Ein mittelloser Bub, geboren ins bittere Elend eines sizilianischen Armenviertels, nicht beschenkt mit gutem Aussehen - aber derart beredt und gerissen, dass er den Vermögenden das Geld aus den prallen Taschen lockt. Einer solchen Lebensgeschichte - fast märchenhaft, wäre nicht das jähe Ende ging die Gemeine anlässlich der Orchidee der Nro. 430 nach.

Auf zeitgeistige "Gegensätze im 18. Jh." macht Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, aufmerksam: "Hier die ratio, Aufklärung mit Voltaire, Diderot, Friedrich II., dort Schwärmer und Scharlatane, selbsternannte Propheten, Teufelsaustreiber und eben auch ein Giuseppe (bzw. dt. Joseph, Anm.) Balsamo, der ... seinen obskuren Geschäften" nachging.

Zu diesem Mann, der sich später "Alessandro Graf von Cagliostro" nennen sollte, kommt Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Er wurde "im Jahr 1743 in Palermo geboren." Zum genauen Tag stieß der Tüftler auf unterschiedliche Angaben. Den 2. Juni nennt die preisgekrönte Biographie Raymond Silvas ("Joseph Balsamo alias Cagliostro"; deutscher Titel: "Die Geheimnisse des Cagliostro") aus 1975. "Meyers Enzyklopädisches Lexikon bietet den 8. Juni an."

Der selbsternannte Graf hieß Joseph Balsamo. 
- © Bild: public domain/Wellcome Collection

Der selbsternannte Graf hieß Joseph Balsamo.

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Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, vermutet, dass es sich um die unterschiedlichen Daten von Geburt und Taufe handeln könnte. Die Tüftlerin fügt an: Sein Geburtsort ist ebenfalls "nicht absolut glaubwürdig belegt, auch wenn sich niemand geringerer als Johann Wolfgang von Goethe bemühte, seiner Herkunft auf die Spur zu kommen." Den Recherchen des Dichterfürsten zufolge dürfte Palermo stimmen.

Zur Kindheit Balsamos notiert Helmut Erschbaumer, Linz: Als "Sohn eines sizilianischen Handwerkers" wuchs er "im Armenviertel Albergheria" auf.

Klosterbub & Alchemist

Noch im Knabenalter, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, kam er in ein "Kloster der Barmherzigen Brüder", begann als "Apothekergehilfe und erlangte dadurch Kenntnis von den botanischen, chemischen und pharmazeutischen Produkten in der Medizin".

Dieses Wissen diente ihm dazu, allerhand Wässerchen herzustellen, die er als Heil- und Wundermittel anpries. Mehr noch: Er begann sich für Alchemie zu interessieren, jene Praxis mit der man bestimmte Stoffe in andere umwandeln wollte. Als besonders verlockend galt die Vorstellung, unedle Metalle in Gold überführen zu können. Dazu kam die Herstellung von heilsamen Mixturen und allerlei Salben.

Dass es sich dabei durchaus auch um ernstzunehmende Experimente mit hochwertigen Ingredienzien handelte, stellt Zeitreisenmedicus Dr. Manfred Kremser, Wien 18, fest: Fast alle "cagliostrischen Wirkstoffe waren offiziell in den Apotheken lagernd." Mit seinen "nach alchemistischen Mustern" aufwendig hergestellten Balsamen und Tropfen konnte er mitunter beachtliche Erfolge erzielen. Damit bot er eine Alternative zu Behandlungen nach damaligen schulmedizinischen Standards, die zuweilen lebensgefährlich sein konnten.

Teure Liebestränke

Im Alter von ca. 25 Jahren verschlug es Balsamo nach Rom, wo er sich als Graf von Cagliostro ausgab - wohl nach seinem Onkel in Messina. "Am 20. April 1768" heiratete er die etwa 14-jährige Lorenza Feliciani, so Volkmar Mitterhuber, Baden. Über die Braut ist wenig bekannt, jedoch war sie wohl ausnehmend hübsch und zeichnete sich durch Schlauheit aus.

Lorenza Feliciani (1754- 1794), bekannt als Serafina. 
- © Bild: public domain/Wikimedia Commons

Lorenza Feliciani (1754- 1794), bekannt als Serafina.

- © Bild: public domain/Wikimedia Commons

Neozeitreisender Wolfgang Straka, Kritzendorf, weiter: Nun "bereiste das Paar ... halb Europa, vornehmlich Italien, Frankreich, England."

Die beiden verkauften "Liebestränke, Jugendelixire, Schönheitsmixturen, alchemistische Pulver", wie Christine Sigmund, Wien 23, festhält. So brachten es die Frischvermählten rasch "zu einem Vermögen". Brigitte Schlesinger, Wien 12, dazu: "Cagliostro hob sich aus dem üblichen Milieu der Quacksalber und Schwindler jedoch hervor, denn er trat unter diversen Pseudonymen ... meist in höheren Gesellschaftskreisen auf. Er war damit ungemein erfolgreich, nicht zuletzt auch dank seiner Gattin Lorenza, die sich später Serafina nannte."

Maria Thiel, Breitenfurt, erläutert: Obwohl es den Eheleuten gelang, "das Vertrauen einflussreicher Zeitgenossen zu erlangen und auszunutzen", flogen ihre Betrügereien in der Regel auf. Das zwang die beiden "zu häufigem Ortswechsel" - nicht selten mussten sie vor wütenden, irregeführten Komtessen, Fürsten etc. fliehen.

Damen-Rituale erlaubt

Gemeinsam mit Lorenza zog es ihn schließlich nach London. Gerhard Toifl, Wien 17: "In England begann er sich stärker für Freimaurerei zu interessieren." Er wurde 1777 "in die Loge "Esperanza" aufgenommen".

Bald entwickelte er den "Ägyptischen Ritus", so Mag. Robert Lamberger, Wien 4, "auf dessen Grundlage" er "selbst neue Logen" ins Leben rufen konnte.

Eine Besonderheit in dem vom ihm erdachten Regelwerk der Zusammenkünfte streicht Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hervor: Er gestattete "die Aufnahme von Frauen". Diese Idee hatte es kurz zuvor schon gegeben, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: "Die erste hauptsächlich für wohlhabende und adlige Damen bestimmte Loge" war bereits "1775 ... gestiftet" worden.

Ein weiterer Aufenthaltsort war die Stadt an der Seine. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, fügt an: In Paris fand Cagliostro "schnell Zugang zum sinnesfreudigen Kardinal de Rohan und wurde ungewollt in die sogenannte Halsbandaffäre" 1785f hineinmanövriert. Dieser Betrugsskandal (Hauptthema der April-Zeitreisen, Nro. 430), "in den auch Königin Marie Antoinette verwickelt wurde", hätte den falschen Grafen und seine Gattin fast um Kopf und Kragen gebracht.

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, weiter: Zwar wurde "das Ehepaar ... freigesprochen, allerdings musste es Frankreich verlassen."

Zurück in London inszenierte sich Cagliostro in seiner Loge als Groß-Cophta aus dem Orient. Das sollte ihm zum Verhängnis werden, schreibt Herbert Beer, Wolfpassing: "1787 setzte sich das Paar aus England ab". Nach Zwischenstationen fuhren die beiden gen "Italien, wo sie einige Zeit von Stadt zu Stadt reisten, doch nirgendwo mehr Fuß fassten. 1789 schließlich erreichten sie Rom."

Mag. Hermann Hayn, Maria Enzersdorf: Ausgerechnet dort wollte der Schwindler "eine Loge gründen. Das war aus mehreren Gründen eine dumme Idee. Erstens war im Kirchenstaat die Freimaurerei verboten; und zweitens gab es im damaligen Rom zahlreiche Polizeispitzel. Diese arbeiteten ... auch für die Römische Inquisition. Er wurde mehrfach bei den Behörden denunziert".

Ketzerei, so lautete ein Vorwurf gegen den Freimaurer (im schwarzen Rock), der 1791 der Inquisition in Rom Rede und Antwort stehen musste. 
- © Bild: Wien Museum/CC0

Ketzerei, so lautete ein Vorwurf gegen den Freimaurer (im schwarzen Rock), der 1791 der Inquisition in Rom Rede und Antwort stehen musste.

- © Bild: Wien Museum/CC0

Noch im Jahr der Ankunft des Duos in Rom, so KR Wilhelm Fleischberger, Baden, wurde Cagliostro "am 27. Dezember 1789 ... verhaftet."

Dass übrigens Lorenza ihren Gatten ausgeliefert haben soll, wie oft behauptet, lässt sich nicht belegen.

Verrotten statt brennen

Die Anschuldigungen gegen ihn waren schwerwiegend. Bereits erwähnte Zeitreisende Schlesinger nennt etwa Ketzerei und "die Ausübung Schwarzer Magie". Dem Schwadroneur schlug die Härte des fanatisch-katholischen Tribunals entgegen: Cagliostro wurde "im Laufe eines Jahres ... von den Inquisitoren 43 Mal verhört und gefoltert."

Schließlich wurde er in einem der letzten Inquisitions- und Hexenprozesse des Heiligen Officiums 1791 u.a. "wegen Häresie, Zauberei und Freimaurerei", so Dr. Harald Jilke, Wien 2, "zum Tode verurteilt".

Um der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zu entkommen, rang Cagliostro um sein Leben, brachte Geständnisse hervor, verleumdete seine Gefolgsleute, erzählte alles, wovon er hoffte, es könne ihn retten. Und tatsächlich, so schon genannte Geschichtsfreundin Schlesinger, wurde das Urteil umgewandelt - "aus besonderer Gnade" beschloss Papst Pius VI. eine lebenslange Kerkerstrafe, "um den Betrüger nicht zum Märtyrer zu machen".

Nur vier Jahre nach dem Prozess verstarb Cagliostro 52-jährig "in seiner Zelle im päpstlichen Gefängnis San Leo", nahe San Marino, wie Nussknackerin Schlesinger notiert. Sein "Körper war schrecklich abgemagert, seine Kleidung verdreckt, sein Bart struppig." Die Skepsis gegenüber dem Verblichenen war derart groß, dass man einen brennenden Docht an seine Fußsohlen hielt, "um sicherzugehen, dass er seinen Tod nicht vortäuschte."

Zu Lorenza fügt Herbert C. Eller, Mödling, an: Sie war "in ein Kloster verbannt" worden, wo sie bis an ihr Lebensende im Jahr 1794 eingesperrt blieb.

P.S. Recherchen zur Zusatzorchidee zum Pariser Hôpital de la Salpêtrière, u.a. von Manfred Bermann, Wien 13, und Dr. Robert Porod MMBA, Frauenhofen bei Horn, folgen im nächsten Monat!

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky