Nach dem Essen sind wir in d’ Vorstadt gangn. Da hat mir der Herr Vetter d’ Residenz zeigt, wo des Kaisers seine Pferd wohnen. Herr Vetter, die sind schöner logirt, als der Kaiser selbst . . ." So steht es in den berühmten ab 1785 erschienenen "Briefen eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran", aus denen Manfred Bermann, Wien 13, zitiert und damit den Antwortreigen zur Frage 1 der Nro. 436 rund um das heutige MuseumsQuartier in Wien-Neubau eröffnet. Der im Titel genannte Vetter kommentiert dann in einer Fußnote: "Die kaiserlichen Stall vorm Burgthor wird er meinen." Und bestätigt: "Nun, da hat er so unrecht nicht. S’ sehn wirklich schöner aus, als d’ Burg."

Quartiere für Vierbeiner

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, erinnert sich: "Auch meine Frau Mama erzählte mir, dass hier die Pferdestallungen des kaiserlichen Hofes waren." Ein Blick in den "Dehio" liefert weitere Informationen: Ein erster Entwurf stammte von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Das Projekt wurde nach seinem Tod von dessen Sohn Joseph Emanuel fortgeführt, mit Adaptionen.

Den "Auftrag zur Errichtung eines Hofstallgebäudes vor dem Äußeren Burgtor" hatte Kaiser Karl VI. 1713 erteilt, wie Maria Thiel, Breitenfurt, recherchierte. Das Gebäude wurde in den 1720ern fertiggestellt.

Dr. Wilhelm Baier, Graz- Andritz, notiert, dass "600 Pferde und 200 Karossen" Platz finden sollten. Allerdings wurde der ursprüngliche Plan nicht voll umgesetzt, nämlich ohne "monumentale Pferdeschwemme sowie ein Amphitheater für Karussellspiele".

"Bis dahin war es die Pflicht der Stadt Wien gewesen, für die Einstellung der Pferde und Maultiere" des Hofes zu sorgen, erläutert Brigitte Schlesinger, Wien 12. Dafür "waren einzelne Häuser "in der Stadt" wie z. B. in der heutigen Schreyvogelgasse (damals Kleppersteig) und "auf der Wieden", im ganzen 53", vorgesehen. Die Hausbesitzer hatten eine gewisse Anzahl von Tieren aufzunehmen. Im Gegenzug waren "sie von andern Quartierlasten und von der Quartiersteuer befreit".

Einen Sprung ins Jahr 1809 macht Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Während der französischen Besatzung Wiens dienten die Hofstallungen u.a. zur Internierung "österreichischer Kriegsgefangener". Da diese "ungeheuer . . . hart behandelt" wurden, kam es zum Volksaufstand. Der Tischler Peter Tell erhielt "als Delegierter der Bürgerwache am 23. Juni 1809 von einem französischen Offizier den Auftrag", eine Volksmenge am Spittelberg auseinanderzutreiben. Dabei ging Tell "besonnen und gelassen vor", was den Franzosen derart erzürnte, dass dieser seine Waffe zog. Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, weiter: "Der Tischler . . . zerbrach den Säbel". Nach seiner Verhaftung am nächsten Morgen wurde er "von den Besatzern erschossen".

"Von 1867-1911", so Helmut Erschbaumer, Linz, existierte "im 15. Bezirk" eine nach Tell benannte Gasse, die dann aber in "Gebrüder-Lang-Gasse" umgetauft wurde. Am "17. September 1912 wurde im selben Bezirk ein neuer Straßenzug" zur Tellgasse gemacht.

Gassen-Konflikt

Nach Umbenennung der ersten Tellgasse hatte es "massive Proteste" gegeben, so Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, die den Artikel "Tells Delogierung" (1911) in dem Wiener Blatt "Der Montag" anführt.

Zurück zu den Hofstallungen 1809: "Während der napoleonischen Kriege kam es zu . . . Zerstörungen", notiert Herbert Beer, Wolfpassing. Die Franzosen hatten dort "ihren Gefechtsstand eingerichtet und wurden von der Stadt aus beschossen".

Auch 1848 kam es zu Schäden, so Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, als "im Mai und Oktober . . . Volk und Militär gegeneinander" kämpften.

"Zahlreiche Um- und Zubauten" erwähnt Gerhard Toifl, Wien 17. So ließ u.a. Franz Joseph I. "1850-1854 . . . die Winterreitschule im klassizistischen Stil" errichten. Dabei handelt es sich um die heutige Halle E + G. Später kam eine von Kaiserin Elisabeth initiierte "oktogonale Reithalle" hinzu, die nun "die Bibliothek des Architekturzentrums" beherbergt.

Helmuth Singer, Wien 13, erwähnt, dass nach den Umbauten Mitte des 19. Jahrhunderts auch die "Hofwagenburg . . . sowie Hofjagd- und Gewehrkammer" Platz fanden.

Dass "die Hofstallungen nicht bloß Pferde", sondern später "auch Autos" beherbergten, wirft Alice Krotky, Wien 20, ein; v.a. Kaiser Karl war ein "Autonarr".

"Nach dem Ersten Weltkrieg" wurde das Stallgebäude nicht mehr benötigt; es "zog 1921 die Wiener Messe in das . . . Gebäude ein", merkt Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, an. In dem nun als "Messepalast" bezeichneten Komplex wurden "die Frühjahrs- und Herbstmesse bzw. . . . Sondermessen" veranstaltet.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "In meiner Kindheit fand vor der langen Fassade der . . . Christkindlmarkt statt."

Zu den Hofstallungen berichtet Ing. Karl Stöckner, Wien 13: "Meine Großeltern hatten dort eine Dienstwohnung, bis sie in den 1920er-Jahren nach Schönbrunn übersiedelten, wo ich mit meiner Großmutter und meinen Eltern meine Jugendzeit verbrachte."

Leseturm gekippt

Zur Nachkriegszeit kommt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, der erwähnt, dass "im Messepalast von der US-amerikanischen Besatzungsmacht" eine "Basketballhalle errichtet" wurde. Weiters erinnert sich der Spurensucher an "die "Wiener Internationale Postwertzeichen-Ausstellung 1965" und . . . "Erschließung des Kosmos durch die UdSSR" 1968, bei der das erste sowjetische Weltraumschiff Wostok gezeigt wurde." In den 1950ern gastierte die "Wiener Eisrevue" dort; "da war ich (1956 und 1957) . . . unter den Zuschauern."

Johann Grabner, Linz, kann sich ebenfalls an Ausstellungen erinnern, die er bei Wien-Aufenthalten "mit Schulklassen besucht" hat, etwa "eine über Wale bzw. eine andere mit Bildern sogenannter naiver Maler".

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, erwähnen das "1981 bis 2005 . . . im Trakt an der Mariahilfer Straße" untergebrachte "Tabakmuseum der Austria Tabak AG."

"Seit den 1980ern", merkt Harry Lang, Wien 12, an, wurde ein Umbau in ein Museumszentrum diskutiert. Wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, notiert, ging aus einem Wettbewerb ein Projekt der Architekten Ortner & Ortner als Sieger hervor. Besonders der geplante 60m hohe "Leseturm" rief Proteste hervor. Er wurde letztlich nicht gebaut.

Die "offizielle Eröffnung des MuseumsQuartiers", so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, erfolgte "am 29. Juni 2001".

P.S. Recherchen zur Frage 2 rund um eine Wiener Bühne folgen in einem Monat, u.a. von Dr. Alfred Komaz, Wien 19, sowie von Mag. Thomas Krug, Wien 1, und Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner