Rrrrrrrrrr! Läutete das Telephon, lagen einst die Nerven blank. Das Phänomen war in den Anfangstagen des Fernsprechers gemeinhin bekannt. Man fand sogar einen Begriff dafür, "Telephon-Nervosität", und rätselte zuweilen, ob die neue Technik vielleicht den Charakter verderbe.

Denn es hatte den Anschein, dass die Menschen, kaum griffen sie zum Hörer, wie elektrisiert waren. Traten bei der Herstellung der gewünschten Verbindung Probleme oder Verzögerungen auf, riss bei den wartenden Anrufern nur allzu leicht der Geduldsfaden. Das Personal in den Zentralen konnte ein Lied davon singen: Wutausbrüche und Beschimpfungen durch die "Abonnenten", wie die Teilnehmer mit einem festen Anschluss hießen, gehörten zum Arbeitsalltag wie Hektik, Lärmbelästigung und bescheidene Bezahlung.

Wie aber lief die Vermittlung einer Konversation üblicherweise ab? Beginnen wir mit der Schilderung des Idealfalles.

Ruft eine Person die Zentrale an, muss sie eine Kurbel betätigen. Dadurch erhält das "Fräulein" ein Signal, z.B. indem eine Klappe fällt. Auf die Frage "Welche Nummer?" wird diese durchgegeben, die Telephonistin prüft, ob der gewünschte Apparat frei ist. Ist dies der Fall, stellt sie die Verbindung durch Einstecken von am Gürtel getragenen Stöpseln her. Das Gespräch kann mit einem "Halloh-Halloh!" seinen Anfang nehmen.

Recht häufig dürfte der Idealfall aber nicht eingetreten sein, glaubt man den vielen überlieferten Beschwerden. Lange Wartezeiten, falsche Verbindungen, irritierende Nebengeräusche oder Unterbrechungen raubten Telephonbenützern den letzten Nerv. Dass die Manipulantinnen meist keine Schuld traf, sondern eher technische Unzulänglichkeiten sowie Bedienungsfehler der Abonnenten für Störungen sorgten, wollten die wenigsten wahrhaben.

Oft ging es heiß her in Telephonzentralen; hier eine Darstellung aus Paris 1904. 
- © Bild: Archiv/gemeinfrei

Oft ging es heiß her in Telephonzentralen; hier eine Darstellung aus Paris 1904.

- © Bild: Archiv/gemeinfrei

In der Donaumetropole begann das Telephonzeitalter im Dezember 1881, als die "Wiener Privat-Telegraphen-Gesellschaft" das erste Ortsnetz in Betrieb nahm. Die Begeisterung hielt sich noch in Grenzen, nur 154 Anschlüsse wurden verlegt, v.a. zu Banken und Firmen. Für den Privatgebrauch konnten sich die horrende Jahresgebühr - ab 100 Gulden - nur Wohlhabende leisten. Auch einige Redaktionen ließen sich bereits verkabeln (die "WZ" zählte noch nicht dazu). Zu den Pionieren gehörte das Ringtheater. Doch als gut eine Woche nach Einleitung das Haus am 8. Dezember in Flammen stand, nützte der Fernsprecher nichts. Weder Feuerwehr noch Polizei verfügten über ein Telephon.

Das Netz verdichtete sich in den folgenden Jahren rasch. So meldete die "Wiener Zeitung" am 2. Juli 1892, dass das soeben erschienene neue Verzeichniß der Telephon-Abonnenten in Wien (...)wesentlich umfangreicher als seine Vorgänger ausgefallen sei. Die Zahl der Abonnenten ist auf 6426 gestiegen, was gegen den 1. Mai eine Zunahme von 1030 bedeutet.

Die Ausdehnung des Betriebes machte die Einrichtung eines zweiten Wechsels erforderlich. Das hieß in der Praxis, dass die Anrufenden unter gewissen Umständen nicht mehr direkt verbunden, sondern zuerst innerhalb der Zentrale an eine zweite Telephonistin weitergeleitet wurden. Der Direction schwante ob dieser Änderung wohl schon Übles. Sie sah sich zur Beschwichtigung der zürnenden Kundschaft veranlaßt, vor zu großer Ungeduld der die Centralstation anrufenden Personen zu warnen.

Nach der ersten Nennung der gewünschten Nummer müsse der Rufende das Hörrohr des Telephons unausgesetzt am Ohre behalten und die Nummer auf neuerliche Anfrage nochmals wiederholen. Verleitet ihn die Ungeduld, inzwischen zu läuten, so macht er dadurch die verlangte Verbindung absolut unmöglich. Ein zweites Klingeln signalisierte der Zentrale nämlich eigentlich das Ende eines Gespräches; wurde zwischendurch entnervt an der Kurbel gedreht, stiftete das unweigerlich Verwirrung.

Die Wiener Telephonzentrale befand sich in der Friedrichstraße 6 im ersten Bezirk (seit dem Auszug des Amtes 1899 residiert an der Adresse das Café Museum). Laut einem Bericht aus 1895 versahen damals von insgesamt 406 Telephonistinnen jeweils 200 gleichzeitig ihren Dienst in den dunklen und beengten Räumlichkeiten.

Gut bezahlt war die Tätigkeit keineswegs. Nur einige wenige Frauen verdienten bei der "Wr. Privat-Telegraphen-Gesellschaft" bis zu 35 Gulden monatlich, die meisten mussten mit 20 auskommen - ein Hungerlohn. Dazu kamen Strafen von bis zu 2 Gulden, wenn Fehler passierten.Nach Verstaatlichung des Betriebes 1895 traten die Damen in den Dienst der Postverwaltung. Bald wurden 30 Gulden als Grundgehalt fixiert.

Die eine oder andere wagte gegen Beleidigungen juristische Schritte. Zuweilen fanden sich rabiate Anrufer kleinlaut vor Gericht wieder. Einer - er hatte eine Telephonistin als "dumme Gans" bezeichnet und ihr Ohrfeigen angedroht - fasste 1898 gar 14 Tage Arrest aus.

Kopfnuss: War Wiens erste öffentliche Sprechstelle in einem k.k. Postamt? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)