Die Nummer von Franz Joseph müsste man haben. So ein direkter Draht zum Kaiser könnte manches Problem im Handumdrehen lösen. Doch, ach: "Seine Nummer weiß ich nicht", seufzt Dr. Manfred Kremser, Wien 18, und mit ihm viele Gemeine-Mitglieder, die sich vergeblich mit dieser kniffligen Teilfrage der kleinen Nuss Nro. 433 abmühten. Zwar musste der Zeitreisenmedicus "vor ca. 55 Jahren" für den Fremdenführerkurs wissen, ob in Schönbrunn "die Vasen, die . . . an den Wänden des Porzellanzimmers auf kleinen Untersetzern angebracht sind, hiebei angeklebt oder geschraubt waren (zweiteres war der Fall)". Der Allerhöchste Anschluss wurde aber nicht abgeprüft.

Von Ketterl zu Kreisky

"Vielleicht Nummer 1?", tippt Alice Krotky, Wien 20; das wäre durchaus angemessen für den Regenten. Dabei fällt der Tüftlerin ein gut erreichbarer Staatsmann einer späteren Ära ein: Bruno Kreisky. Die "Nummer seines Privatanschlusses . . . in der Armbrustergasse", Wien 19, war kein Geheimnis. Der Kanzler sei "nahezu täglich mit kleinen Post-its ins Büro" gekommen, mit "Anfragen und Bitten von Bürgern", die ihn zu Hause angerufen hatten.

Zurück zum Kaiser: Auch Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, setzen auf Tel.-Nr. 1, betonen aber, dass man einst nicht selbst wählte, sondern von der Vermittlung verbunden wurde, die die Nummer wohl wusste. Aber hätte sie uns auch durchgestellt? Weiters merkt das Tüftlerpaar an, dass der "Apparat Seiner Majestät" eher Dekoration war. Wenn es läutete, wurde der Herrscher "hektisch und rief "Wo ist der Ketterl, wo ist der Ketterl"". Selbst hätte er also kaum abgehoben, eher sein Kammerdiener.

Wir probieren es dennoch und wählen 1. Doch leider: Die Nummer stimmt nicht.

"Größte Maschine der Welt" nennt Adolf Rieck, Eichgraben, das Telephon (wir verwenden auf dieser Seite absichtlich die alte Schreibweise, Anm.), umspannt sein Netz doch "die ganze Erde". Den ersten Satz, der via Fernsprecher vermittelt worden sein soll, zitiert Helmut Erschbaumer, Linz: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat." Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, ergänzt, dass sich dies "am 26. Oktober 1861" abgespielt habe. Es handelte sich um eine Vorführung im Physikalischen Verein in Frankfurt am Main, wo der "deutsche Erfinder Johann Philipp Reis" (1834-1874) seine Errungenschaft zeigte.

Wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ausführt, hatte Reis als Physiklehrer "für seine Schüler" u.a. einen zweiteiligen Apparat angefertigt, der "die Funktion des menschlichen Ohres" demonstrieren und Geräusche übertragen sollte. Er spannte "über die Ausgangsöffnung einer aus Holz geschnittenen Ohrmuschel eine Membran aus Schweinsdarm" als Trommelfell.

Dr. Komaz schildert auch eigene im Park durchgeführte Experimente aus früher Jugend: So wurde "in die Mitte zweier Kartondeckel jeweils ein Loch gemacht" und "mit einer Papiermembran überzogen", diese "in der Mitte . . . durchstochen und mit einem Faden verbunden . . . Dann konnte man die Membran durch Sprechen in Schwingung versetzen" und Sätze wie "Der Franzi ist blöd" durchgeben.

Herbert Beer, Wolfpassing, notiert, dass Reis unter Fachleuten "weltweit bekannt" wurde, wirtschaftlicher Erfolg aber ausblieb.

Auf Alexander Graham Bell geht Christine Sigmund, Wien 23, ein: Der "1847 in Edinburgh geborene", später in den USA tätige Erfinder interessierte sich als Taubstummenlehrer besonders für Akustik.

Wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, ausführt, experimentierte Bell mit Reis’ Apparat, wobei auch Erkenntnisse des Italieners Antonio Meucci einflossen. "1876 meldete Bell sein Telephon zum Patent an und gründete ein Unternehmen, aus dem später der amerikanische Telephongigant AT&T hervorging."

Auch von Bell ist ein erster telephonischer Satz überliefert. Volkmar Mitterhuber, Baden: Mit "Mr. Watson, come here, I want to see you", forderte er 1876 einen Mitarbeiter auf, zu ihm zu kommen.

Die Post überlistet

Wie es 100 Jahre später in Wien um das Fernsprechen bestellt war, berichtet DI Dr. Luzian Paula, Wien 6: "Als ich . . . 1976 mein Büro gegründet habe, musste ich zwei volle Jahre auf ein "ganzes" Telephon warten. Bis dahin haben wir uns mit einem Vierteltelephon fretten müssen".

Wiener Wählscheibe mit ZYLMURBAFI bzw. (anders gelesen) IFABRUMLYZ. 
- © Bild: "Das Kleine Blatt" 1931. Repro, Bearbeitung & Schmuckfarbe: Ph. Angelov

Wiener Wählscheibe mit ZYLMURBAFI bzw. (anders gelesen) IFABRUMLYZ.

- © Bild: "Das Kleine Blatt" 1931. Repro, Bearbeitung & Schmuckfarbe: Ph. Angelov

"In Wien ein eigenes Telephon zu bekommen war einer Lotterie nicht unähnlich", weiß auch Gerhard Toifl, Wien 17; "selbst mit Bakschisch" reichte es oft nur zu einem Viertelanschluss, den man sich mit drei weiteren Teilnehmern teilte. Wenn einer telephonierte, mussten die anderen warten.

"Als damaliger HTL-Schüler" machte es Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, "große Freude", die "Vierteltelephone "auszutricksen"". Seine "selbst gebaute Schaltung" ermöglichte "jederzeit eine Freileitung". Es erfüllt den Tüftler noch heute mit Stolz, dass ihm nicht einmal "die Techniker der Post . . . auf die Schliche kamen".

Aus seiner "Jugend in Simmering" erzählt schon zitierter Zeitreisenmedicus Dr. Kremser, dass sein Vater als "praktischer Arzt in der Kopalgasse" das "Privileg eines ganzen Telephons" genoss. Der Anschluss mit der Nummer M 12 3 70 wurde "sowohl privat als auch für die Ordination" genutzt. Beide Sphären "waren ja eine Einheit mit Samstag-/Sonntag-, auch Nachtdienst und "Immer-wenn-es-wichtig-war-Erreichbarkeit"."

Zur Wiener Spezialität ZYLMURBAFI, oder in umgekehrter Reihenfolge IFABRUMLYZ, kommt Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, der das Phänomen "aus Kindertagen" kennt. Ende der 1920er gab es in Wien "über 100.000 Teilnehmer", weshalb "bei der Zuteilung einer neuen Nummer den Ziffern einer der angeführten Buchstaben . . . vorangestellt wurde." Auf der Wählscheibe fand man "bei den Ziffern 0 bis 9 je einen der aufgezählten Buchstaben" (s. Bild l. u.). Dieses System wurde "nach etwa 30 Jahren im Zuge der Internationalisierung des Telephonverkehrs aufgegeben".

Schall und Rauch

A 46 7 80 war die Nummer der Spenglerei Lambauer, Gasteigergasse 3, Wien 20, berichtet Brigitte Schlesinger, Wien 12, deren Vater den Betrieb schließlich übernahm. Einer der "Kunden war die . . . Firma Czeija & Nissl", die "am Aufbau des Telephonnetzes" der k.u.k. Monarchie beteiligt gewesen war. Als das Fernmeldeunternehmen ein Werk in Strebersdorf bezog, "erlitt mein damals 64 Jahre alter Vater" beim Abseilen eines Motors "einen Unfall", es war der "15. Mai 1972 . . ., mein erster Maturatag (schriftliche Deutschmatura)". Erst als der Verunglückte Tage später fast nicht mehr atmen konnte, erkannte ein Röntgenarzt die Schwere der Verletzung und fand zufällig auch ein Lungenkarzinom - was dem Vater der Tüftlerin das Leben rettete und "noch ein paar Jahre" bescherte.

"In der elterlichen Wohnung wurde 1958 das Telephon installiert", berichtet Michael Chalupnik, Sieghartskirchen. Es "hatte schon die "richtige" Wählscheibe, mit der man (so sagte mein Vater) auch "von Wien auße" . . . Gespräche zustande bringen konnte."

Manfred Bermann, Wien 13: "Als junge Eheleute . . . hatten wir . . . ein Vierteltelephon, wobei meine Frau es von ihrer verstorbenen Mutter "erbte" und es mir "amtlich übertrug"" - eine behördliche Abenteuergeschichte. Das Paar war gerade aus den USA zurückgekehrt, wo es "das Telephon innerhalb eines Tages" erhalten hatte, "ein Anruf bei der Telephongesellschaft" genügte.

Zu den Wiener Telephonzellen fragt Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/F: "Erinnert sich noch jemand daran", dass jene, "die die Zelle verlassen wollten, oft auf der Kontaktplattform stehenblieben - wenn, wie häufig, weitere Personen angestellt waren -, um ein wenig Geld für einen weiteren Einwurf sparen zu helfen?"

Schon erwähnte Tüftlerin Krotky denkt an einstige Dienste, z.B. Zeitansage, Kochrezepte, Kinoprogramm etc. zurück. "Und natürlich die, von mir heißgeliebte, 1560! In einer Endlosschleife wurden . . . Märchen erzählt. Nicht schwer zu erraten, dass ich oftmals, wenn beide Eltern nicht zu Hause waren, sofort 1560 anrief und begeistert lauschte".

Offen bleibt nun nur noch die Nummer des Kaisers. Weiß wirklich niemand aus dem Tüftlerkreis Rat? Doch, flüstert schon zitierte Zeitreisende Schlesinger (Bravo!), sie lautet: 750. Und wer weiß, vielleicht hebt er ja doch einmal ab . . .

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner