Selbstporträt mit "WZ": Therese Fellner, Wirtin des Wiener Gasthauses "Rother Hahn", ließ sich anno 1819 mit unserem Blatt abbilden. 
- © Bild wird E. v. Engert zugeschr.; Foto: Birgit & Peter Kainz/Wien Museum

Selbstporträt mit "WZ": Therese Fellner, Wirtin des Wiener Gasthauses "Rother Hahn", ließ sich anno 1819 mit unserem Blatt abbilden.

- © Bild wird E. v. Engert zugeschr.; Foto: Birgit & Peter Kainz/Wien Museum

Da das Jahr, und nicht nur das, seinem Ende zugeht, sehen sich die Herausgeber dieses Blattes bemüßiget, ihr hochgeneigtes Publikum mit einer Nachricht direkt anzusprechen. Höflich geben sie zu verstehen, dass bei nun auslaufendem Pränumerationsquartale für gegenwärtige Zeitungsblätter um neuerliche Bestellung samt Vorauszahlung gebeten wird.

Wir schreiben anno 1775 wohlgemerkt, nicht 2022. Denn gegenwärtig steht bekanntlich in den Sternen, wie lange die Zeitungsliebhaber - so oder auch "Liebhaber dieses Diarii" nannte man die Abonnenten im 18. Jahrhundert - ihre Gazette noch in Händen halten dürfen. Am 16. Christmonat (= Dezember) 1775 drohte keineswegs das Aus. Im Gegenteil. Das "Wienerische Diarium", wie unser Blatt bis 1779 hieß, hatte erst kürzlich neue Räumlichkeiten in der Singerstraße bezogen (die Zeitreisen berichteten im Mai 2019). Nun informierte der Verlag, die Ghelen’schen Erben, über Reformen. Konkret ging es um die Austheilung des Diariums.

In der Ära Maria Theresias wurde das Blatt den Wiener Abonnenten noch nicht vor die Tür geliefert, sondern musste in dem Zeitungskomptoir abgeholt werden - oft von den Bedienten. Das "Diarium" erschien damals zweimal in der Woche, weil die Post und damit auswärtige Nachrichten auch in dieser Frequenz eintrafen. Jeden Mittwoch und Samstag herrschte in den Geschäftsräumen in der Singerstraße Hochbetrieb, wenn um 3 Uhr Nachmittages die Ausgebung begann. Das druckfrische Blatt konnte also einst nicht zum Morgen-, sondern zum Nachmittagskaffee genossen werden.

Und wenn man es nicht schaffte, sein Exemplar bis zur Sperrstunde um 7 Uhr Abends abzuholen? Außerhalb der Öffnungszeiten war es wohl üblich, dass Stammleser eine Ausgabe direkt in der Produktionsstätte erwarben. Vielleicht hatten gar zu viele in der Buchdruckerey angeklopft, denn 1775 wird verkündet, dass dort künftig keine Zeitung mehr (...) ausgegeben werde - weder spät noch frühe. Zudem werde jedem Pränumeranten ein auf steifen Pappedeckel aufgezogener Pränumerationsschein ausgehändigt. Da er zur Abholung stets mitzubringen sei, folgte die Mahnung, diese Billets ja nicht zu verliehren!

Ansonsten erhalte niemand mehr, er sey auch wer es wolle, das Blatt - außer gegen alsogleich zu erlegende baare Bezahlung. Dass es mit den Berechtigungskarten auf gut Wienerisch ein Gfrett war, belegt eine etliche Jahre später (am 2. Oktober 1802) publizierte Mahnung der "Wiener Zeitung", in der man die Herren Pränumeranten ersuchte, ihre Scheine vor Unreinlichkeit zu bewahren, da man in Zukunft, wenn die Nummer (...) nicht kennbar wäre, gleichfalls keine Zeitung ausfolgen könne.

Kurz vor Weihnachten, am 16. Dezember 1775, erinnerten die "Diarium"-Herausgeber höflich daran, u.a. die Pränumerationen, also Abonnements, zu erneuern. 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Kurz vor Weihnachten, am 16. Dezember 1775, erinnerten die "Diarium"-Herausgeber höflich daran, u.a. die Pränumerationen, also Abonnements, zu erneuern.

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Rein männlich war die Leserschaft unseres Blattes übrigens keineswegs, wie die einst übliche Ansprache als Herren Pränumeranten glauben lässt. Anzunehmen ist, dass auch Damen zum "Diarium" bzw. ab 1780 zur "Wiener Zeitung" griffen. Als Beweis möge das oben abgebildete Porträt der Therese Fellner, Wirtin des Gasthauses "Rother Hahn" auf der Landstraßer Hauptstraße (nun 3. Wiener Bezirk), dienen. Sie ließ sich 1819 mit einer "WZ"-Ausgabe in der Hand als selbstbewusste Zeitungsliebhaberin malen.

In ihrem Publikum sahen die Herausgeber weit mehr als nur zahlende Kundschaft, die es bei Laune zu halten galt. Schon im 18. Jahrhundert wussten die Macher des "Diariums", was sie an ihren klugen Leserinnen und Lesern hatten.

So wurden in der bereits zitierten Nachricht vom 16. Dezember 1775 sowohl auswärtige als auch die innländischen geneigten Liebhaber ausdrücklich gebeten, uns mit ihren Beyträgen (...) zu beehren. Diese Zuschriften würden sodann alle unentgeltlich eingeschaltet werden.

In unserem Blatt hat die Leserbeteiligung also eine jahrhundertelange Tradition. Diese wird in der Gegenwart besonders mit den Zeitreisen fortgeführt - mit Ihnen, liebe Gemeine, der wir an dieser Stelle tosenden Applaus spenden!

In ihre Lektüre vertiefte Leserinnen und Leser im Volksheim Ottakring.  
- © Bild: W. Gause, 1906, Wien Museum/Schmuckfarbe: Ph. Angelov

In ihre Lektüre vertiefte Leserinnen und Leser im Volksheim Ottakring. 

- © Bild: W. Gause, 1906, Wien Museum/Schmuckfarbe: Ph. Angelov

In den vergangenen Wochen meldeten sich viele angesichts des drohenden Endes der Druckausgabe zu Wort, stellvertretend wird hier Gerhard Toifl, Wien 17, vor den Vorhang gebeten. "Meine "Wiener Zeitung" darf nicht mehr erscheinen", schüttelt der Zeitreisende ungläubig den Kopf. Das Blatt hat er "um damals zwei Schilling monatlich" abonniert, als er 1958 in der "Österreichischen Staatsdruckerei - Wiener Zeitung" eine Lehre als Schriftsetzer begann. Die Gazette residierte zu dieser Zeit im Gebäude der Staatsdruckerei am Rennweg. Dort hat sich Schwarzkünstler Toifl als junger Mann sein Exemplar "täglich vor Arbeitsbeginn in der Portierloge abgeholt", später dann "in der Nachmittagsschicht vor dem Heimgehen von der "Rodel" (Zeitungsrotationsmaschine) druckfrisch mitgenommen und als Betthupferl im Bett gelesen. Mir fehlt heute noch der Geruch der Druckerschwärze."

Das Zeitreisenteam kann 2022 nur wiederholen, was die Redaktion schon 1775 in einer feyerlichen Angelobung versprach, nämlich trotz allem mit äußersten Kräften an der möglichsten Vervollkommung dieser Blätter zu arbeiten!

Kopfnuss: Bis wann war die "Wiener Zeitung" am Rennweg zu Hause? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)