen Lawinenopfer wieder zum Leben erweckt wurden, nur ein gut gelungener Marketinggag war. Wie auch immer: Der Bernhardiner ist der Nationalhund der Schweiz - mit oder ohne Schnapsfasserl."

Zur Orientierung: Wir befinden uns, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, in den Walliser Alpen, "auf 2469 Metern" über dem Meeresspiegel, wo "der Pass des Großen Sankt Bernhard die Schweiz mit Italien" verbindet. In dieser wilden Gegend im späteren Kanton Wallis wurde im 11. Jahrhundert eine Herberge errichtet, die u.a. "Reisenden Zuflucht" vor der unwirtlichen Natur, aber auch vor Überfällen bieten sollte.

Über den Gründer informiert Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Bernhard von Aosta . . ., der als Sohn einer vornehmen Familie im Aostatal zur Welt gekommen war." Zu seinem Geburtsjahr sind verschiedene Angaben überliefert: Er erblickte "983 oder 1008 in Menthon" das Licht der Welt, gestorben ist er vermutlich am "15. Juni 1081 in Novara, Italien". Er "hatte zuerst in Paris Philosophie und Rechte studiert und seinen Doktor gemacht. Als seine Eltern für ihn ein reiches Mädchen aussuchten, das er heiraten sollte, verließ er seinen Heimatort und wurde Archidiakon (= Stellvertreter, Anm.) des Bischofs . . . Unter seiner Mitwirkung entstanden zahlreiche Bistümer." Er wurde 1681 offiziell heiliggesprochen. Papst Pius XI., der übrigens selbst Alpinist war, ernannte ihn "1923 zum Patron der Alpenbewohner und Bergsteiger".

Wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, ergänzt, wurde Bernhard bei der Hospiz-Gründung "von der verwitweten Königin Irmingard von Burgund . . . unterstützt. Die Hospizkirche war dem heiligen Nikolaus, Bischof von Bari, geweiht, wurde aber erst 1125 erstmals urkundlich erwähnt." Seit damals ist das Kloster "als eine Niederlassung der Augustiner Chorherren bezeugt."

Spürnasen im Sturm

Ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert findet man im Hospiz auf dem Großen St. Bernhard, so Christine Sigmund, Wien 23, die später weltberühmten Vierbeiner. Aus 1708 soll eine Schilderung des Priors belegt sein, laut der die Tiere u.a. per Laufrad "Bratspieße drehen" mussten. "Doch dann erkannte man den eigentlichen Nutzen dieser wunderbaren Hunde". Wie Mag. Thomas Krug, Wien 1, fortführt, bewährten sie sich hervorragend bei der "Auffindung Verschütteter" oder Verirrter.

Das Erscheinungsbild der Bernhardiner veränderte sich im Laufe der Zeit. Hier ein Exemplar auf einem Gemälde von Bernard te Gempt (1826-1879).  
- © Bild: gemeinfrei/Rijksmuseum

Das Erscheinungsbild der Bernhardiner veränderte sich im Laufe der Zeit. Hier ein Exemplar auf einem Gemälde von Bernard te Gempt (1826-1879). 

- © Bild: gemeinfrei/Rijksmuseum

Helmut Erschbaumer, Linz, weist darauf hin, dass die damaligen Bernhardiner wesentlich kleiner waren als die heutigen Hunde, die durch Zucht für den Einsatz im Gebirge "zu massig geworden" sind. Heute ist der Bernhardiner "ein Haus- und Begleithund", für die Bergrettung eignen sich andere Rassen besser.

Den berühmtesten Hund vom Großen St. Bernhard nennt Herbert C. Eller, Mödling: Barry. Er "lebte von 1800-1812 im Hospiz". Zum Namen, der auch als "Bari, Barri oder auch Baril" überliefert ist, erläutert Gerhard Toifl, Wien 17: Er könnte "von Bäri herstammen", eine einst übliche "Bezeichnung für Hofhunde mit dunkler Färbung". Auch ein Bezug zur italienischen Stadt Bari wäre denkbar, wo sich "die Grabstätte des heiligen Nikolaus" befindet, des oben erwähnten Kirchenpatrons.

Ein literarisches Denkmal setzte dem Hund u.a. Annette von Droste Hülshoff (1797-1848), wie Mag. Robert Lamberger, Wien 4, anmerkt. Ihr Versepos "Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard" erzählt von einem Greis, der mitten im Winter mit seinem kleinen Enkel den Pass überqueren muss. Doch sie gelangen nicht rechtzeitig vor Sonnenuntergang ins Kloster und drohen zu erfrieren. Schließlich "findet Barry . . . den Knaben und trägt ihn zum Hospiz."

Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, zitiert dazu jene Stelle aus Droste-Hülshoffs Werk, an der ein Klosterbewohner das aus dem Schneesturm zurückkehrende Tier empfängt: "Und nach ihm, schwer ermüdet, wankt / Der große Hund in die Kapelle; / Er dreht die Augen rings, er schwankt, / Ihm hängt das Eis vom zott’gen Felle, / Auf seinem Rücken liegt ein Kind (...)"

Zu diesem Motiv des "Knabenrittes" erläutert Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, dass es "schon lange vor Barrys Leben existiert hat" und in der Literatur immer wieder verwendet wurde. Dass das Tier "ein verunglücktes Kind dazu gebracht" hat, "auf seinen Rücken zu klettern", um es dann zu tragen, ist jedoch unrealistisch. "Dazu ist kein Hund in der Lage", so die Zeitreisende.

Napoleon auf dem Pass

Prof. Dr. Rath nennt eine weitere Legende: "Barry sei von einem Soldaten Napoleons, der ihn für einen Wolf gehalten habe, erstochen worden." Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, weiter: Zwar überquerte "Bonaparte . . . mit 46.000 Mann den Pass" tatsächlich - jedoch im Mai 1800. Barry dürfte "in diesem Frühling gerade ein Welpe" gewesen sein.

Ein Soldat der napoleonischen Truppen soll Barry für einen Wolf gehalten und getötet haben, so die Legende. Doch beim Übergang des Heeres über den St. Bernhard im Mai 1800 war der berühmte Hund noch ein Welpe.  
- © Bild: aquarellierte Federzeichnung (um 1825)/Schweizerisches Nationalmuseum

Ein Soldat der napoleonischen Truppen soll Barry für einen Wolf gehalten und getötet haben, so die Legende. Doch beim Übergang des Heeres über den St. Bernhard im Mai 1800 war der berühmte Hund noch ein Welpe. 

- © Bild: aquarellierte Federzeichnung (um 1825)/Schweizerisches Nationalmuseum

Herbert Beer, Wolfpassing, ergänzt, dass "den erschöpften Soldaten . . . die übliche Gastfreundschaft entgegengebracht" wurde. "Napoleon und seine Offiziere" bewunderten die "Leistungen dieser Vierbeiner". Dadurch kamen die Hunde beim Adel in Mode.

Maria Thiel, Breitenfurt, fügt eine weitere Geschichte hinzu, die man über Barry erzählt: So habe er ausgerechnet "seinem eigenen Pfleger . . . nicht helfen können", als dieser "in eine Lawine geraten war".

Gesichert soll sein, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, dass Barry viele Menschenleben rettete. In zahlreichen Quellen ist von "vierzig Personen" die Rede.

Auf ein Denkmal, das auf dem Cimetière des Chiens, einem Tierfriedhof bei Paris, errichtet wurde, verweist Dr. Harald Jilke, Wien 2. Darauf steht zu lesen, dass er vom 41. Menschen, den er retten wollte, getötet wurde ("Il sauva la vie à 40 personnes . . . Il fût tué par la 41ème!"). Das stimmt allerdings nicht. In Wirklichkeit, so Dr. Jilke, "verbrachte er seine letzten zwei Lebensjahre in Bern", wo er 1814 starb.

Ausgestopft in Bern

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, berichtet, dass Barry "nach seinem Tode . . . präpariert" und später im Naturhistorischen Museum Bern ausgestellt wurde. Das Exponat wurde mehrmals erneuert und insofern verändert, als dass man es mehr dem später bekannten Erscheinungsbild der Bernhardiner anpasste, mit größerem Kopf und längeren Läufen. Das heutige Modell stammt aus den 1920er-Jahren und ist noch mit echtem Fell Barrys überzogen. Auch das Fässchen "als Erkennungszeichen" darf nicht fehlen - es wird im Museum aber darauf hingewiesen, dass es nicht historisch ist. "Seit 2014", so Dr. Baier, ist Barry "eine eigene Dauerausstellung gewidmet."

Auf Bearbeitungen des Stoffes für die Leinwand geht Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ein und nennt den französischen Film "Barry" aus 1949 (deutscher Titel: "Barry - Der Held von St. Bernhard") sowie "Barry of the Great St. Bernard" ("Barry, der Bernhardiner"), produziert 1977 von den Walt Disney Studios.

Unsterbliche Stimme

Zur Verklärung des tierischen Helden, die "bisweilen . . . kitschig" ausfällt, notiert Brigitte Schlesinger, Wien 12: Ein "außergewöhnlicher Hund" war er bestimmt, immerhin wurde ihm "schon zu Lebzeiten . . . Ruhm und Ehre" zuteil. Die Legenden, die sich um ihn ranken, "enthalten alles, was Geschichten zeitlos faszinierend macht: Gefahr und Rettung, Heldentum und Tragik, Überirdisches und Bodenständiges."

Zu seinem Nachleben ergänzt Zeitreisende Schlesinger: "Ein modernes Lawinenverschüttetensuchgerät . . . trägt den Namen Barryvox (lat. vox = Stimme) . . . Somit lebt zumindest Barrys Stimme weiter" - wenn auch als Piepsen, nicht als Bellen.

Übrigens: Unter anderem der Geschichte derartiger Geräte widmet sich die Zusammenstellung zu Frage 2 der Nro. 428.

P.S. Zur Orchidee der Nro. 428 rund um den Finstermünzpass recherchierte u.a. Manfred Bermann, Wien 13 - mehr dazu in der am 6. Mai erscheinenden Zeitreisen-Ausgabe!

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner