Nein, verehrte Leserinnen und Leser, zu einem Sprung ins kühle Nass lädt diese Zeitreise nicht gerade ein. Doch keine Sorge: Um mitten ins 18. Jahrhundert abzutauchen, müssen wir nicht einmal einen Zeh ins Wasser halten. Es reicht, einen uralten Jahrgang unseres Blattes aufzuschlagen.

Im Land ob der Enns, so liest man in der am 19. Augusti 1750 erschienenen Ausgabe des "Wienerischen Diariums", sei Schlimmes passiert. Aus Linz erreichte die Redaktion folgende Nachricht vom 8. August: In einem 2. Meilen von der Stadt entfernten Ort habe sich den 21. passato, d.h. des vergangenen Monats, also am 21. Juli, ein bekannter Fischer (...) in die Donau begeben, um sich bei dem sehr warmen Wetter abzukühlen. Seine Genossen sorgten sich nicht um den Mann, wurde er doch für den besten Schwimmer gehalten, der sogar den Strom zu überqueren vermochte.

Die Schreckensmeldung aus Linz, datiert auf 8. August, erschien am 19. August 1750 im "Wienerischen Diarium". 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Die Schreckensmeldung aus Linz, datiert auf 8. August, erschien am 19. August 1750 im "Wienerischen Diarium".

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Er planschte kaum eine Viertel Stunde im Wasser, so wurde er unsichtbar. Die anderen befürchteten, es sey ihm ein Unglücke begegnet und eilten mit ihren kleinen Schiffen zu jener Stelle, wo er untergegangen war. Doch sie traffen ihn daselbst nicht an. Stattdessen fanden sie seinen todten Cörper nach vieler Mühe im Gesträuch am Ufer.

Zu ihrem Entsetzen entdeckten die Männer eine überaus grosse Wasser-schlange, (...) so dicke als der Arm eines der stärksten Männer, die sich um die Leiche krümmte. Sie glitt mit einem zischenden Geräusche (...) von dem Cörper hinweg und verschwand in der Donau.

Bei näherer Betrachtung des Opfers befande man, daß die Schlange diesem Menschen rund um das Herz viele Stiche und Wunden beygebracht, auch einen Theil von der Brust abgenaget hat.

Schwimmer, Illustration einer Instruktion aus 1696. 
- © Bild aus: "L’Art de nager...", M. Thevenot, Paris 1696 (gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ)

Schwimmer, Illustration einer Instruktion aus 1696.

- © Bild aus: "L’Art de nager...", M. Thevenot, Paris 1696 (gemeinfrei; Schmuckfarbe: WZ)

Selbstverständlich setzte man nun alles daran, das Thier zu fangen, etwa indem man von hiesiger Stadt bis zum Unglücksort alle Netze und Fischgarn gespannet. Entwarnung konnte man den Leserinnen und Lesern jedoch nicht geben, denn: bis hiehero war alle Mühe vergeblich.

Soweit der "Diarium"-Bericht zu der merkwürdigen Begebenheit, die viele offene Fragen hinterlässt. Kann sie sich so zugetragen haben? Welches Wesen war es, das die Donau unsicher machte? Haben wir es mit Seemannsgarn zu tun? Oder gar mit einem Exemplar des berüchtigten Tatzelwurms? Konnte sich so ein Untier etwa von Linz nach Wien schlängeln?

Dass Maria Theresia aus dem "Diarium" von der Sache erfuhr, liegt nahe. Doch auch international schlug die Angelegenheit Wellen. Die "Hydra" in der schönen blauen Donau tauchte u.a. in Londons Monatsblatt "The Gentleman’s Magazine" auf.

Seine Schilderungen weichen in manchen Details vom "Diarium"-Bericht ab. Laut "Gentleman’s Magazine" soll sich der Fischer beim Tauchen in der Wurzel eines alten Baumes verheddert haben und sei dann mit einem Netz herausgefischt worden. Außerdem habe der schauerliche Wurm das Herz des Unglücksraben gefressen etc.

Ganz im Geiste englischer Aufklärung versuchte das Blatt der Sache rational auf den Grund zu gehen: Welches Tier könnte hinter der "Schlange" stecken? Die Redaktion führte einen sechs Jahre zurückliegenden Fall in der südenglischen Hafenstadt Gosport an. Dort sei in einem unmittelbar neben dem Meer liegenden Teich ein Bub angegriffen und schwer verletzt worden. Man fing die "Bestie" - es war ein Aal. Könnte nicht auch in Linz, so grübelte man in London, ein solcher schlangenartig aussehender Fisch zugebissen haben?

In der Donau waren Aale nicht heimisch, es tummelten sich in ihr aber viele wundersame Tiere, teils von schier ungeheurer Größe, z.B. der Hausen, ein bis zu fünf Meter langer Stör. Vor allem Fischer wussten wohl einiges über die Fluss-Fauna. Tauchte aber einmal ein unbekanntes Wesen auf, war es eben ein Ungeheuer.

Hausen-Fang im 18. Jahrhundert an der Donau. 
- © Druck, 1730er/Mähr. Landesbibl. Brünn

Hausen-Fang im 18. Jahrhundert an der Donau.

- © Druck, 1730er/Mähr. Landesbibl. Brünn

Damals, Mitte des 18. Jahrhunderts, war der schwedische Forscher Carl von Linné gerade dabei, die Natur detailliert zu klassifizieren. Er ordnete Pflanzen und Tiere mit einer bis heute gültigen zweiteiligen Nomenklatur und machte damit den Monstern den Garaus.

Etwas macht an der Geschichte um die Linzer Schlange stutzig: Das englische Blatt verweist als Quelle auf eine Kölner Zeitung, die französischsprachige "Gazette de Cologne". Köln liegt am Rhein. Nur etwa 60km entfernt von einem Städtchen namens Linz am Rhein. Könnte es sich womöglich um eine Verwechslung handeln? Immerhin soll laut "Gentleman’s Magazine" das rheinländische Periodikum schon am 23. Juli über das Unglück berichtet haben, also fast vier Wochen früher als das "Diarium" in Wien. Andererseits erwähnen alle bisher gesichteten Artikel einhellig, dass es sich um die Donau handelte.

Was auswärtige Berichte anging, war die Redaktion unseres Blattes als Quelle wohl oder übel auf andere Gazetten und allenfalls brieflich übermittelte Informationen angewiesen. Die Linzer Schreckensmeldung fand sich in ganz ähnlichem Wortlaut auch in anderen Zeitungen, etwa drei Tage früher, am 16. August, in der "Staats-Relation derer neuesten Europäischen Nachrichten und Begebenheiten", gedruckt in Regensburg.

So oder so: Das "Monster" von 1750 ging als oberösterreichisches in die Annalen ein. Was sich an diesem heißen Sommertag vor 272 Jahren wirklich zutrug, bleibt ein Rätsel.

Kopfnuss: Über wieviele Donaubrücken verfügte Linz im Jahre 1750? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)