Im Jahr 1811 veröffentlichte eine Zeitung das "Tagebuch einer Fußreise durch das obere Innthal". Darin beschreibt ein namenloser Wanderer das Eintreten in die Gegend des Finstermünz-Passes: Immer "enger schließen sich ... die Gebirge, und von einer Ecke zur andern springt die schmale Straße ab; bald ist keine menschliche Wohnung nah oder ferne mehr zu sehen, und nur der rauschende Innstrom unterbricht die öde Stille. Ein ungeheurer Felsenkoloß von schwarzem Gestein, drängt sich weiter vorn vor den andern hervor, auf seinem unermeßnen Rücken stehen da und dort zackichte Tannen, finster wie er selbst, vom Winde bewegt und wiegen knarrend ihre Spitzen: im Hintergrunde aber hebt unten ein viereckigter Thurm das morsche Gemäuer aus dem Flusse, und hinüber zu einem dunkeln Thorgewölbe beugt sich eine alte Fallbrücke, auf der man durch den berüchtigten Paß, die Finstermünz, gehet."

Auch der Tüftlerkreis begab sich anlässlich der Orchideenfrage der Nro. 428 auf Spurensuche zu diesem Grenzübergang im heutigen Tiroler Bezirk Landeck.

Zur geographischen Lage gibt Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, Auskunft: Die Klause (seit 1856 "Altfinstermünz") liegt "am Fuße des 1.186m hohen Finstermünzpasses ... an der Via Claudia Augusta", der bereits ab 46 n. Chr. angelegten römischen Straße zwischen Adria und Nordalpen.

Maria Thiel, Breitenfurt, zum Ursprung des düster klingenden Namens: Finstermünz dürfte sich "vom römischen Vinestana Munitio (Vintschgau-Feste) ableiten, da die Talenge bereits von den Römern als natürliche Sperre angesehen wurde. Der Inn verlässt hier das schweizerische Engadin (ein Hochtal im heutigen Kanton Graubünden, Anm.) und tritt ... nach Tirol ein." Dr. Manfred Kremser, Wien 18, fügt an: "Das Wort "Münz"" könnte auch auf das indoeuropäische "Mintsia" zurückgeführt werden. "Die Deutung dieser Bezeichnung mit "bedrohlich emporragender Fels" trifft ins Schwarze". Jedenfalls, so Dr. Harald Jilke, Wien 2, wurde Finstermünz "als "Vinestana silva (= lat. Wald, Anm.)" ... 1159 erstmals urkundlich erwähnt".

Streit um 18km² Fels

Auf diesem Gebiet entbrannte, so Manfred Bermann, Wien 13, ein "Territorialkonflikt", der "jahrhundertelang bestand": der "sogenannte Gränzanstand bei Finstermünz".

Dabei stritten die Habsburger mit ihren westlichen Nachbarn vom 15. bis ins 19. Jh. (die Graubündner waren bis 1803 vertraglich den Eidgenossen verbunden, danach in aller Form zur Schweiz gehörig).

Sigismund von Österreich, "der Münzreiche", etwa 1465.  
- © Bild (CC BY-SA 4.0): Bayer. Staatsgemäldesammlung - Alte Pinakothek München

Sigismund von Österreich, "der Münzreiche", etwa 1465. 

- © Bild (CC BY-SA 4.0): Bayer. Staatsgemäldesammlung - Alte Pinakothek München

Zum Hintergrund kommt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Es ging nicht nur um territoriale Oberhoheit. "Seit 1140" stand ein Teil des Engadins sowie der "Südabhang des Piz Mundin", als Novellaberg bekannt, "unter der weltlichen Herrschaft der Grafen von Tirol", aber "für die kirchliche Herrschaft war das Bistum Chur zuständig. 1363 kam Tirol zu Österreich" - ein Konflikt war vorprogrammiert. Das strittige Gebiet umfasst dabei "eine Fläche von 18 Quadratkilometern".

Das Verhältnis zwischen dem Haus Habsburg und den Schweizer Eidgenossen blieb auch im 15. Jh. angespannt. Beide wollten ihre Einflussgebiete vergrößern.

Mag. Thomas Krug, Wien 1: Schließlich ließ "Erzherzog Sig(is)mund von Österreich ... nach 1472 ein Bollwerk, genannt Sigmundsegg (oder Sigmunds-eck, Anm.), errichten".

Helmut Erschbaumer, Linz, fährt fort: Diese frühneuzeitliche Festung, die eine "Brücke über den Inn" einschloss, sollte "vor Einfällen aus dem Engadin" schützen. Herbert C. Eller, Mödling, schließt an: Der Brückenturm "steht mitten im Fluss, auf halber Länge einer Holzbrücke". Diese ist "auf österreichischer Seite gedeckt, auf Schweizer Seite offen."

Keine Gefangenen

Indes verschärfte sich die Lage zwischen Graubünden und Habsburg. Brigitte Schlesinger, Wien 12, erklärt dazu: "Belastend ... wirkte sich das Vorgehen des 1488 gegründeten Schwäbischen Bunds aus." Mit diesem gab es ein zweites großes Bündnissystem im deutschen Südwesten, das aber mit den Habsburgern paktierte - sehr zum Missfallen der Eidgenossen.

Auch das Verhältnis zu Sigismunds Nachfolger, Maximilian I. (regierte Tirol ab 1490), verschlechterte sich. Grund dafür waren u.a. die Beschlüsse des Wormser Reichstags 1495 (seit damals zentrale Instanz des Heiligen Römischen Reiches). Die Eidgenossen akzeptierten weder die dort gefällten steuerlichen noch rechtlichen Entscheidungen. Damit schieden sie faktisch aus dem Reichstagsgeschehen aus.

Dieser Konflikt führte 1499 zum "Schwabenkrieg (auch als Schweizerkrieg oder Engadiner Krieg bekannt)", den Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, nennt. Finstermünz galt erneut als wichtige Befestigungsanlage.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ergänzt: "Als Ostösterreicher übersieht man dabei weitgehend, dass der Krieg mit heftigster Erbitterung geführt wurde." Von "Meran bis Basel" wurden "in 13 Schlachten über 20.000 Menschen getötet und 2000 Schlösser, Dörfer, Flecken und Städte in Asche gelegt." Regionen in "Graubünden, (Süd-)Tirol und Vorarlberg" wurden verwüstet. Die verfeindeten Parteien "haben einander nichts geschenkt", teilweise durften "nicht einmal Gefangene ... gemacht und - wie damals sonst üblich - ausgetauscht bzw. gegen Lösegeld freigelassen werden. Vor allem ... die Zivilbevölkerung hat schwer gelitten." Schließlich "blieb im Frieden von Basel (1499, Anm.) alles im Wesentlichen beim Alten." Nur haben sich die Eidgenossen "schon damals praktisch vom Heiligen Römischen Reich verabschiedet."

Trotz des Friedensabkommens baute man "zwischen 1502 und 1537" die Befestigungsanlage Finstermünz weiter aus, so Christine Sigmund, Wien 23, und errichtete den "mächtigen Klausenturm". Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, weiter: Durch diesen konnte man unerwünschte Durchfahrten "mit Pechnasen (ein nach unten offener Erker, aus dem u.a. siedendes Pech auf feindliche Truppen gegossen wurde, Anm.) und Wehrplatte" (eine Plattform für Wurfmaschinen) verhindern.

Bis in das beginnende 18. Jh. blieb es ruhiger in der Gegend um den Novellaberg. Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "1703 ist eine militärische Stellung ... vermerkt. Man befürchtete ... einen französischen Einmarsch aus dem Süden."

Kampfhandlungen fanden ein knappes Jahrhundert später statt, wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, notiert: Und zwar "1799 im Zuge des Zweiten Koalitionskrieges" gegen französische Truppen.

Monetäre Umwege

Auf einen anderen, uralten Streitpunkt geht Herbert Beer, Wolfpassing, ein und führt zurück nach Finstermünz ins Mittelalter: "Ab ungefähr 1300 wurden hier schon Zölle eingehoben", wobei "die ältesten Mauttarife ... erst ab 1534 überliefert" sind.

Schon genannter Nussknacker Dr. Beck knüpft an: "Durch die Errichtung eines Fußweges" vom schweizerischen Ort "Martina bis zum österreichischen Schergenbach wurde die Zollstelle Finstermünz umgangen, was Konflikte hervorrief." Bereits erwähnter Geschichtsfreund Dr. Litschauer weiter: "Ab 1652 war der Finstermünz-Talpass die Grenze zwischen Tirol und Graubünden, nachdem der politisch ... unkluge ... Landesherr von Tirol, Erzherzog Ferdinand Karl (1628-1662) ... alte habsburgische Herrschaftsrechte in Graubünden verkauft hatte." Übrigens: "Die Gemeine ist ihm im Zusammenhang mit den Antworten zu Fragen betreffend den "Kanzler von Tirol" im September 2021 begegnet." Zurück zum Pass: Die "genaue Grenzziehung", so der Zeitreisende weiter, wurde "erst am 14. Juli 1868 ... durch einen österreichisch-schweizerischen Staatsvertrag" fixiert.

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, merkt zum Ergebnis an: "Der Novellaberg gehört seither zur Schweiz, die Verbindungsstraße von Altfinstermünz nach Pfunds zu Österreich."

Umtrunk im Bollwerk

Das Zollamt hatte auch Auswirkungen auf die Befestigungsanlage. Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen bei Horn, fügt an: "Mit der Zollreform von 1779 verlor Finstermünz an Bedeutung, da das Zollamt nach Martinsbruck verlegt wurde." Gerhard Toifl, Wien 17: Kurzerhand funktionierte man die Anlage "zum Gasthaus mit einer Brauerei" um - zumindest bis zum Einmarsch der französischen Truppen 1799.

Danach jedoch verlor Sigismunds Festung vollends an Bedeutung. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, dazu: Mit dem Bau der "Hochfinstermünzstraße ... von Pfunds nach Nauders" ab 1854 bis 1856 blieb der Pass ungenutzt.

Die historische Anlage verfiel und befand sich um 1900 in jämmerlichem Zustand. Glücklicherweise erfolgten seit 1948/49 bis in die jüngere Vergangenheit immer wieder Sanierungsarbeiten. Wer sich heutzutage zu dem "Felsenkoloß" wagt, kann den Pfaden des eingangs erwähnten Wanderers nachspüren und ebenso "durch den berüchtigten Paß" schreiten.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky