Vorweihnachtszeit 1986 in Wien. In der Auslage eines Antiquitätenhändlers in der Weihburggasse sah ein späterer Zeitreisender sie zum ersten Mal: eine schöne alte Trommel, die einen unerfüllten Kindheitstraum des damals 50-Jährigen wieder erwachen ließ. Als Bub hatte er, wie damals üblich, Soldat gespielt. "Alte, . . . abgeschlagene und löchrige Kochtöpfe dienten als Trommeln und die Deckel dazu als Tschinellen. Aus Zeitungspapier faltete man Tschakos als Kopfbedeckung - fertig war der Militärmusiker", erinnert sich der Spurensucher, der lieber anonym bleiben möchte. An richtige Spielzeugtrommeln "war nicht zu denken. Die kannten wir nur aus Kinderbüchern."

Dass der Krieg alles andere als ein Spiel ist, musste der Spezialtüftler schon in jungen Jahren selbst miterleben, verlor er doch seinen älteren Bruder, der durch einen Bombentreffer in Hernals ums Leben kam.

Zweifel an Herkunft

Der Bourbone Henri Graf von Chambord lebte in NÖ. 
- © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Ph. Aufner/WZ

Der Bourbone Henri Graf von Chambord lebte in NÖ.

- © Bild: gemeinfrei; Schmuckfarbe: Ph. Aufner/WZ

Trotz allem: Die historische Trommel in der Auslage - es war kein Kinderspielzeug, sondern eine echte! - hatte es ihm angetan. "Ich hoffte, das "Christkind" (meine Frau) würde mir die Trommel . . . unter den Weihnachtsbaum legen. Dem war aber nicht so." Also erwarb er das Stück nach den Feiertagen selbst - um die stolze Summe von 12.906 Schilling, wie auf der Rechnung vermerkt wurde. Natürlich wollte er Näheres zu dem Instrument erfahren, erhielt aber nur dürftige Informationen. Datiert wurde es laut dem Beleg auf 1871, zur Herkunft findet sich außerdem die kryptische Notiz "russisch?" darauf.

Dem Fährtenleser ließ das keine Ruhe: "Ich versuchte . . . herauszufinden, woher die Trommel tatsächlich stammt, vor allem, weil ich bemerkte, dass die Bemalung nicht die ursprüngliche" war, "sondern darunter eine weitere" zum Vorschein kam. "Zum Teil erkennt man drei Segelschiffe und eine Granate". Und: "Am unteren Rand hängt eine kleine runde Marke mit der Nummer 544". Auch die Abkürzung USIA (Verwaltung des sowjetischen Besitzes in Österreich) ist auf der Antiquität angebracht. Sie "wurde also einmal von der USIA . . . beschlagnahmt".

Ein eingestanztes Produktionszeichen nahm der Geschichtsfreund ebenfalls unter die Lupe, es war aber nur mehr teilweise zu lesen. "Diese Einprägung wollte ich kriminaltechnisch bei der Wiener Polizei untersuchen lassen", was aber nicht möglich war. Nachdem der Zeitreisende den Prägestempel vorsichtig mit Asche von der Patina befreit hatte, kamen bruchstückhaft die Wörter "Paris" und "brevet" (= frz. Patent) zum Vorschein.

Experte: "Très rare"

Auf einem Metallteil, dem Spanner, fanden sich Abkürzungen, die beim neuen Besitzer für Ratlosigkeit sorgten: In der ersten Zeile war "1L. G.P" zu entziffern, darunter "NO 29" sowie "1871". Mit detektivischem Eifer kontaktierte der Geschichtsfreund verschiedenste Institutionen im In- und Ausland.

Entscheidende Hinweise konnte ihm schließlich das Pariser Musée de l’Armée, das Heeresgeschichtliche Museum, geben. Die aufgemalten Wappen deuteten auf die Seine-Metropole und deren Leitspruch "FLUCTUAT NEC MERGITUR" - Es (das Segelschiff) schwankt, aber sinkt nicht. Das hier ins Deutsche übersetzte Schreiben erläuterte weiters: "Die gezündete Granate ist das Symbol der Elite-Einheiten und passt gut zur Beschriftung, die sich auf dem Spanner befindet." Diese wird folgendermaßen entschlüsselt: Sie steht für die erste Legion (1 L.) der Garde von Paris (G.P), bei Nr. 29 handelt es sich um die Registrierungsnummer der Trommel, bei 1871 um das Jahr der Zuweisung. "Das war", erklärte das Museum, "im Laufe des ersten Jahres der (1870 nach der Gefangennahme Napoleons III. ausgerufenen, Anm.) Dritten Republik, in dem die Kaiserliche Garde in die Legions-Garde von Paris umbenannt wurde."

Nachsatz: Der "tambour" sei "très rare" - sehr selten.

Spur nach Frohsdorf?

So weit, so gut. Damit waren jedoch noch nicht alle offenen Fragen geklärt. Denn wie war das Stück überhaupt nach Österreich gekommen? Ein Bericht im Geschichtsfeuilleton vom 1. August 2008 ließ den stillen Zeitreisenden schließlich aufhorchen. Es ging um das niederösterreichische Schloss Frohsdorf in der Nähe von Wiener Neustadt. Das Anwesen war ab 1844 im Besitz der Bourbonen. Marie Thérèse Charlotte de France (1778-1851), Herzogin von Angoulême und Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette, hatte das Anwesen für ihren Neffen Henri, Graf von Chambord (1820-1883), erworben. Dieser wurde 1830 nach der Abdankung seines Großvaters Karl X. als Heinrich V. zum König ausgerufen. Doch nach Ausbruch der Revolution 1830 mussten Marie Thérèse und er fliehen. 1844 kam Henri nach Frohsdorf.

Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 fand dort 1873 ein Treffen statt, im Zuge dessen vereinbart wurde, dass Henri Frankreichs Thron besteigen solle. Es scheiterte aber letztlich daran, dass er sich weigerte, einen Eid auf die Trikolore zu schwören. Der Graf von Chambord lebte weiterhin in Frohsdorf, wo er 1883 starb. Das Schloss blieb in bourbonischem Besitz und wurde im Zweiten Weltkrieg an die Deutsche Reichspost verkauft.

Hinweise erbeten!

Es gab noch andere Bourbonen-Sitze in Alt-Österreich (u.a. Katzelsdorf und Schwarzau am Steinfelde, die beide in der Nähe von Frohsdorf liegen). Auch dazu wurden 2008 Recherche-Ergebnisse des Tüftlerkreises im Geschichtsfeuilleton präsentiert. Kam über eines dieser Anwesen die Trommel aus Frankreich nach (Nieder-)Österreich? Wann und unter welchen Umständen könnte das passiert sein? Wurde sie dort von der USIA als "Deutsches Eigentum" beschlagnahmt und landete schließlich in der Auslage des Antiquitätenhändlers?

Die Vermutungen des stillen Zeitreisenden gehen in diese Richtung. Nachdem ihn diese Fragen seit Jahren, ja Jahrzehnten umtreiben, möchte er nun noch einen Versuch starten und die Gemeine um Hilfe bitten: Wer Hinweise zur Causa liefern kann, wird ersucht, sich beim Geschichtsfeuilleton zu melden!

Zusammengetrommelt von von Andrea Reisner