Als "Stammbaumkraxelei mit interessanten Zusammenhängen" beschreibt Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, die Recherche zur kleinen Nuss Nro. 429 rund um den englischen König Georg I., dessen Sohn und deren beider Gemahlinnen. (N.B. in dieser Rubrik behalten diese Herrscher ihren deutschen Namen statt des anglisierten George.) "Wie herrlich!", jauchzt die Tüftlerin, bevor sie in diese "Zeit der Kurtisanen und Intrigen" eintaucht. Dazu später mehr.

Zunächst liefern Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, historische Zusammenhänge: Anne aus dem Haus Stuart (1665-1714) war ab 1702 u.a. Königin von England. Bereits 1701 war "ein Gesetz erlassen" worden, "wonach der englische Thron immer auf die oder den nächsten . . . protestantischen Verwandten des Königshauses übergehen" musste (Act of Settlement). Dies verhinderte eine Machtübernahme durch Katholiken.

Helmut Erschbaumer, Linz, setzt fort: Nachdem Anne "ohne lebende Nachkommen" 1714 verstorben war, ging "die Herrschaft des Hauses Stuart . . . an das . . . Haus Hannover über." Ihre Nachfolgerin hätte Sophie von der Pfalz werden sollen, die als Tochter von Kurfürst Friedrich (auch bekannt als der "Winterkönig") und Elisabeth Stuart eine Enkelin des englischen Königs James I. war.

An die Themse berufen

Da Sophie 1714, kurz vor der englischen Königin, ihr Leben aushauchte, fiel die Thronfolge an ihren Sohn Georg (1660-1727). Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Der 54-jährige . . ., seit 1698 Kurfürst von Hannover, erfuhr auf seiner Sommerfrische Schloss Herrenhausen, dass er König . . . werden sollte."

Vater Georg Ludwig, 1714 in England als Georg I. gekrönt, vertraute . . .
Vater Georg Ludwig, 1714 in England als Georg I. gekrönt, vertraute . . .

Somit war es Georg, der das Herrscherhaus Hannover auf dem englischen Thron etablierte. Gerhard Toifl, Wien 17, ergänzt, dass dieses "in Großbritannien bis 1901" regierte. (N.B. Diese Landesbezeichnung findet seit 1707 Verwendung, als Schottland und England als Großbritannien unter einer Krone vereinigt wurden.) Wolfgang Woelk, Gotha/D, weiter: "Von 1714 bis 1837 bestand die Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover. In dieser Zeit erfolgte die Regierung des Hannoverschen Staates von der Deutschen Kanzlei in London aus." Dieses Arrangement "endete mit der Thronbesteigung der englischen Königin Victoria, da . . . Hannover die weibliche Thronfolge nicht vorsah."

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, kommt zurück zu Georg. Dieser war bereits in jungen Jahren 1680 zu "einem Aufenthalt am englischen Königshof" geladen gewesen. Doch das Vorhaben, ihn mit der "englischen Prinzessin Anne Stuart" (der späteren Königin) zu verloben, scheiterte.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Georg Ludwig - so sein in seiner Heimat verwendeter Name" - heiratete 1682 "seine leibliche, erst 16 Jahre alte Kusine Sophie Dorothea (1666-1726), einzige Tochter und Erbin des Herzogs von Lüneburg-Celle".

Die Ehe war laut vielen Quellen keine glückliche. Dr. Harald Jilke, Wien 2, fand folgende Aussage von Georgs Mutter zu jährlichen Zahlungen, die der Braut von ihrer Familie zustanden: "Die Heirat interessiert ihn wenig, aber zehntausend Taler haben ihn überzeugt, wie sie wohl auch jeden anderen überzeugt hätten." Das Paar hatte zwei Kinder: Georg August (1683-1760), der seinem Vater auf dem englischen Thron nachfolgen sollte, und Sophie Dorothea (1687-1757), die spätere Frau Friedrich Wilhelms I. von Preußen (1688-1740).

Die Schuld der Frau

Bereits zitierte Tüftlerin Prof. Sokop fand wenig Schmeichelhaftes über Georg Ludwig: Er "ignorierte seine Frau, hatte zahlreiche Mätressen". Sie hingegen "tröstete sich mit Philipp Christoph Graf von Königsmarck". Die Affäre flog auf. Sophie Dorothea "wurde verhaftet" und "wegen des Ehebruchs und Fluchtplans" kam es nach einem Prozess zur Scheidung. Man verbannte sie auf das "alte Wasserschloss von Ahlden", ca. 50 km nördlich der Stadt Hannover. Der Volksmund verlieh ihr daraufhin den Titel "Prinzessin von Ahlden". Nach Georgs Ankunft in London wurde "sein unmenschliches Verhalten" bekannt. Vor allem, dass "seine Frau ihre Kinder nicht mehr sehen durfte, verzieh man ihm nie."

In diesem Licht können wohl auch viele negative Beschreibungen des neuen englischen Königs, der darüber hinaus Ausländer war und kaum Englisch sprach, gedeutet werden.

Maria Thiel, Breitenfurt, notiert, dass "Sophie Dorothea . . . am 13. November 1726 an ihrem Verbannungsort" verstarb. "Ihr Sohn war als Georg II. König" (reg. 1727-1760) und der "letzte Monarch, der außerhalb von Großbritannien geboren wurde."

. . . Sohn Georg August, der sein Thronerbe war, nur bedingt. Bilder: Archiv; Repros: Ph. Aufner
. . . Sohn Georg August, der sein Thronerbe war, nur bedingt. Bilder: Archiv; Repros: Ph. Aufner

Dessen Verhältnis zu seiner Frau Caroline von Brandenburg-Ansbach (1683- 1737) stand im klaren Gegensatz zu dem, das seine Eltern hatten, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, herausfand: "Er hatte Berichte über Carolines "unvergleichliche Schönheit und geistige Eigenschaften" gehört." Das erste persönliche Treffen im Juni 1705 überzeugte beide. Christine Sigmund, Wien 23: "Georg verehrte seine Frau, ließ sich aber von seinen Mätressen beeinflussen. Englische Zeitgenossen hielten ihn für kalt und berechnend." Jedoch meinen einige Historiker, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, dass Caroline ihren Mann "geleitet hätte". Sie habe u.a. eine "Reform des englischen Strafrechtes" initiiert.

Exportierter Zwist

Anders als ihre Schwiegermutter Sophie Dorothea, die sie nie kennenlernen konnte, betrat Caroline sehr wohl englischen Boden. Schon zitierte Spezialnussknackerin Schlesinger mit Details: Georg August war Teil des Gefolges, das im September 1714 Hannover verließ, um der Krönung seines Vaters beizuwohnen. "Caroline und ihre Töchter brachen erst im Oktober ... auf." Zusammen mit ihrem Mann und dem König lebte sie "in London im St. James’s Palace".

Doch das Familienidyll währte nicht lange, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, notiert: "Der Sohn warf dem Vater Unfähigkeit vor". Dieser "fühlte sich durch . . . Intrigen des Sohnes bedroht . . . Hauptstreitpunkt der beiden Sturköpfe war der an der Spitze der Regierung stehende Robert Walpole", der ab 1721 faktisch Premierminister war.

Nach dem Tod Georgs I. fand die Krönung des neuen Königspaares, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, "1727 in der Westminster Abbey statt."

Herbert Beer, Wolfpassing, recherchierte Näheres zur Königsgemahlin: "Caroline hatte viele wissenschaftliche und künstlerische Interessen." Sie korrespondierte u.a. mit Leibniz und unterstützte Voltaire "in seiner Zeit im englischen Exil (1726-1729)". Sie gilt auch "als eine der größten Förderinnen" von Georg Friedrich Händel, der ihr die "Wassermusik" widmete.

Zu weiteren Verbindungen deutscher Lande mit dem englischen Königshaus kommt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: Als Königin Victoria (Haus Hannover) 1901 starb, folgte ihr Sohn Edward nach. Dieser war - nach seinem Vater Albert - aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Den Namen des Herrschergeschlechts "änderte König Georg V. am 17. Juli 1917" in das heute noch verwendete "Windsor". Als Grund nannte er anti-deutsche Stimmung nach der Bombardierung Londons. Neueste Forschungen gehen von Zwistigkeiten mit dem deutschen Zweig der Familie aus.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa