Gediegen, seriös, streng sachlich. So kannte (und kennt) die geneigte Leserschaft die "Wiener Zeitung". Staubtrocken mochten böse Zungen, vielleicht mit Blick auf das beiliegende "Amtsblatt", behaupten. Die seit 1857 in Staatshand befindliche Gazette musste jedenfalls allerhöchsten Ansprüchen genügen. Immerhin lag sie täglich auf dem Schreibtisch Kaiser Franz Josephs, der sie genau las. Zumindest die in der Früh publizierte Hauptausgabe.

Anders die am Nachmittag gedruckte "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost", die ungezwungener gestaltet war. Dort fand manches Platz, was für das nüchterne Morgenblatt bzw. die Augen des Monarchen unpassend schien. Etwa die Feuilletons eines erfolgreichen, aber skandalträchtigen, ja verruchten Autors, dessen Name heute in erster Linie für eine spezielle sexuelle Neigung steht: Leopold von Sacher-Masoch.

Ritter von Sacher-Masoch hatte vor allem damit Aufsehen erregt, dass in seinen Werken immer wieder jene Vorliebe beschrieben wurde, die man später Masochismus nannte. So auch in seiner bekanntesten Novelle "Venus im Pelz" rund um den jungen Adligen Severin und die schöne Witwe Wanda. Auf sein Drängen hin, erklärt sie sich bereit, seine Phantasien zu verwirklichen und ihm körperliche sowie seelische Qualen zuzufügen. Unerlässliche Requisiten für die Inszenierung: Pelz und Peitsche.

Wie Severin und Wanda in der Fiktion hatte der Poet im echten Leben einen schriftlichen Vertrag mit einer Frau geschlossen. Als Sklave "Gregor" sollte er der Schriftstellerin Fanny Pistor dienen; sie verpflichtete sich dazu, "so oft als tunlich Pelze zu tragen, und besonders wenn sie grausam ist."

Als die "Venus" 1869 erschien, reagierte die Presse auf deren Inhalt - so sie nicht den Mantel des Schweigens darüber breitete - angewidert. Ein Wiener Kritiker brachte die vorherrschende Meinung auf den Punkt: "Pfui Teufel!"

Das slawische Alt-Österreich faszinierte den Autor. Hier: Eine Krakauerin (2. von links) und Ruthenen. 
- © Bild nach: Racinet, "Le costume..."/Archiv

Das slawische Alt-Österreich faszinierte den Autor. Hier: Eine Krakauerin (2. von links) und Ruthenen.

- © Bild nach: Racinet, "Le costume..."/Archiv

Ein zweites Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das umfangreiche, einst durchaus bekannte, heute aber weitgehend vergessene Œuvre Sacher-Masochs: Galizien, das Land seiner Kindheit.

Geboren wurde er 1836 in Lemberg (Lwiw, nun Ukraine). Sein Vater, er hieß ebenfalls Leopold (1797-1874), bekleidete dort das Amt des Polizeidirektors. Bei dessen Versetzung zog die Familie 1848 nach Prag, später nach Graz. Der Wunsch des Seniors, der Sohn möge wie er eine Karriere als Beamter anstreben, blieb unerfüllt. Der Filius studierte lieber Geschichte und unterrichtete nach seiner Promotion 1856 in Graz an der dortigen Universität als Privatdozent. Doch Literatur reizte ihn mehr als Wissenschaft.

Gleich seine erste belletristische Publikation, der Roman "Eine Galizische Geschichte 1846" (1858), stellte die einstige Heimat ins Rampenlicht. Es sollten viele Werke folgen, die um das Leben in Alt-Österreichs Peripherie kreisen.

Erzählung Sacher-Masochs (hier ohne Bindestrich geschrieben) am 7. Juni 1881 in der Beilage zur "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost". 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Erzählung Sacher-Masochs (hier ohne Bindestrich geschrieben) am 7. Juni 1881 in der Beilage zur "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost".

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

So auch ein galizisches Culturbild mit dem Titel Drei Hochzeiten, abgedruckt am 7. Juni 1881 in der Beilage zur "Wiener Abendpost". Wer Anstößiges erwartete, wurde natürlich enttäuscht. Und doch konnten Eingeweihte bei einigen Andeutungen wissend lächeln. Da wäre zum einen die Hauptprotagonistin, eine alte, majestätische Dame, Marschallin genannt. Scheinbar beiläufig wird ihr Name erwähnt: Wanda - wie die despotische "Venus im Pelz".

Oder jener Rat, den Wandas Mutter ihr einst als Braut zugeflüstert hatte: Wenn du deinen Mann beherrschen willst, so setze den Fuß zuerst auf den Teppich vor dem Altare. Leserinnen und Leser der Skandalnovelle erinnerte das an Severins Verse: "Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven, / Teuflisch holdes Mythenweib . . ." Auch den prachtvollen Zobelpelz der Frischvermählten durfte sich das "Abendpost"-Publikum ausmalen. Kurz: Informierte schnalzten ob der vielen Anspielungen mit der Zunge.

Das Feuilleton war nur eines von vielen (mehr als ein Dutzend), die Sacher-Masoch in den 1880ern in unserem Blatt veröffentlichte. Dabei war eine dauerhafte Beziehung mit der "WZ" alles andere als vorgezeichnet.

Reibereien mit Hieronymus Lorm (1821-1902) hatten 1866 zum Eklat geführt. Sacher-Masoch hatte dem "WZ"-Mitarbeiter öffentlich vorgeworfen, er habe sich dem Blatt angedient. Dieses konterte im November in der "Abendpost", dass auch Herr Sacher-Masoch längere Zeit hindurch sehr geneigt war, solche Lakaiendienste zu übernehmen, habe er doch wiederholt Arbeiten angeboten. Allein - sie waren nicht geeignet. Ein harter Schlag für den jungen Poeten.Wie kam es, dass er letztlich "Hausdichter" der Gazette wurde, wie diese später, 1928, schrieb? Sicher, Demütigung schreckte ihn nicht ab, aber es muss doch mehr dahinterstecken.

Nun, erstens gab der aufgeschlossene Friedrich Uhl (1825-1906) seit 1872 als Chef den Ton an. Er baute das Feuilleton aus und band namhafte Autoren ans Haus. Zweitens brauchte Sacher-Masoch Geld. Dringend. Die Pelze für Gattin Wanda (eigentl. Angelika Aurora, geb. Rümelin; 1845-1933) kosteten. So träumte er in einem Brief, sehnlich aufs "WZ"-Honorar wartend, von haarigen Anschaffungen, u.a. einer "Kazabaika (= Jacke) mit echtem Hermelin".

Endgültig ruiniert war der Literat, als der Psychiater Richard von Krafft-Ebing 1890 die Begriffe Masochismus und Sadismus schuf und ihn, neben dem als geisteskrank geltenden Marquis de Sade (1740-1814), zum Perversen abstempelte. Sacher-Masoch starb 1895 fast vergessen in Lindheim/Hessen, wo er sich für Volksbildung engagiert hatte.

Kopfnuss zum Raten: Gab es die "Abendpost" lange? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)