Eine "Umkehrung der Medizin in Justiz und der Therapie in Repression" folgte den Reformen der Heilkunde von psychisch Kranken -bzw. denen, die man dazu erklärte - im Frankreich des 18. Jahrhunderts. So lautet eine These des Historikers und Philosophen Michel Foucault, die er in seinem Werk "Wahnsinn und Gesellschaft" (französische Erstausgabe 1961) ausführte. Der berühmte Denker starb übrigens 1984 in jener Anstalt, deren Geschichte seine Theorie unterstützte und die Thema der Zusatzorchidee der Nro. 430 war: das Hôpital de la Salpêtrière.

Den Auftakt gibt Volkmar Mitterhuber, Baden: 1656 ließ "Sonnenkönig" Ludwig XIV. ein Pariser "Magazin für Schießpulver" zu dem Hôpital de la Salpêtrière umgestalten. Der ursprüngliche Gebäudezweck blieb in der Bezeichnung erhalten, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, erklärt: "Der Name des Hospitals beinhaltet ... Salpeter", eine chemische Verbindung. Manfred Bermann, Wien 13, schließt an: Diesen Stoff benötigte man "als Oxidationsmittel ... für die Herstellung von Schießpulver".

Bettler & Königstöchter

Zu den Untergebrachten kommt Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22: Laut Edikt "sollte die Salpêtrière zusammen mit anderen Krankenhäusern zur Verpflegung von Lahmen, "Vagabunden", Armen sowie sonstigen als suspekt angesehenen" Menschen dienen. Das ehemalige Fabriksgebäude war für Frauen bestimmt. "Es befanden sich auch viele mental Beeinträchtigte oder Erkrankte . . . darunter. Mit anderen Worten": Es war "ein Aufbewahrungsort für "unliebsame" Personen".

Das Spital war Asyl, Hospiz, Gefängnis und Besserungsanstalt in einem. Die Raumzuteilung der Insassen war strikt geregelt, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4: In den finsteren Untergeschossen "vegetierten Alte, Bettler, Geschlechtskranke, Prostituierte, gescheiterte Selbstmörder, Epileptiker, Demente und chronisch Kranke". Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, ergänzt: Darunter waren auch Personen, die nach "richterlichen Anordnungen" eingeliefert wurden.

Die "Salpêtrière" in Paris. 
- © Stich: J. Rigaud (1681-1754)

Die "Salpêtrière" in Paris.

- © Stich: J. Rigaud (1681-1754)

Je weiter oben, also heller die Räumlichkeiten, je angesehener die Patientinnen und Patienten. Platz gab es jedenfalls, so Herbert C. Eller, Mödling: Über 8000 Menschen wurden zeitweise an diesem Ort untergebracht.

Die Insassinnen waren auch politischen Zwecken dienlich. Brigitte Schlesinger, Wien 12, dazu: "Zwischen 1663 und 1673 wurden 240 Frauen" aus der Anstalt für eine Mission ausgewählt: Sie sollten "das im heutigen Kanada gelegene Neufrankreich ... besiedeln und beim Aufbau der Kolonie helfen." So wollte man das dortige "Bevölkerungswachstum ankurbeln". Die Auserwählten "gehörten zu den insgesamt 768 jungen Frauen", die rekrutiert "und als "Filles du Roi" (Königstöchter) bekannt wurden. Sie mussten "moralisch einwandfrei" und gesund genug sein, um die von ihnen erwartete harte Arbeit in den Kolonien zu überleben."

Angekettete Kranke

Ein Jahrhundert nach Eröffnung des Komplexes waren die Zustände nach wie vor grauenhaft. Pflegebedürftige wurden festgebunden, die Behandlungen waren aus heutiger Sicht schockierend. Einen ersten Schritt, der Besserung versprach, erwähnt Christine Sigmund, Wien 23: "1795 wurde der Reformer der Psychiatrie Philippe Pinel (1745-1826, Anm.) ... Leiter". Unter seiner Führung wurde "der Umgang mit den Kranken" etwas gelockert. Als Humanist der Aufklärung, so Dr. Harald Jilke, Wien 2, reduzierte er Zwangsmaßnahmen.

Der weit verbreitete Mythos von Pinel als Befreier der angeketteten Kranken wird in aktueller Forschung differenzierter gesehen.

"Erst nach einem weiteren Jahrhundert", so Zeitreisenmedicus Dr. Manfred Kremser, Wien 18, "entwickelte sich die Salpêtrière ... zum neuropsychiatrischen Lehrzentrum". Nicht zuletzt aufgrund des Arztes Jean-Martin Charcot (1825- 1893). In seinen "Leçons du mardi", einer dienstäglichen Vorlesungsreihe zwischen 1887 und 1888, konnte er "die neurologische Untersuchung systematisch etablieren". Damit gilt er als "Begründer der modernen klinischen Neurologie."

Eine Reihe einschlägiger Ärzte arbeitete in der Salpêtrière. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, nennt etwa C. G. Jung (1875-1961), Pierre Janet (1859-1947) oder Georges Gilles de la Tourette (1857-1904).

Wolfgang Straka, Kritzendorf, fährt fort: Besondere Berühmtheit erlangte das Hospital wegen spezieller "Untersuchungen zur Hysterie".

Diese gestaltete man zeitweise äußerst publikumswirksam, wie Herbert Beer, Wolfpassing, hervorhebt: Patientinnen, die an dieser scheinbaren Störung litten, wurden im eigens errichteten "Amphitheater auf dem Gelände ... öffentlich zur Schau gestellt".

Einen bekannten Studenten, der sich besonders für dieses Leiden interessierte, erwähnt Maria Thiel, Breitenfurt: Charcot traf 1885 "auf Sigmund Freud und unterrichtete ihn über Hypnose und Hysterie."

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, schließt an: Freud wollte die gewonnenen "Erkenntnisse ... in Wien präsentieren", doch stieß "sein diesbezüglicher Vortrag 1886" in der Donaumetropole auf Unverständnis. Hierzulande zog man die Behandlung von "Nervenkrankheiten durch Wasser- und Elektrotherapien, ... Zwangsjacke und Wegsperrung" vor.

Zweifelhafter Tanzabend

In der Stadt an der Seine ließ man hingegen ab und zu sogar Vergnügliches in die Krankenzimmer einziehen. Helmut Erschbaumer, Linz, dazu: "Es gab ... einmal im Jahr, im März, den "Bal des Folles", den "Ball der Verrückten"".

Derlei Veranstaltungen, bei denen die Patientinnen sich verkleideten und die Pariser Bourgeoisie eingeladen wurde, standen in alter Tradition von Spitälern, wie die an der Universität Lausanne tätige Historikerin Aude Fauvel feststellte. Charcot ließ die Sitte wieder aufleben. Ob allerdings das Wohl der Patientinnen im Vordergrund stand, bleibt zu bezweifeln. Die Gäste zog in erster Linie Neugier und Voyeurismus an. Oder schlimmer: Der Tanzabend bot Gelegenheit für Übergriffe, denen die entmündigten Frauen als "Verrückte" ausgeliefert waren.

Zu diesem Thema hat Dr. Robert Porod MMBA, Frauenhofen bei Horn, einen Tipp "für besonders der Literatur nahestehende Leser" parat: Der Debütroman von Victoria Mas, "Le bal des folles", der 2020 auf Deutsch unter dem Titel "Die Tanzenden" erschien.

Das Hôpital de la Salpêtrière beherbergt "heute noch ein Krankenhaus", wie Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, notiert.

Prominente Patientinnen des nunmehrigen Hôpital Universitaire Pitié-Salpêtrière nennt abschließend Gerhard Toifl, Wien 17: Etwa die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker (1906-1975) sowie Diana, Fürstin von Wales (1961- 1997). Beide starben in diesem Krankenhaus.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky