Als "Wunder" bezeichnet Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, jene "Umkehrung der Allianzen", die 1756 die Kräfteverhältnisse in Europa auf den Kopf stellte und jahrhundertealte Gegner in Bündnispartner verwandelte. Die Gemeine ist dem sog. renversement des alliances anlässlich der kleinen Nuss Numero 431 auf den Grund gegangen und hat sich zum Ziel gesetzt, die komplexen politischen Verhältnisse zu entwirren. Es handelt sich, so Zeitreisender Ing. Kaiser, um "ein Bündnis zwischen Frankreich und Österreich", das die tiefverwurzelte Feindschaft beider Länder beendete.

Diese diplomatische Revolution "kam nicht von ungefähr", analysiert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10. "Das "alte" Bündnissystem war von den Konflikten zwischen England und Frankreich" sowie "zwischen der Habsburgermonarchie und dem Bourbonenstaat geprägt. Die Unzufriedenheit der Habsburger mit dem Bündnis mit den West- oder Seemächten (Großbritannien, Niederlande) reichte bis ins 17. Jh. zurück. Schon der streng katholische Kaiser Leopold I. hatte sich Vorwürfe gemacht, mit protestantischen Staaten zusammenzuarbeiten" und mit Frankreich "einen katholischen Staat . . . zum Gegner zu haben."

Für Maria Theresia war der wichtigste Beweggrund, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, das "an Preußen gefallene Schlesien" zurückzuerlangen.

Einflussreiche Mätresse

Den Mann, dem die Herrscherin in diesen Belangen vertraute, nennt Christine Sigmund, Wien 23: Wenzel Anton Eusebius Graf (ab 1764 Fürst) Kaunitz-Rietberg (1711-1794), seit 1753 Staatskanzler. Er setzte auf Annäherung an Frankreich.

"Im August 1755", notiert Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, hatte Österreich "die Auflösung des Bündnisses mit England" verkündet. Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, ergänzt, dass Preußen wiederum "mit der Konvention von Westminster 1756 eine Allianz mit England einging". Versailles befand sich "seit 1754" mit London "im Krieg auf dem amerikanischen Kontinent."

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, konsultierte das Werk "Die Habsburger" (2021) von Historiker Martyn Rady und zitiert daraus: Einem Pakt mit Maria Theresia stand Ludwig XV. "verständlicherweise sehr misstrauisch" gegenüber, "doch die Intervention seiner Mätresse, Madame de Pompadour, und der Ausbruch der Kämpfe zwischen Frankreich und Großbritannien in Nordamerika . . . ließen auch Ludwig umdenken."

Mit 1. Mai 1756 kam es "zum Defensivbündnis zwischen Österreich und Frankreich", so Gerhard Toifl, Wien 17. Und: Kaunitz konnte u.a. "Russland als Bündnispartner gewinnen."

Apropos Pompadour - Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zieht eine überraschende Parallele: Dienstag war nämlich Damentag, und zwar beim Freistil-Ringen am Heumarkt im Wien nach 1945 sowie in der Ära Ludwigs XV. in Versailles. Im Wien der Nachkriegszeit bedeutete es, dass weibliche Schaulustige an genanntem Wochentag keinen Eintritt für das deftige Freiluftspektakel bezahlen mussten. In Versailles hingegen kamen "an diesem Tag . . . die Diplomaten aus Paris . . . zur Audienz beim Staatssekretär. Anschließend zur dienstäglichen - öffentlichen - Ankleidezeremonie" der Madame de Pompadour.

Spurensucher Dr. Kremser zitiert dazu aus den Memoiren eines Zeitgenossen: "Der König will, dass die Botschafter der Marquise de Pompadour jeden Dienstag einen Besuch abstatten". Ein Hofbeamter geleitete die Gesandten zur toilette der Pompadour. "Man muss doch zugeben", so der Memoirenschreiber, "dass dies alles sehr außergewöhnlich ist".

Auch Kaunitz setzte auf die Pompadour, so Brigitte Schlesinger, Wien 12. Eine Schwierigkeit lag allerdings darin, dass die sittenstrenge Maria Theresia "moralische Bedenken" hatte, mit der königlichen Mätresse zu verhandeln. Kaunitz brachte es aber zuwege, diskret einen Brief an die Pompadour übergeben zu lassen, die sich für Kaunitz’ Plan einsetzte. "Später, als der Vertrag zustande gekommen war, ließ Maria Theresia zum Dank allen . . . Beteiligten wertvolle Geschenke machen", der Marquise etwa ein "kostbares Lackpult" mit einem Porträt der Habsburgerin. Als der Wiener Gesandte es überreichte, "bat Madame de Pompadour eigens um Erlaubnis, sich schriftlich" bei der Regentin "bedanken zu dürfen" - als derartig "heikel" wurde der Kontakt empfunden.

Preußen marschiert ein

Die weitreichenden Folgen des Bündnisses sind bekannt, wie Herbert Beer, Wolfpassing, notiert: Der oft so genannte "Weltkrieg im 18. Jahrhundert". Dr. Harald Jilke, Wien 2, dazu: Am 29. August 1756 "fielen die Preußen . . . in Sachsen ein", einem Verbündeten der Habsburger. Damit hatte der "Siebenjährige Krieg" begonnen - und Frankreich musste Österreich "militärisch zu Hilfe kommen".

Das Blatt wendete sich für die Grande Nation, so Manfred Bermann, Wien 13, "bei der verlorenen Schlacht von Roßbach (5. November 1757) gegen die Preußen, in deren Folge praktisch alle Überseegebiete Frankreichs in Nordamerika, Indien etc. verloren gingen." Als die Kunde von der Niederlage überbracht wurde, soll übrigens die Pompadour auf einem Hoffest den berühmten Satz "Après moi le déluge" ausgerufen haben. Er wurde zur Redewendung und wird meist mit "Nach mir die Sintflut" übersetzt.

Auch über das Kriegsende hinaus wurde die Achse Habsburg-Bourbon aufrechterhalten. Wie Herbert C. Eller, Mödling, notiert, arrangierte man deshalb 1770 u.a. "die Vermählung von Ludwig XVI. und Marie Antoinette". Es war nicht die erste Ehe, die den Pakt zwischen Frankreich und Österreich festigen sollte.

Dieser sollte, so Dr. Robert Porod MMBA, Frauenhofen b. Horn, "bis zum Ausbruch der Revolutionskriege 1792" halten. Wie Maria Thiel, Breitenfurt, fortsetzt, wurden die beiden Mächte damit wieder zu Kriegsgegnern und das Habsburgerreich tat sich mit Preußen zusammen.

Abschließend stellt sich Dr. Alfred Komaz, Wien 19, die Frage: "Hat sich Österreich unter Anleitung des genialen Kaunitz . . . mit Frankreich wirklich den idealen Partner ausgesucht?" Daran sind, in Hinblick auf den weiteren Verlauf der Geschichte, doch "gewisse Zweifel angebracht". Aber letztlich, so Dr. Komaz, waren die Handelnden "auch nur Menschen, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kenntnissen . . . zu ihrer Zeit Entscheidungen zu treffen hatten."

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner