Die in Schuls (heute Scuol, Anm.) wohnenden Kurgäste, welche die Tarasper Quellen benützen, werden von den dortigen Hotelbesitzern jeden Morgen zu dem 2.6 Kilometer entfernten Kurhause Tarasp geführt. Diese Details und dass dieser ziemlich bedeutende Personenverkehr nicht immer unfallfrei war, wissen wir aus der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 3. September 1884. Damals war Tarasp schon länger nicht mehr habsburgisch, sondern bereits Teil des Schweizer Kantons Graubünden.

Die Frage, warum dies einst anders war, beschäftigte die Gemeine anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 428. Maria Thiel, Breitenfurt, recherchierte zur Vorgeschichte: "Die Herren von Tarasp, die aus Oberitalien stammten", schufen "im 11. Jahrhundert erste Siedlungen" und errichteten "1040 aus strategischen Gründen" eine Burg. Diese wurde später schlossartig umgestaltet und besteht heute noch. Die Linie der Tarasper starb jedoch, wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, herausfand, vermutlich noch "im 12. Jahrhundert aus".

Einst als Burg zum Schutz errichtet, wurde die Festung Tarasp zum Schloss umgebaut.  
- © Bild: Olleschau (Serie Schweiz, 1933)/Archiv

Einst als Burg zum Schutz errichtet, wurde die Festung Tarasp zum Schloss umgebaut. 

- © Bild: Olleschau (Serie Schweiz, 1933)/Archiv

Dazu Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Andere edelfreie Geschlechter folgten ihnen als Ministerialen . . ., bis um 1240 die Grafen von Tirol auch die Herrschaft im Unterengadin und damit . . . Tarasp ihrem Eigenbesitz hinzufügen konnten. Nach der Übertragung Tirols an die Habsburger (1363) trat das Unterengadin 1367 dem Gotteshausbund (Teil des heutigen Kantons Graubünden) bei und wurde von Vögten verwaltet."

"Hie Esterreich"

Mag. Robert Lamberger, Wien 4, und Herbert C. Eller, Mödling, weiter: Tarasp kam 1464 "in habsburgischen Besitz". Dazu Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: In den folgenden Jahrzehnten belehnte das Herrscherhaus "diverse Adelsgeschlechter mit dem Gebiet".

Der Verkauf des Areals im 15. Jh. erfolgte, so Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen/Horn, durch Vogt "Ulrich IX. von Matsch Tarasp für 2000 rheinische Gulden an Herzog Sigmund" (auch Sigismund, Beiname: "der Münzreiche"). Die Transaktion führte "zu einer Fehde zwischen den Unterengadinern und Österreich". Die Besitzverhältnisse wurden zwar 1467 bestätigt, "doch kam der Konflikt nicht zur Ruhe".

Herbert Beer, Wolfpassing, notiert, dass "Schriften und Wappen" am Schloss, wie etwa die 1624 angebrachten Lettern "Hie Esterreich", also "Hier Österreich", nicht zum Abbau der Spannungen beigetragen haben. Verschärfend wirkte sich der Umstand aus, dass während der Reformation "im Gegensatz zum übrigen Engadin" Tarasp katholisch blieb. Bemerkenswertes ergänzt Dr. Harald Jilke, Wien 2: Trotz der Zugehörigkeit zum Habsburgerreich, die Jahrhunderte andauern sollte, "sprach die Bevölkerung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs" zu mehr als 90 Prozent "Vallader, eine bündnerromanische Mundart", die tatsächlich noch heute in Verwendung ist.

Der letzte Graf

Zum weiteren Schicksal von Tarasp im Engadin kommt Brigitte Schlesinger, Wien 12: "1687 wurde die Herrschaft" von Leopold I. (Kaiser 1658-1705) "den Fürsten von Dietrichstein zu Nikolsburg (heute Mikulov, Anm.) in Mähren als erbliches Reichslehen überlassen." Die Hoheit über Steuern und Militärdienst verblieb jedoch beim Hause Habsburg selbst. Dr. Manfred Kremser, Wien 18, nennt den "letzten Grafen von Tarasp", den siebenten Reichsfürsten "Johann Baptist Karl Walther von Dietrichstein (1728-1808)". Näheres zu dessen Vorfahren fand der Zeitreisenmedicus bei einem Ausflug nach Nikolsburg und einem Besuch der dortigen Dietrichstein-Gruft heraus. Das seit etwa dem Jahr 1000 "bezeugte und 1864 im Mannesstamm erloschene Adelsgeschlecht der Dietrichstein stammt aus Kärnten."

Das Ende seiner Herrschaft in Tarasp hatte geopolitische Gründe. Dazu Mag. Thomas Krug, Wien 1: "Der Ort blieb bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 eine Art österreichische Enklave". Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert zu dem Gesetz, das im Februar des genannten Jahres in Regensburg beschlossen wurde: "Aufhebung vieler deutscher Kleinstaaten; Napoleon will deutsche Mittelstaaten schaffen, die stark gegen Österreich, aber schwach gegen Frankreich sind." Dabei kam es, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, zur "Neuordnung des Heiligen Römischen Reichs". Tarasp fiel mit Graubünden 1803 an die "Helvetische Republik" (1815 wurde die Schweiz Staatenbund und 1848 schließlich ein Bundesstaat).

Einen Nebenpfad zu einer weiteren österreichischen Besitzung in der Schweiz beschreitet Gerhard Toifl, Wien 17: "Rhäzüns ist eine . . . Gemeinde in der Region Imboden." Sie wurde "erst 1819 dem Kanton Graubünden" einverleibt, nach Beschlüssen des Wiener Kongresses.

Heilende Quellen

Wieviel die eingangs erwähnten Kurgäste des 19. Jahrhunderts über die Geschichte ihres Aufenthaltsortes wussten, ist nicht bekannt. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, entdeckte "in einer Wiener medizinischen Zeitung aus dieser Zeit Werbung für die Tarasper Quellen und für eine Kur dort". Im Gemeindeteil Vulpera befinden sich Mineralquellen, die das Gebiet "vom Bauerndorf zu einem der bedeutendsten Kurorte der Schweiz" werden ließen. Allerdings bereiteten "der Erste Weltkrieg und auch die nachfolgende Wirtschaftskrise dem Bädertourismus ein Ende, und das nicht nur in der Schweiz".

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, fand heraus, dass Tarasp nur bis "31. Dezember 2014 . . . eine eigenständige politische Gemeinde" war. Helmut Erschbaumer, Linz, ergänzt: Am nächsten Tag wurde sie "in die Gemeinde Scuol eingegliedert".

Einen näheren Blick auf Schloss Tarasp warf Christine Sigmund, Wien 23: Im 19. Jahrhundert erwarb es "Karl August Lingner, Fabrikant von Odol". Er "ließ es im Stil des Historismus renovieren." Seit 2016 ist es im Besitz des Schweizer Künstlers Not Vital, dessen Stiftung dort bis heute Ausstellungen ermöglicht.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa