Blättert man in der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 26. Mai 1869, weckt wohl ein Satz das besondere Interesse heutiger Bewohnerinnen und Bewohner der Donaumetropole. Es heißt: In "diesem Theater wird es selbst im Sommer nicht heiß". Gerade "in den unteren Räumen" wäre "die Temperatur eher kühl zu nennen".

Gemeint ist der Bau, um den sich die Frage 1 der Nro. 432 drehte: Das "damals neue Wiener Hofoperntheater", wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, anmerkt. Es wurde "ab der Grundsteinlegung am 20. Mai 1863 bis ins Frühjahr 1869 ... an der neuen Ringstraße errichtet".

Die bis heute gebräuchliche Bezeichnung "(Wiener) Staatsoper" kam erst nach dem Zusammenbruch der Monarchie auf. Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, fährt fort: Die Baukosten von rund 6 Millionen Gulden finanzierte Kaiser Franz Joseph.

Die Pläne "im Stil der Neorenaissance", so Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz, lieferten die "Architekten August Sicard von Sicardsburg (1813-1868, Anm.) und Eduard van der Nüll (1812-1868, Anm.)".

Herbert Beer, Wolfpassing, beschreibt die Arbeitsaufteilung: Sicardsburg "verantwortete die Gesamtanlage des Opernhauses", brachte "seine Qualitäten als Konstrukteur und seine Erfahrung mit neuen Technologien" ein, "während Eduard van der Nüll die Ausschmückung übernahm". Die beiden "waren seit den gemeinsamen Studienjahren an der Wiener Kunstakademie unzertrennliche Arbeitskollegen".

Tödlicher Wiener Grant

Einerseits riefen "die Weite und Großzügigkeit der neuen Räume ... Begeisterung bei den Besuchern hervor", wie Volkmar Mitterhuber, Baden, festhält, andererseits reagierte die "Öffentlichkeit mit Enttäuschung". Man sah "den lang erwarteten ersten Monumentalbau auf der Wiener Ringstraße "nur als halben Erfolg"".

Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, dazu: Die k.k. Hofoper stand "gegenüber dem riesigen Heinrichshof" (der infolge eines Bombenschadens aus 1945 abgebrochen wurde), wo sie "keine rechte ... Wirkung entfalten konnte".

Ein Problem, so Dr. Harald Jilke, Wien 2, machte Sicardsburg und van der Nüll besonders zu schaffen: Das Hofbauamt hatte "das Ringstraßenniveau ... um einen Meter" höherlegen lassen, nachdem die Bauarbeiten an der Oper bereits begonnen hatten. Diesen unerwarteten Entschluss konnten die Architekten nicht mehr berücksichtigen - das Projekt war schon zu weit fortgeschritten.

Zu den Folgen notiert Gerhard Toifl, Wien 17: "Die Oper stand noch im Rohbau, da spotteten die Wiener bereits" über die Architektur. Man witzelte, der Bau gleiche einer "versunkenen Kiste". In Zeitungsberichten wurde das fertige Hofoperntheater gar "als "Königgrätz der Baukunst" bezeichnet, was damals", wenige Jahre nach der wohl "folgenschwersten militärischen Niederlage der Monarchie, eine besondere Demütigung war".

Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, zur wohl schwerwiegendsten Schmach: Sogar der "Kaiser sparte nicht mit Kritik."

Für den ohnehin an Depressionen leidenden Van der Nüll war die Häme nicht auszuhalten. Maria Thiel, Breitenfurt, weiter: Die "Anfeindungen und Schwierigkeiten" trieben Van der Nüll im April 1868 "in den Freitod."

Auch seinen Freund und Kollegen Sicardsburg ereilte ein bitteres Schicksal. Im Juni desselben Jahres verstarb der an Tuberkulose Erkrankte. So erlebten beide Architekten die Eröffnung der Hofoper nicht.

Diese tragischen Umstände schockierten Franz Joseph - hatte er doch selbst den Bau gerügt. Ab diesem Zeitpunkt, so Christine Sigmund, Wien 23, soll er kulturelle Veranstaltungen "nur mehr mit den Worten: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut"" kommentiert haben.

Singender Rokitansky

Am 25. Mai 1869, so Mag. Thomas Krug, Wien 1, öffnete der Musentempel seine Tore dem Publikum. Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen bei Horn, hält fest: "4000 Gasflammen beleuchteten ... das neue Operntheater". Jede Flamme war mit einem zierlichen Abzugsrohr versehen, um Hitze- und Gasentwicklung vorzubeugen.

Das Haus war mit modernsten Mitteln ausgestattet: Neben aufwendigen Brandlöschvorrichtungen, Brunnen und Wasserbecken sorgte eine Dampfheizung für Wärme im Winter und eine Ventilationseinrichtung für kühle Frischluft während der heißen Jahreszeit. Neben den Kaiser- und Ehrenlogen waren 92 Logen für das Publikum vorgesehen. Ähnlich wie heute konnten ca. 2300 Personen den Vorstellungen lauschen.

Dafür musste man einst tief in die Tasche greifen, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, anmerkt: Für eine Loge bezahlte man "100 Gulden (heute etwa 1.300 Euro) ... und 25 Gulden für einen Parkettplatz".

Zum Programmverantwortlichen hält Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, fest: "Der erste Direktor, Franz von Dingelstedt (1814-1881, Anm.), ... war gleichzeitig der letzte Direktor des alten Hauses, des geschichtsträchtigen Kärntnertortheaters". Dieser ursprünglich 1708 errichtete Bau diente bis zur Eröffnung der nahegelegenen Hofoper als wichtige Wiener Spielstätte.

Mag. Robert Lamberger, Wien 4: Für den Premierenabend im neuen Opernhaus wurde Mozarts "Don Giovanni" (in der deutschsprachigen Version "Don Juan") auserkoren.

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, erwähnt einige auftretende Künstlerinnen und Darsteller: "Den "Giovanni" sang Johann Nepomuk Beck, die "Donna Anna" war Luise Dustmann-Mayer ... Der "Leporello" wurde von Hans Rokitansky gesungen." Letzterer ist "unweigerlich mit Carl Rokitansky, dem berühmten Wiener Pathologen verbunden". Hans erblickte 1835 "als Sohn des großen Mediziners" das Licht der Welt.

Stimme versagt

Mit viel Lob wurde eine Künstlerin bedacht, die Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, nennen: Maria Wilt interpretierte die "Donna Elvira" zur Eröffnung.

Marie Wilt (1833 od. 1834-1891) sang u.a. am Covent Garden. Bild: Musikal. Wochenbl. 1870 
- © Bild: Musikal. Wochenbl. 1870 (Schmuckfarbe: WZ)

Marie Wilt (1833 od. 1834-1891) sang u.a. am Covent Garden. Bild: Musikal. Wochenbl. 1870

- © Bild: Musikal. Wochenbl. 1870 (Schmuckfarbe: WZ)

Die Sängerin, kurz nach der Geburt verwaist, glühte schon als Mädchen für Gesang. Erst als verheiratete Frau in ihren 30ern konnte sie aber mit einer einschlägigen Ausbildung beginnen. Sie hatte Erfolg: Sofort nach dem Debüt 1865 engagierte sie das Londoner Covent Garden Opernhaus.

Doch auf den Durchbruch folgten private Rückschläge und Depressionen. Schließlich versagte ihr im Sommer 1891 bei einem Auftritt in Salzburg die Stimme. Es sollte das letzte Mal sein, dass man die bejubelte Sängerin vom Eröffnungsabend des Wiener Hofoperntheaters auf einer Bühne sah. Im September des gleichen Jahres stürzte sich Marie Wilt in den Tod.

P.S. In den September-Zeitreisen werden die Recherchen zu den noch ausstehenden Teilfragen der Nuss Nro. 432 präsentiert werden. In der nächsten Ausgabe folgen Beiträge zu Hieronymus Lorm (Frage 2) u.a. von Harry Lang, Wien 12, und Herbert C. Eller, Mödling; zum Eheleben der Sacher-Masochs (Orchidee) z.B. von Alice Krotky, Wien 20; zur Literatin Emilie Mataja (Zusatzorchidee) nicht nur von Ing. Helmut Penz, Hohenau an der March.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky