Hausverstand mahnte Mag. Robert Lamberger, Wien 4, mit seiner Antwort zum ersten Teil der 2. Frage der Nuss Nro. 428 ein: "Durch Vorsicht" schützte man sich im alpinen Raum schon immer am besten vor Lawinen. Heute hilft auch die "Beachtung der Lawinenwarnstufen". Diese wurden allerdings erst im 20. Jahrhundert zum internationalen Standard. Die Gemeine recherchierte zu Strategien angesichts der weißen Gefahr einst und jetzt.

Zunächst liefert Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, einen "etymologischen Einschub" zum Thema: "Die gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Schweizerischen ins Hochdeutsche übernommene Bezeichnung" Lawine geht auf mittellateinisch "labina = Erdrutsch" zurück. Es ist "verwandt mit lateinisch labi = gleiten, rinnen" und mit dem Wort "labil".

Helmut Erschbaumer, Linz, mit einer historischen Einordnung: Seit der Erschließung des alpinen Raums ist der Mensch "von Lawinenabgängen bedroht. So soll schon Hannibal bei seiner Alpenüberquerung . . . 218 v. Chr. . . . rund die Hälfte seiner Soldaten", also etwa 20.000 Mann, durch Lawinen verloren haben. Ob auch einige seiner Elefanten starben, ist ungewiss.

Einen natürlichen Schutz nennt Maria Thiel, Breitenfurt: "Der Wald kann das Anreißen von Lawinen verhindern, aber große Staublawinen (dieses Luft-Schnee-Gemenge kann bis zu 300km/h erreichen, Anm.) nicht stoppen." Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ergänzt erste künstlich geschaffene Wälle: "Schutzbauten aus Mörtelmauerwerk dürfte es schon früh gegeben haben; nachgewiesen sind sie etwa durch in der Schweiz gefundene Überreste aus dem 17. Jahrhundert."

Allgemein fand Tüftler Dr. Komaz Belege, dass die zunehmende Nutzung von Holz für Gebäude "zum Kochen und Heizen oder auch für den Bergbau" zu einer "Auslichtung der Wälder" führte. Dies "erhöhte die Lawinengefahr im Lauf der Zeit immer mehr". Belege dafür bieten u.a. "Lawinenbriefe", also Aufzeichnungen über Abgänge und Warnhinweise für die Bevölkerung. Ein Beispiel wäre ein solches Flugblatt zu einer Katastrophe im Montafon im Jahr 1689 mit etwa 120 Opfern.

"Erwähnenswert" sei, so Dr. Komaz, dass der Schweizer Lawinenschutz "in Anerkennung seiner jahrhundertelangen Strategien und . . . Maßnahmen" 2018 "Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes wurde."

Winter vs. Gleise

Nach Tirol blickt Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22. Dort wurde 1613 der hierzulande erste Lawinenschutzbau für eine Einzelsiedlung errichtet, um den Weiler Birche in Galtür zu schützen.

In Sachen Abschirmung der Gleise notiert Dr. Manfred Kremser, Wien 18, dass in Österreich schon parallel zur Erbauung der Arlbergbahn (Beginn 1880) "Lawinenschutzbauten in Form der Arlbergrechen" errichtet wurden. Dazu Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz: Sie bestehen u.a. "aus vier Meter langen Eisenbahnschienen, die in einem Abstand von 3,5m einbetoniert wurden und mindestens 2,5m lotrecht aus dem Boden ragen".

Darüber hinaus wurden Lawinengalerien und Überdachungen geschaffen. Jedes Jahr sind, so Gerhard Toifl, Wien 17, Dutzende Arbeitskräfte "mit der Schneeräumung, der Felssicherung und der Erhaltung der Schneeschutzanlangen beschäftigt."

Dem Ausmaß der Schäden durch Schneeabgänge bei der Arlbergbahn widmete sich Dr. Harald Jilke, Wien 2: Die erste Lawine legte die neue Strecke "bereits drei Monate nach der Aufnahme des Fahrbetriebs" 1884 lahm. Bis 1970 sollten sich "allein auf der Arlbergbahn-Westrampe insgesamt ca. 1500 Lawinenabgänge" ereignen. Immer wieder beschädigten sie Infrastruktur, darunter Bahnbrücken in den Jahren 1888 und 1968.

Auf eine Tragödie geht Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, ein: "Der Winter 1953/54 brachte die folgenschwersten Lawinenereignisse an der Arlbergbahn seit ihrem Bestehen." Schneemassen töteten zehn Personen im Bahnhof Dalaas, Bezirk Bludenz, Vorarlberg. In der Region starben bei der Katastrophe insgesamt 125 Menschen.

Einen Pieps machen

Zu einer weiteren Teilfrage der Nuss kommt Mag. Thomas Krug, Wien 1: "Tirols Lawinendienst wurde im Dezember 1960 eingeführt." Dr. Karl Beck, Purkersdorf, mit Details: Dieses Service wurde geschaffen, "da 1964 die Olympischen Winterspiele in Innsbruck stattfanden". Noch immer hat Tirol eines der dichtesten hochalpinen Messnetze der Welt, um vor Abgängen zu warnen.

Schon zitierte Tüftlerin Thiel ergänzt, dass Vorarlberg "bereits 1953 als erstes Bundesland" einen Lawinenwarndienst hatte.

Tunnelgrabung per Hand nach dem Abgang einer Lawine am Arlberg.  
- © Foto: o.J., Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek

Tunnelgrabung per Hand nach dem Abgang einer Lawine am Arlberg. 

- © Foto: o.J., Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek

Keinen Pieps zu machen, wenn man von einer Lawine begraben wurde, kann fatal enden. Herbert Beer, Wolfpassing, erläutert, dass "die Überlebenschance Verschütteter bereits nach 15 Minuten drastisch sinkt". Deshalb wurden "Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS-Geräte)" entwickelt. Mit diesen können Verunglückte, die ebenfalls "mit einem eingeschalteten LVS-Gerät ausgestattet" sind, geortet werden.

Einen Anbieter auf diesem Gebiet nennt Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Das österreichische Unternehmen Pieps GmbH" in der Steiermark, das seit Jahrzehnten weltweit "Produkte für Sicherheit in Eis und Schnee" konzipiert, herstellt und vertreibt. Ihr erstes "Lawinenpiepserl" ist, so Herbert C. Eller, Mödling, "seit 1971 . . . auf dem Markt".

Mit Hilfe der Göttin

Entwickelt wurde der Apparat, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, recherchierte, bereits 1968 "in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Wien". Quasi gleichzeitig entstand in den USA ein Konkurrenzprodukt: Der Techniker und Alpinsportler John G. Lawton traf 1968 "beim Skifahren in Alta, Utah" auf zwei US-Lawinenforscher, die gerade an einem Suchgerät arbeiteten. Ein paar ihrer Ideen sollten schließlich von Lawton und anderen aufgegriffen und in "SKADI (nach der germanischen Göttin der Jagd, des Schnees, des Eises und des Skilaufs)" umgesetzt werden. Das Gerät "bestand aus einem Taschensender von der Größe einer Zigarettenschachtel" sowie einer Antenne mit einem Meter Durchmesser, die "auf der Rückseite eines Parkas eingenäht" war. Diese Einschränkung wurde bald überarbeitet.

N.B. Auch in der Schweiz wurde 1968 an einem Lawinenortungsgerät gearbeitet. Patriotisch wurde es nach dem Suchhund "Barry" (siehe Zusammenstellung zur Frage 1 der Nro. 428) benannt.

P.S. Antworten zur Zusatzorchidee rund um die frühere habsburgische Besitzung Tarasp in der heutigen Schweiz, u.a. von Christine Sigmund, Wien 23, und Dr. Robert Porod MMBA, Frauenhofen bei Horn, sind für nächsten Monat reserviert.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa