Liebe, Flucht, Schiffbruch, einsame Insel, Kannibalen, Todesfälle" und schließlich, "nach zehn Jahren", die "Rettung". So fasst Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, das Schicksal jenes Mühlviertlers zusammen, der als "oberösterreichischer Robinson" bekannt wurde und mit dem sich die Gemeine anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 434 beschäftigte.

Wie Ing. Karl Stöckner, Wien 13, anmerkt, erschien die "fiktive Biographie" im Stil einer Robinsonade 1802. Gerhard Toifl, Wien 17, ergänzt, dass das Werk "1822 und 1848 zwei Neuauflagen" erlebte.

Für den vollständigen Titel muss Herbert C. Eller, Mödling, ausholen: "Robinson der Ober-Oesterreicher oder höchstmerkwürdige Schicksale Johann Georg Peyers aus Urfahr nächst Linz gebürtig, (ehemal. K.K. Dragoner Wachtmeisters bei dem Regimente Prinz Eugen von Savoyen) dessen Gefangennehmung von den Türken, dann zehnjähriger Aufenthalt auf einer damals noch nie besuchten Insel in Amerika und endliche Befreiung von ihm selbst beschrieben."

Apropos "von ihm selbst beschrieben" - dazu Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "Es handelt sich um keine wahre Geschichte". Die "große Ähnlichkeit mit dem 1719 erschienenen Buch" über Robinson Crusoe von Daniel Defoe (ca. 1660-1731) kommt nicht von ungefähr.

Das Werk des Briten erlebte auch hierzulande "zahlreiche Auflagen und Neudichtungen", so Maria Thiel, Breitenfurt. "Den zeitgenössischen Lesern" war also das "Spiel mit den erfundenen Robinson-Erlebnissen geläufig". Trotzdem wird der Robinson der Oberösterreicher "bis heute" zuweilen "für echt gehalten". Wer das Werk wirklich schrieb, bleibt jedoch ein Rätsel.

Keine Beschneidung

Zum Inhalt kommt Helmut Erschbaumer, Linz: Der "angeblich am 1. Mai 1713 in Urfahr" geborene Johann Georg Peyer wird als Kind von seinen Eltern nicht gefördert, von der Mutter geschlagen. Er legt sich sowohl "in der Schule als auch als Weberlehrling" mit seinen Lehrern an.

Blick über die Donau auf das gegenüber von Linz liegende Urfahr, Anfang des 19. Jh.s.  
- © Bild: Wien Museum (Schmuckfarbe: "WZ")

Blick über die Donau auf das gegenüber von Linz liegende Urfahr, Anfang des 19. Jh.s. 

- © Bild: Wien Museum (Schmuckfarbe: "WZ")

Herbert Beer, Wolfpassing: Nach gescheiterten Versuchen, eine Ausbildung zu machen, kommt er zu "seinem Onkel, einem Weinhändler in Grinzing". Bei einem Ordensmann lernt er endlich auch Lesen und Schreiben. Schließlich tritt er "dem Dragoner-Regiment" Prinz Eugens bei.

Zu dem Zeitpunkt ist der junge Mann 22 Jahre alt, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: "1739 gerät er in der Schlacht bei Grocka in türkische Gefangenschaft" und findet sich schließlich "auf dem Sklavenmarkt von Konstantinopel" wieder. N.B. Das Gefecht nahe Belgrad war Teil des Krieges gegen die Osmanen (1736 bis 1739).

Wie Christine Sigmund, Wien 23, fortfährt, kaufte ihn ein Herr namens Omar, der "ihm bald Vertrauen" schenkte. Dessen Schwester Fatime "verliebte sich in ihn" und gab ihm den für sie wohlklingenderen Namen "Azem". Ihrem Wunsch, "sich beschneiden zu lassen" und sie zu heiraten, kam er nicht nach. Also ehelichte sie einen anderen. Nach dessen Tod und der neuerlichen Bitte Fatimes verweigerte er ein zweites Mal die Beschneidung. Also konvertierte Fatime zum Christentum. Dem Paar "blieb nur die Flucht."

Auf der Überfahrt nach Europa erleiden die beiden Schiffbruch. Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, weiter: Gemeinsam mit einem weiteren Passagier sowie "einem Hund und einer Katze" verschlägt es sie schließlich am "22. September 1744" auf eine Insel.

Wilde Abenteuer

"In bester Robinson-Manier", so Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, begegnen sie dort Kannibalen, aus deren Fängen sie ein "eingeborenes Mädchen . . . retten". Die mittlerweile auf Elisabeth getaufte Fatime bringt zwei Kinder auf die Welt, von denen ein Sohn überlebt. Nach zehnjährigem Aufenthalt kommt endlich ein englisches Schiff. "Tragischerweise verliert Peyer noch vor der Heimreise bzw. auf der Schifffahrt . . . seine Familie." Bis zu seinem Tod im Alter von 70 Jahren bewirtschaftet er ein kleines Gut im oberösterreichischen Kremsmünster.

Einen "Unterschied zum englischen Original" sieht Dr. Manfred Kremser, Wien 18, darin, "dass das "Türkische" wesentlicher Bestandteil" späterer Robinsonaden und eben auch der oberösterreichischen Version ist. Zum Bild des osmanischen Kulturkreises merkt der Spurensucher an, dass "trotz klischeehafter Darstellungen" die "türkische Stadtkultur als vollwertige, hochrangige" geschildert wird. "Fatime ist eine gebildete Frau, die wie ihr Bruder Omar nur einer "falschen" Religion angehört." Andere Türken werden jedoch "nur negativ" gezeichnet. Hintergrund ist, dass "die osmanische Expansion weiterhin als Gefahr für die christlich-europäische Welt angesehen wurde".

Etliche Namensvettern

Auf der Internet-Seite des in Linz ansässigen Adalbert-Stifter-Instituts informierte sich Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen bei Horn, der herausfand, "dass im 18. Jahrhundert nachweislich zwei Personen namens Johann Georg Peyer in Urfahr gelebt hatten."

Über einen dieser Namensvettern weiß Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, dass er "erst 1776" - und nicht wie im Buch 1713 - geboren wurde.

Recherchen in unserem Blatt brachten weitere Männer ans Licht, die ebenfalls Johann Georg Peyer hießen, allerdings in Wien bzw. Niederösterreich: So scheint am 18. März 1722 in der Liste der Getauften ein "Landschaftspauker", also Berufsmusiker, als Vater eines Sohnes auf. 1797 trug diesen Namen laut einem "WZ"-Bericht der Müllermeister von Fischamend; der Mann erhielt eine Medaille, weil er den Untertanen der Herrschaften im Marchfeld in Notzeiten Mehl geschenkt hatte.

Für "jedenfalls gut erfunden und spannend erzählt" hält Volkmar Mitterhuber, Baden, den Mühlviertler Robinson. "Als ehemaliger Lehrer" berichtet Johann Grabner, Linz, dass er "diese Geschichte noch mit Schülern gelesen" hat - "wir hatten mehrere Exemplare des Buches in der Schulbücherei".

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner