Aus "rund 430 Augenzeugenberichten" gehe "eindeutig hervor, dass der Tatzelwurm zwischen 45 Zentimeter und vier Meter" lang ist. "Seine Haut ist warzig, schuppig, glatt, pelzig, borstig oder mit Knochenplatten bedeckt. Sein Kopf gleicht dem eines Molches, eines Salamanders, einer Eidechse, einer Katze oder einer Schlange." Zu diesen widersprüchlichen Erkenntnissen gelangte Journalist und Linguist Ulrich Magin in seinem Buch "Der Tatzelwurm" (Raetia-Verlag 2020).

Frage 1 der Nro. 434 führte die Gemeine ins Reich der Tatzelwürmer. Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen/Horn, notiert als alternative Bezeichnungen u.a. "Dazzelwurm, Praatzelwurm, . . . Stollenwurm". Dr. Manfred Kremser, Wien 18, setzt fort: "Hinsichtlich der Location, die diese Kreatur bevorzugt, tauchen diese Namen auf: Heuwurm, Waldstutz, Steinkatze, Bergstutz, Flusswurm, Legernwurm, . . . von den Legföhren, unter denen er gesichtet wurde. Seine Fortbewegung wird in Springwurm, seine Gefährlichkeit in Beißwurm veranschaulicht."

Basilisk, ebenfalls aus Bertuchs Kinderbuch (s. obiges Bild).  
- © Bild: Univ.-Bibl. Heidelberg

Basilisk, ebenfalls aus Bertuchs Kinderbuch (s. obiges Bild). 

- © Bild: Univ.-Bibl. Heidelberg

Christine Sigmund, Wien 23, stieß auf Volkskundler Karl Haupt (1829- 1882). Dieser führt die Katzenmerkmale der Tatzelwürmer auf eine nordische Sage zurück. Gott Thor schaffte es darin kaum, die Katze des Riesen Utgardloki hochzuheben. Erst später erfuhr er, dass es sich dabei "eigentlich um die Midgardschlange handelte" - ein Tier, das die Welt umspannen kann.

Mag. Thomas Krug, Wien 1: Man stellte sich Tatzelwürmer "als kleine Verwandte von einem Drachen/Lindwurm vor." Vorkommen sollen sie, so Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, "vor allem im Alpenraum und Alpenvorland".

Von Eiern und Hitze

Dem Tatzelwurm-Ei-Problem ging Gerhard Toifl, Wien 17, nach: Er vermehrt sich "ähnlich wie ein Basilisk". Ein "Hahn legt ein schwarzes Ei in einen See, wo es von der Sonnenwärme ausgebrütet wird." Vielleicht wird das Untier deshalb, wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, notiert, "mit Hitzephänomenen assoziiert". So soll "es den Sand, durch den es kriecht, zu Glas schmelzen lassen . . ., Vieh und sogar Menschen . . . töten sowie Gehöfte anzünden." Dem Tüftler ist ein Schweizer Lindwurm bekannt, der am Pilatusberg (südlich von Luzern, Anm.) gehaust und "den Bauern dort großen Schaden zugefügt" haben soll. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, setzt fort: Ein verurteilter Mörder wollte dem Monster den Garaus machen, wenn er dafür freikomme. Er stieß dem Wesen einen zugespitzten Ast "ins offen klaffende Maul", dann in den Leib. Das Untier verendete, aber sein giftiges Blut tötete seinen Angreifer.

Maria Thiel, Breitenfurt, notiert, dass solche Sagen auch "in Südtirol . . . sehr populär" sind. In Bozen fanden sogar "internationale Tatzelwurm-Volksmärsche statt."

Auf ein "literarisches Denkmal" für das Fabelwesen verweist Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22: "Hermann (späterer Ritter von) Schmid" brachte 1870 als Direktor des heutigen Münchner Staatstheaters sein Volksstück "Der Tatzelwurm oder: Das Glöckl von Birkenstein" zur Uraufführung - ein "großer Erfolg".

Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, zitiert den deutschen Literaten Joseph V. von Scheffel (1826-1886): "Doch als ich mich so weit vergaß / Und Sennerinnen roh auffraß, / Da kam die Sündflut grausenhaft / Und tilgte meine Bergwirtschaft / "Zum Tatzlwurm". / Jetzt zier’ ich nur gemalt im Bild / Des Schweinsteigers neues Schild." NB: Die Zeilen wurden für Simmerl Schweinsteiger verfasst, der im bayrischen Inntal in den 1860ern ein Gasthaus führte.

Auf das Drachenfaible des Wiener Literaten Heimito von Doderer (1896- 1966) verweist bereits zitierter Tüftler Dr. Kremser. In Doderers Werk tauchen immer wieder lindwurmartige Geschöpfe auf, u.a. in seinen Romanen "Strudl-hofstiege" (Riesenringelnattern) oder "Ein Mord den jeder begeht" (Molche).

Trügerisches Auge

Auf "verschiedene Lichtverhältnisse" führt Mag. Robert Lamberger, Wien 4, diverse Sichtungen zurück: "In der Nacht und bei Mondlicht kann aus einem Salamander ein Drache werden."

Verwirrung können auch besonders groß geratene Exemplare bekannter Tiere stiften. Volkmar Mitterhuber, Baden, weist darauf hin, dass die "nützliche und ungiftige Äskulapnatter . . . eine Länge von bis zu zwei Metern erreichen kann."

Mit Übergröße ist für Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, auch der in der Hauptgeschichte der Nro. 434 beschriebene angebliche Angriff 1750 bei Linz durch eine Monsterschlange zu erklären. Es könnte "sich um einen riesigen Hausen/Stör gehandelt haben", der noch heute in der Donau bis zu 2,50m und 130kg erreicht. Vor dem Industriezeitalter sollen diese Tiere noch größer geworden sein.

Auch Helmut Erschbaumer, Linz, vermutet einen "Vorfall mit einem Raubfisch". Brigitte Schlesinger, Wien 12, nennt einen solchen: "Der Europäische Wels . . . ist der größte reine Süßwasserfisch" des Kontinents mit bis zu drei Metern. Johann Grabner, Linz, glaubt ebenfalls daran, dass einer der oben erwähnten Fische "sein Unwesen getrieben haben" könnte.

Oder, so DI Dr. Luzian Paula, Wien 6, es handelte es sich doch um "Fischerlatein" . . .

Aus moderner Sicht lässt die Beschreibung aus 1750 an Exotisches denken. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, erläutern, dass die Große Anakonda ihre Beute umschlingt und so "deren Atmung und Blutkreislauf zum Erliegen" bringt.

Fabelhafter Lokführer

Mit Bedauern (und Augenzwinkern) musste schon genannte Tüftlerin Mag. Huberger (Chapeau für Detailrecherche!) als "Sachverständige für Drachenkunde" feststellen, dass es sich bei "Lenzibald . . . nicht etwa um ein tatsächliches biologisches . . . Exemplar handelt". Die Rede ist, wie Herbert C. Eller, Mödling, anmerkt, von einem "elektrisch angetriebenen Zug in Drachengestalt". Diesen, notiert Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, findet man "in der Linzer Grottenbahn am Pöstlingberg".

Und zwar, wie Herbert Beer, Wolfpassing, recherchierte, seit 1906. Am 6. August des Jahres wurde in einem der Türme "des "Maximilianischen Befestigungsrings" der Stadt . . . die "Elektrische Turmbahn . . ." eröffnet." Damals fuhr "auf dem kreisförmigen Kurs . . . ein Motorwagen mit Drachenkopf" und Anhänger.

Eine Bombe zerstörte die Anlage 1945. Die Wiedereröffnung erfolgte drei Jahre später. Heute beträgt, wie zuvor genannte Zeitreisende Schlesinger erläutert, "die Gesamtlänge der Strecke . . . 82,705 Meter bei einer Spurweite von einem Meter". Der mittlerweile "Feuer" speiende Lenzibald legt jährlich "über 8.000km zurück und befördert dabei rund 200.000 . . . Gäste". Beim Grottenbahnbesuch geht man übrigens "umgangssprachlich "Zwergerl schneuzen"".

P.S. Antworten zur Orchidee (Linz) u.a. von Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, sind für nächsten Monat reserviert.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa