Die Betreuung der Kleinsten wurde schon anno dazumal stiefmütterlich behandelt; hier: französische Einrichtung des 19. Jahrhunderts.  
- © Bild: "Abroad", London etc., o.J. (1880er)

Die Betreuung der Kleinsten wurde schon anno dazumal stiefmütterlich behandelt; hier: französische Einrichtung des 19. Jahrhunderts. 

- © Bild: "Abroad", London etc., o.J. (1880er)

Warum sind . . . Kindergärtnerinnen die Stiefkinder der menschlichen Gesellschaft? Leisten sie nicht ebenso viel wie die anderen Lehrpersonen? . . . Oder ist es vielleicht weniger wichtig, das Kind zwischen dem dritten und sechsten Jahre zu erziehen, zu leiten, zu belehren, als dann später?" Diese nach wie vor aktuellen Fragen finden sich in einem 1899 publizierten Bericht einer Kindergärtnerin zur Lage ihres Berufsstandes in Wien, den Dr. Katharina Rösler den Zeitreisen schickte. Dr. Rösler unterrichtet Geschichte der Elementarpädagogik am FH Campus Wien und hat auch, gemeinsam mit der 2018 überraschend verstorbenen Dr. Heidemarie Lex-Nalis das grundlegende Werk "Geschichte der Elementarpädagogik in Österreich" (Beltz-Juventa Verlag, Weinheim 2019) verfasst - "ein wirkliches Herzensprojekt", so Dr. Rösler.

Zur kleinen Nuss Nro. 425 rund um die Entwicklung des Kindergartenwesens schickte die Wissenschafterin etliche Fundstücke aus ihrer Forschung (danke!), u.a. den eingangs erwähnten Bericht, der diverse Missstände anprangerte. Schlechte Bezahlung, unzureichende Ausbildung, kein Recht auf Urlaub und mangelnde Altersvorsorge waren nur einige Übel, mit denen Kindergärtnerinnen um 1900 kämpften.

Ein weiteres erwähnt auch Herbert Beer, Wolfpassing: Das Heiratsverbot (das übrigens ebenso für Lehrerinnen galt) fiel erst "1914 . . . für städtische Kindergärtnerinnen".

Pionier Wertheimer

Wie bereits im November 2021 in der Zeitreisen-Hauptgeschichte thematisiert, wurden die ersten "Kinderbewahranstalten" in Wien ab 1830 gegründet, um den Nachwuchs arbeitender Eltern vor Verwahrlosung zu schützen. Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, geht auf den Initiator Joseph Wertheimer (1800-1887) ein und nennt ihn "Philantrop, Autor und Vorkämpfer der Judenemanzipation". Er stammte aus einer angesehenen Familie, sein "Vater Salomon Josef war ein Freund des Aufklärers Joseph von Sonnenfels, seine Mutter Mirjam (Marianne), verwitwete Itzig, u.a. verschwägert mit den Wiener Salonnières Fanny von Arnstein und Cäcilie von Eskeles, der Gattin des Bankiers Bernhard von Eskeles."

Joseph Wertheimer setzte sich nicht nur für die Jüngsten ein. 
- © Bild aus der Zeitschrift "Kinderfreund", 1878; Schmuckfarbe: Ph. Aufner/WZ

Joseph Wertheimer setzte sich nicht nur für die Jüngsten ein.

- © Bild aus der Zeitschrift "Kinderfreund", 1878; Schmuckfarbe: Ph. Aufner/WZ

"Für die Ideen ihres Mannes" hat "gewiss auch . . . Wertheimers Gemahlin . . . die Werbetrommel gerührt", so Alice Krotky, Wien 20; Henriette Wertheimer führte "einen bekannten Salon . . ., in dem u.a. Eduard Bauernfeld und Franz Grillparzer . . . Gäste waren". (Übrigens: Auch "WZ"-Autorin Betty Paoli ging dort ein und aus.)

Ungarns Engelsgarten

Tatkräftig unterstützt wurde Wertheimer von der ungarischen Gräfin Therese Brunswick (1775-1861), zu der Dr. Manfred Kremser, Wien 18, recherchierte: "1828 gründete sie in Buda (dt. Ofen, Anm.) . . . die erste Kleinkinderschule" der Donaumonarchie und nannte sie "Angyalkert", also "Engelsgarten". Der Nachwelt bekannt ist Brunswick aber auch als Beethoven-Schülerin. Der Musicus war "etwa drei Mal im Sommer als Gast" im Schlösschen der gräflichen Familie in Martonvásár, in der Nähe des heutigen Budapest. Dort gibt es ein Museum, in dem man "vieles über das Wirken von Therese Brunswick erfahren" kann.

Der Begriff Kindergarten entstand erst 1840. Dazu erläutert Maria Thiel, Breitenfurt: "Die Wortschöpfung . . . geht auf den Thüringer Pädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852, Anm.) zurück." Für den Pestalozzi-Schüler "sollte das Kind . . . wie eine Pflanze gepflegt und gehegt werden".

In Wien wurde der erste private Kindergarten 1863 von Georg Hendel ins Leben gerufen, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Waren die Bewahranstalten v.a. für Arme gedacht, sollte der Kindergarten "für die gehobene Gesellschaftsschicht zur Vorbereitung auf die Volksschule dienen."

Auch für kleinere Kinder gab es in der Donaumetropole damals bereits Einrichtungen, nämlich Krippen "nach Pariser Vorbild", so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf. Die erste wurde durch Karl Helm 1849 in Breitenfeld eröffnet.

Bewahranstalt für jüdische Kinder, Schiffamtsgasse 15 (Wien 2), wo man 1868ff auch Pädagoginnen ausbildete. 
- © Bild aus der Zeitschrift "Kinderfreund", 1878

Bewahranstalt für jüdische Kinder, Schiffamtsgasse 15 (Wien 2), wo man 1868ff auch Pädagoginnen ausbildete.

- © Bild aus der Zeitschrift "Kinderfreund", 1878

In Sachen Ausbildung der Elementarpädagoginnen war es wiederum Wertheimer, der Pionierarbeit leistete, so Helmut Erschbaumer, Linz. "Er gehörte 1868 zu den Mitbegründern der ersten österreichischen Privat-Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen" in der Wiener Leopoldstadt. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen. Im selben Jahr "erfolgte seine Erhebung in den Ritterstand".

Manfred Bermann, Wien 13: Wertheimer hatte "die erste Israelitische Kinderbewahranstalt 1843 in der Schiffamtsgasse" in der Leopoldstadt, gegründet, wo auch die Bildungsanstalt untergebracht war. Heute steht an der Stelle (Haus-Nr. 15) ein Hotel namens "Downtown Sissi" (sic).

Früher befand sich "an dieser Adresse", so Dr. Harald Jilke, Wien 2, "die Sozialversicherungsanstalt der Bauern - hier begann am 2. März 1983 meine berufliche Laufbahn als junger Jurist."

Gesetzliche Basis 1872

Apropos Juristerei: Zu einem gesetzlichen Meilenstein kommt Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Durch die Verordnung des Ministers für Cultus und Unterricht vom 22. Juni 1872, RGBl. Nr. 108/72 ("Kindergartengesetz") wurden über die Errichtung, Erhaltung und Führung von Kindergärten und damit verwandten Anstalten gesetzliche Bestimmungen erlassen. Auf dieser Grundlage sind folgend zahlreiche Kindergärten entstanden, mit deren Errichtung sich sowohl der Staat als auch einzelne Länder und Gemeinden, daneben kirchliche Körperschaften, Vereine und Privatpersonen befassten."

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "In Simmering - noch vor dessen Eingemeindung . . . - entstand 1889 ein öffentlicher Kindergarten, andere folgten. Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Eingemeindung der Vororte kamen elf Kindergärten unter städtische Verwaltung. 1912 erreichte die Zahl der städtischen Kindergärten . . . 23."

Mit "Enkplatz 2" (vor 1894: "Marktplatz") nennt Mag. Margaretha Husek, Wien 23, die Adresse des Simmeringer Kindergartens, an der heute Bezirksamt und -museum residieren.

Wie Volkmar Mitterhuber, Baden, anmerkt, wurde "der Erste österreichische Kindergärtnerinnentag . . . am 3. und 4. April 1912 in Wien abgehalten.

Gerhard Toifl, Wien 17, notiert, dass der Kongress einen "Aufschwung der Kindergärten" brachte. Man forderte u.a. "bessere Ausbildung" der Pädagoginnen.

Hunderte Frauen

Insgesamt, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, kamen "etwa 800 (laut anderen Quellen 600, Anm.) Kindergärtnerinnen aus allen Teilen der Habsburgermonarchie" sowie aus anderen Ländern zusammen.

Von den Teilnehmerinnen hebt Brigitte Schlesinger, Wien 12, Ottilie Bondy sowie Marianne Hainisch hervor. Letztere war nicht nur "Begründerin und Führerin der Frauenbewegung in Österreich", sondern auch "Mutter des späteren Bundespräsidenten Michael Hainisch" und "Großmutter meiner . . . Lateinprofessorin Dr. Marianne Hainisch!"

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert, dass solche Tagungen "ab ca. 1930" regelmäßig stattfanden. Das Ringen um bessere Bedingungen ist aber bis heute nötig, so Prof. Dr. Rath; "mehr Gehalt" und "kleinere Kindergruppen" lauten nur zwei Forderungen.

Eine Kämpferin für Verbesserungen in der Elementarpädagogik war auch die eingangs als Buchautorin erwähnte Dr. Heidemarie Lex-Nalis (1950-2018). Zum Gedenken an sie informiert ihr Witwer Johannes-Maria Lex, der sich ebenfalls auf diesem Gebiet engagiert und kürzlich (seine Frau bereits 2014) mit der Otto-Glöckel-Medaille der Stadt Wien für pädagogische Verdienste, ausgezeichnet wurde: U.a. soll im Favoritner Stadtentwicklungsgebiet "Neues Landgut" eine Verkehrsfläche ihren Namen tragen.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner