Eine besondere Verbindung zur früheren Wiener Vorstadt "Liechtenthal" (verschiedenste Schreibweisen möglich) verrät Spezialtüftlerin Brigitte Schlesinger, Wien 12: Schon vor ihrem sechsten Lebensjahr sei sie bei Heurigenbesuchen mit den Eltern "eine kleine Attraktion gewesen", weil sie "viele der Wienerlieder fehlerlos singen" konnte. Einer ihrer Standards "ist "I häng an meiner Weana-stadt" (von Fritz Wolfsecker 1899-1974, Anm.) gewesen", beginnend mit "Im Liechtental die Wäschersleut’".

Mit diesem Teil des heutigen 9. Bezirkes Alsergrund beschäftigte sich die Gemeine anlässlich der Kartennuss der Nro. 427 (s. Ausschnitt u. aus dem im Jänner abgedruckten Plan). Die Gegend war, wie Gerhard Toifl, Wien 17, festhält, einst ein "Werd", so die "mittelhochdeutsche Bezeichnung für eine Insel". Sie befand sich im Augelände, "von einem kleinen Donauarm und der Als umschlossen". Darauf erstreckte sich eine große Wiese, "die 1280 "Alt-Liechtenwörd" hieß."

Vom Adel zum Elend

Um die Besiedlungsgeschichte anschaulicher zu machen, zieht Dr. Manfred Kremser, Wien 18, eine Parallele mit der Jetztzeit: "Wenn in unseren Tagen die Stadt Wien zuerst ein großes Amtshaus in der Seestadt Aspern errichtet hätte, dann ein Brauhaus . . . und dann erst die Wohnungen für die Neuansässigen . . ., ja dann wäre das so wie in Lichtenthal" im ausgehenden 17. Jh. Grundstücke an dem Ort übernahm damals Fürst von Liechtenstein Johann Adam I. Andreas (um 1660-1712). Es handelte sich dabei praktisch nur um "feuchte Wiesen". Ab 1691 errichtete er dort das Palais Liechtenstein und 1694ff ein Brauhaus, erst danach folgten "die planmäßig angelegten Parzellen für Bewohner."

Umflossen von Als und Donauarm sind auf dem Kartenausschnitt die Gebiete Thury, Sporkenbühel, Liechtenthal und Rossau zu sehen. 
- © Karte (18. Jh.): Matthäus Seutter (1678-1757)/Wien Museum, CC0

Umflossen von Als und Donauarm sind auf dem Kartenausschnitt die Gebiete Thury, Sporkenbühel, Liechtenthal und Rossau zu sehen.

- © Karte (18. Jh.): Matthäus Seutter (1678-1757)/Wien Museum, CC0

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram: Um 1700 entdeckte das Gebiet außerdem der "Adel ... als Sommeraufenthalt".

Danach beschleunigte sich der Bevölkerungszuwachs, den Herbert Beer, Wolfpassing, u.a. wie folgt erklärt: "Da die teuren Mieten in der Stadt" insbesondere "Handwerker und Wirte . . . abdrängten", wurden Grundstücke in den Vorstädten parzelliert und Bauwilligen angeboten, die dann untervermieteten.

Maria Thiel, Breitenfurt, ergänzt: "Bis etwa 1710 . . . entstand eine neue Vorstadt, da den Neusiedlern eine zehnjährige Steuerfreiheit zugesichert worden war." Nach und nach wurde es ein "Viertel, in dem "kleine Leute" wohnten". Im 19. Jh. verkam es "zu einem Elendsgebiet".

Dorf oder Hügel

Mit der Vorgeschichte des Areals beschäftigte sich Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "1254 scheint als Besitzer dieser Wiese "unter dem dürren Sporkenbühel" Heinrich von Liechtenstein auf." Zur Ortsbeschreibung wurde der Zeitreisende in einem Aufsatz von Hans Mück aus 1974 in den "Wiener Geschichtsblättern" fündig. Der Lehrer und Lokalhistoriker vertritt darin die Meinung, dass Sporkenbühel "kein Dorf bezeichnete, sondern ein Ried", also einen sumpfigen Grund. "Der Name erkläre sich aus dem Mittelhochdeutschen, wobei ""Sperk" (oder . . . "Spork") für Sperling und "bühel" . . . für Hügel" steht.

Auf dem rechts abgedruckten Plan wird Sporkenbühel als eigenes Dorf angeführt, ebenso wie Turri (auch Thury), Rossau und Liechtenthal.

Tüftler Dr. Komaz stieß jedoch auch auf einen "kaiserlichen Kavalleriegeneral namens Johann Graf Spork", der im 17. Jh. gegen Feinde Habsburgs gekämpft hat. Könnte seine Familie Besitz am heutigen Alsergrund gehabt haben?

Wie die eingangs zitierte Nussknackerin Schlesinger einwirft, zieht eine andere Deutung "Spork" als Pflanzenbezeichnung heran.

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, fand Spuren zum Begriff "Thury": Hier erbaute 1646 "der Ziegeleibesitzer Johann Thury (gest. 1659, Anm.) in der Nähe seiner Öfen das erste Haus."

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, meldet sich als "geborener Lichtentaler" zu Wort: Bis zum 20. Lebensjahr "habe ich . . . in der Marktgasse gelebt, bin dort in die Schule gegangen". In dieser Straße, die vor 1862 u.a. Kirchengasse hieß, half der Tüftler als Ministrant in der Pfarre zu den Heiligen 14 Nothelfern aus. Das Gotteshaus sei "ein großartiges Denkmal". 1711 war zunächst eine Annakapelle errichtet worden. "Sie ist zum Teil heute noch in einem der Türme enthalten." In der Kirche, die in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s vergrößert worden war, wurde 1797 Franz Schubert getauft. Als "17-jähriger Schulgehilfe" führte er dort seine F-Dur-Messe auf. Das Licht der Welt hatte der spätere Komponist am Himmelpfortgrund erblickt, "wo sich heute das Schubertmuseum (sein Geburtshaus in der Nußdorferstraße) befindet."

Hopfen und Malz

Auffallend viele der Gebäude, die im 18. Jh. im Liechtenthal entstanden, waren Wirtshäuser. Das war auch auf den Umstand zurückzuführen, dass dort ein Brauhaus errichtet worden war. Dazu schlug bereits erwähnter Zeitreisender Dr. Komaz im sog. Kronprinzenwerk ("Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild", 24 Bände, 1886ff) nach: Die Wiener Brauereien liegen mit einer nicht genannten Ausnahme ""außerhalb der Linie" (dem heutigen Gürtel), damals also außerhalb der Verzehrungssteuer-Grenze". Sie hatten "somit Zugriff auf . . . billigere Rohstoffe für ihre Produktion." Damit mussten sie "auch etwas geringere Löhne . . . bezahlen."

Details zum Liechtenthaler Brauhaus liefert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Es "wurde 1694 bis 1698 im unregelmäßigen Viereck" zwischen heutiger "Liechtensteinstraße - Newaldgasse - Althanstraße - Reznicekgasse" errichtet. "Erzeugt wurde "alternativ" zum damals in der Stadt üblichen leichten und relativ süßen Weiß- oder Kaiserbier ein starkes und dunkles" Bräu ""nach bayrischer Art" - pro Woche etwa 30.000 Liter." Schon genannter Tüftler Dr. Beck ergänzt: "Die Brauerei verfügte über eigene Wasserleitungen" aus Vororten.

Zum Ende der Grundherrschaft 1848, in dessen Folge Lichtental ein Teil Wiens wurde, kommt Dr. Harald Jilke, Wien 2: 1850 gliederte man die Vorstadt "in den neugebildeten Bezirk Alsergrund" ein. Dieser trug zunächst die Nummer acht, bis 1862 Margareten als fünfter Bezirk von Wieden (4. Bezirk) abgetrennt wurde und eine Neunummerierung erfolgte.

P.S. Der Buchpreis geht an Ing. Alfred Kaiser; wir gratulieren!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa