Die "künstlichen Höhlen" befinden sich, soweit meine Informationen reichen, besonders zahlreich vertreten im V.U.M.B. (Viertel unter dem Manhartsberg = Weinviertel, Anm.), und führen sie da im Volksmunde den Namen: "Erdstall". Daß im V.U.W.W. (Viertel unter dem Wienerwald = Industrieviertel, Anm.) solche unterirdische Bauten vorhanden sind und daselbst "Hauslöcher" genannt werden, hat Dr. G. Riehl (am 24. Nov. 1879 in der "Wiener Abendpost", Anm.) dargethan. Im V.O.W.W. (Viertel ober dem Wienerwald = Mostviertel, Anm.) habe ich bis jetzt nur einen "Erdstall" aufgenommen, und zwar in Meidling bei Göttweig. Wie weit sie sich in das Waldviertel erstrecken, ist noch unbestimmt. (...)

Erdställe in Matzendorf/NÖ; hier hatte L. Karner (wohl r. ob.), ausnahmsweise Mitstreiter.  
- © Abb. aus: Karner, "Künstliche Höhlen...", 1903

Erdställe in Matzendorf/NÖ; hier hatte L. Karner (wohl r. ob.), ausnahmsweise Mitstreiter. 

- © Abb. aus: Karner, "Künstliche Höhlen...", 1903

Die "Erdställe" (...) nenne ich "künstliche Höhlen" (...); denn nicht der Zufall ließ sie entstehen, (...) sondern nach wohldurchdachtem Plane wurden sie von Menschenhand im Schooße der Erde angelegt. Fast ausnahmslos ist es der Löß, in welchem die Kammern und Gänge mit ihren labyrinthartigen Verzweigungen angelegt sind (...).

Allein in der Totenstille

Der Volksausdruck "Erdstall" bedeutet aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Anderes als einen in die Erde getriebenen Stollen. (...)

Ein Charakteristicum aller dieser Bauten ist der mehr oder weniger steil und lang abfallende Eingang in die Tiefe. Die Breite desselben ist fast durchgehends nur 50 Centimeter, die Höhe variirt zwischen 0,5 und 0,8 Meter. Man kann daher nur kriechend oder der Länge nach ausgestreckt liegend in selben eindringen. Dieses einem finster gähnenden Schlunde gleichende Aussehen der Eingänge so wie das Beschwerliche des Eindringens brachte es mit sich, daß nur in wenigen Fällen sich jemand herbeiließ, mir zu folgen. Ich verweilte daher meist allein in diesen todtenstillen, mitunter weitverzweigten unterirdischen Räumen, gar manchmal den Wunsch hegend, wenigstens einen Gesinnungsgenossen zu haben, der mit mir an den überraschenden Einzelheiten in denselben sich delectirt hätte.

Labyrinthartige Gänge

Die Länge der Eingänge ist sehr verschieden, und differirt sie bei den bis jetzt erforschten Bauten zwischen 1,5 bis 14 Meter. Sie führen entweder geradlinig oder auch in einer Curve in die Tiefe und münden entweder in einen horizontal sich verlaufenden Hauptgang oder unmittelbar in eine Kammer. In letzterem Falle führen aus derselben ein, zwei oder mehrere Gänge nach verschiedenen Richtungen in den Schooß der Erde, ja ich bin in Kammern gewesen, aus welchen fünf Gänge abzweigten, woraus der labyrinthartige Charakter dieser Bauten klar zu ersehen ist. Führt ein Hauptgang weiter, so zweigen aus diesem Seitengänge ab, und zwar fast immer im rechten Winkel, und diese münden wieder in Kammern, die entweder für sich abgeschlossen sind oder aus welchen abermals ein oder mehrere Gänge in unbekannte Räume weiter führen. (...)

Die Höhe dieser Gänge beträgt durchschnittlich kaum einen Meter, und die Fälle, in denen ich aufrecht fortschreiten konnte, sind selten, und habe ich nur ein einziges Mal die Gangeshöhe von 2 Meter gemessen, und auch das nur auf eine kurze Strecke. Ich habe aber auch Gangtheile passirt, die eine Höhe und Breite von nur 40 Cm. besaßen, und in einem solchen Falle bog der Gang im rechten Winkel um, und war das Durchkommen nur dadurch möglich, daß ich, auf der Seite liegend, die Hände gestreckt vorhaltend, den Körper der Winkelform des Gange anpaßte. (...)

Die Breite der Gänge überschreitet selten das Maß von 0,8 Meter. Durchschnittlich sind sie nur 0,5 Meter breit, verengen sich aber öfter zu 0,4 Meter, bei zunehmender Höhe, so daß sie dann mehr eine Spalte als ein Gang zu nennen sind. Die Decke der Gänge ist fast ausnahmslos gerundet, doch fand ich sie auch im Spitzbogen zusammenlaufend, gleichsam gothische Form repräsentirend. Die Gangwände sind in vielen Fällen sorgfältig geglättet, und erscheinen hervorstehende Sandsteinchen wie polirt.

Kunstvolle Nischen

Die Gangwände sind mit zahlreichen Nischen versehen, und ist deren Anbringung in allen Bauten eine so regelmäßig wiederkehrende, daß dieser Umstand allein fast mit zwingender Nothwendigkeit die landläufige Ansicht, es seien diese Bauten Zufluchtsstätten zur Feindeszeit, Vorrathskammern etc. gewesen oder daß deren Entstehung höchstens in das 15. Jahrhundert zurückzuversetzen sei, widerlegen dürfte.

Ich unterscheide dreierlei Nischen: Tast-, Licht- und solche Nischen, die zum Einstellen von Geräthschaften - ja ich will es kühn sagen - zum Einstellen von Urnen oder Statuen gedient haben.

Tastnischen sind unregelmäßig geformte Vertiefungen in den Gangwänden, die Größe einer hohlen Hand innehaltend ohne regelmäßig geformte Basis und Decke. Ich nenne sie "Tastnischen", weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihrer Form und Einfügung entsprechend dazu dienten, um den mit den Räumlichkeiten Vertrauten selbst im Dunklen durch Tasten an der Wand zur Orientirung zu verhelfen. (...)

Lichtnischen sind fast immer regelmäßig geformt (...), entweder gerundet oder spitz zulaufend, 10 bis 20 Cm. breit, hoch und tief. An allen Lichtnischen sieht man in der Decke die Spuren des Rauches und Feuers, und erscheint dieselbe nicht nur rauchgeschwärzt, sondern oft wie ein Ziegel rothgebrannt.

Die Urnennischen, wenn ich sie so nennen darf, differiren in Größe und Form. Ihre Breite wechselt von 0,3 bis 0,5 Meter, die Tiefe von 0,2 bis 0,5 Meter, die Höhe von 0,4 bis 0,8 Meter. Ueberraschend schön und regelmäßig geformte Nischen dieser Art habe ich in mehreren Kammern gefunden, die unzweifelhaft den Charakter eines Heiligthums an sich tragen (...).

"Höhlenpfarrer" L. Karner durchkroch hunderte Gänge. 
- © Bild: gemeinfrei

"Höhlenpfarrer" L. Karner durchkroch hunderte Gänge.

- © Bild: gemeinfrei

Eine höchst merkwürdige Erscheinung (...) sind die häufig in ein und demselben Erdbaue wiederkehrenden Absperrungsvorrichtungen in Gängen und Kammern. Der Gang erscheint über der gerundeten Oeffnung in viereckiger Gestalt, so zwar, daß ein Stein oder Brett, in diese Form eingefügt, genau paßte, und in den Wänden befinden sich Röhren zum Verschieben eines Balkens, mithin zur sicheren Absperrung dienend. Ferner fand ich Absperrungen in Gitterform, und einen Fall, wo ein Rollstein zur Absperrung diente.

Aus den Gängen gelangt man - versteht sich meist nur kriechend - in die Kammern. Ihre Größe ist verschieden. Durchschnittlich kann man sagen, messen sie 1,5 Meter Höhe; Breite und Länge jedoch wechseln, erstere von 1 bis 2, letztere von 1 bis 3 und mehr Meter. Fast in jeder Kammer finden sich Licht- oder Geräthnischen, bei den Eingängen auch Tastnischen. Ferner sind sehr viele derselben mit Bänken oder Sitzen versehen, welche in einer Höhe und Breite von 0,3 bis 0,4 Meter entweder an der Rückwand oder längst sämmtlicher Kammerwände angebracht sind. (...)

An den meist gerundeten Decken der Kammern so wie der Gänge finden sich Luftlöcher, die senkrecht emporführen, und wechselt deren Durchmesser zwischen 10 und 25 Centimeter. Außer diesen senkrechten Luftlöchern finden sich Röhren, die immer aus der Gang- oder Kammerwand schief aufwärts führen. Ihr Beginn ist öfter eine nischenförmige Vertiefung, aus deren Hintergrunde die sorgfältig gearbeitete Röhre aufwärts führt. Was war der Zweck dieser Röhren? Ich glaube nach meinen wiederholten Beobachtungen nicht zu irren, wenn ich sie für Sprachrohre erkläre, bei welchen die nischenförmige Vertiefung das Schallloch bildete. (...)

Gähnende Schatten

Wenngleich die Untersuchung dieser Bauten theilweise äußerst beschwerlich und auch nicht ohne Gefahr war, so hatte sie doch einen eigenen Reiz. Je tiefer ich in die Erde eindrang, je verzweigter die Gänge sich gestalteten, je mehr Ausgänge ich aus einer Kammer, in welche ich, der Länge nach ausgestreckt, liegend eingedrungen, mir mit tiefen Schlagschatten entgegengähnen sah, desto mehr wuchs die Begierde, vorzudringen in das geheimnißvolle Innere, und mein Wagen und Streben wurde belohnt, denn eine ganz neue Welt eröffnete sich meinem erstaunten Blicke, und die Eindrücke auf mein Gemüth waren in der todtenstillen Einsamkeit manchmal geradezu überwältigend.

Was war nun der Zweck dieser Bauten, wer hat sie angelegt, wann wurden sie errichtet? (...) Vorläufig kann ich nur die tiefsinnige Antwort geben: "Nichts Gewisses weiß man nicht." (...)

Ich habe oft Jahreszahlen gefunden, und datiren die ältesten aus 1400. Die eingegrabenen Jahreszahlen entsprechen fast immer Kriegsperioden, ein Beweis, daß in solchen Zeiten diese schon vorhandenen Räume zum Verbergen von Habseligkeiten benützt wurden. Auch im Jahre 1866 war dies häufig der Fall. Daß sie aber nur zu diesem Zwecke sollen angelegt worden sein, dagegen spricht schon allein die ganze Anlage. (...)

Daß unsere Erdbauten einem verschwundenen Volke als Wohnungen gedient haben, ist zwar sehr naheliegend, aber auch sehr schwer zu beweisen (...). Nach dem, was ich bei meinem stundenlangen Verweilen in denselben gesehen, nach den Eindrücken die ich empfing, wenn ich in Irr- und Quergängen kriechend oder der Länge gestreckt liegend nur mühsam vorwärts kam, nach den überraschenden Formen, die manche Gänge und Kammern ausweisen, ganz den Charakter des Geheimnißvollen, ja Geheiligten an sich tragend, habe ich die bestimmte moralische Ueberzeugung, daß unsere Bauten nicht aus der Schweden- und auch nicht aus der Türken-Zeit stammen, und ich formulire hiemit den Schlußsatz dahin: Sie stammen aus einer längst entschwundenen Zeit, und von einem bis nun unbekannten Volke, und halte ich sie entweder für Ganggräber oder, was das noch Wahrscheinlichere ist, für geheimnißvolle Cultstätten entschwundener Menschen und entschwundener Zeiten.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikels "Künstliche Höhlen in Nieder-Oesterreich", publiziert in zwei Teilen am 29. und 30. Aug. 1883 in der "WZ". Die alte Orthographie wurde beibehalten. Der Göttweiger Benediktiner-Pater und "Höhlenpfarrer" Lambert Karner (1841- 1909) erforschte ab 1879 "Erdställe". 1903 erschien sein Opus magnum "Künstliche Höhlen aus alter Zeit". Das Rätsel um die Stollen ist bis heute ungelöst. (reis)