Spaziert man heutzutage durch den Wiener Gemeindebezirk Neubau, erinnert der eine oder andere Wegabschnitt an eine Zeit, in der diese Gegend für ihre Textilproduktion bekannt war. Manfred Bermann, Wien 13, schlug in Peter Autengrubers "Lexikon der Wiener Straßennamen" (5. Auflage, 2004) nach. Dort wird festgehalten, dass die Fuhrmannsgasse 1862 "nach den zahlreichen Seidenfabrikanten, die in der Gegend ihren Sitz hatten", in Seidengasse umbenannt wurde. Seit damals kennt man auch die ehemalige Herrengasse als Bandgasse, die ihre neue Bezeichnung den einst dort angesiedelten Seidenbandfabriken verdankt.

Die Gemeine begutachtete die Produktion des kostbaren Stoffs und begab sich anlässlich der Orchidee der Nro. 436 auf historische Pfade durch Neubau.

Der Reiche & der Heilige

Auf den Ursprung des siebenten Wiener Bezirks nimmt Johann Grabner, Linz, Bezug: Er geht auf die Vorstadt St. Ulrich zurück.

Die dortige erste Siedlung, so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, trug "im Spätmittelalter den Namen Zeismannsbrunn" und war "in früher Neuzeit eine Hochburg des Protestantismus".

Ein Modebild aus 1816 zeigt Kleidung, die gehobene Frauen in der Monarchie trugen.  
- © Bild: "Wiener Zeitschrift..."/Archiv; Schmuckfarbe: Philipp Angelov

Ein Modebild aus 1816 zeigt Kleidung, die gehobene Frauen in der Monarchie trugen. 

- © Bild: "Wiener Zeitschrift..."/Archiv; Schmuckfarbe: Philipp Angelov

Die Entstehungsgeschichte des Ortes ist mit einem einflussreichen Wiener Bürger verknüpft, den Brigitte Schlesinger, Wien 12, erwähnt: Der Münzmeister und spätere Stadtrichter Dietrich der Reiche (um 1170 bis ca. 1235). Er stiftete "1211 ... eine Kapelle zu Ehren des heiligen Ulrich". Damit förderte er den weiteren Ausbau dieser Gegend. Maria Thiel, Breitenfurt, setzt fort: "Seit 1302 heißt die Siedlung nach dem Kirchenpatron" St. Ulrich. Über 500 Jahre später "bei seiner Eingemeindung im Jahr 1850 erhielt der neue Bezirk die Nummer VI", 1861 wurde er "auf Wien VII umnummeriert".

Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Mit seiner Fläche von nur 1,61 km² umfasst" der heutige siebente Bezirk "die ehemaligen Vorstädte Neubau, Neustift, Spittelberg und Schottenfeld sowie Teile der Vorstädte St. Ulrich, Alt-Lerchenfeld, Laimgrube und Mariahilf".

"Der Name Neubau", so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, wurde "1530 ... erstmals urkundlich erwähnt". Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, schließt an: Die Bezeichnung "geht auf eine Erweiterung der Siedlung St. Ulrich zurück." So begann man "in den Jahren zwischen 1519 und 1546 ... einen Feldweg" zu verbauen. Er verlief zwischen der jetzigen "Burggasse zur Mariahilfer Straße" und wurde schließlich "zur heutigen Neubaugasse."

Dieser nun so belebte Straßenzug trug noch bis ins 18. Jahrhundert den Namen Lange Gasse. Herbert Beer, Wolfpassing: Dort ließ ein gewisser "Nikolaus Chrysostomos Spießheimer (1505-1561) ... über 70 Häuser" errichten. Damit hatte Spießheimer einen "wesentlichen Anteil" an der Entstehungsgeschichte des heutigen Bezirks.

Feinste Webstoffe

"Ab etwa 1720 entwickelte sich die Vorstadt Neubau rasant", hält Dr. Wilhelm Richard Baier, Graz-Andritz, fest. Zwischen der nunmehrigen Neubaugasse und der Zieglergasse "entstand ein dichtverbautes Gebiet. 1777 wurde das Schottenfeld ... eine eigene Vorstadt und ein boomendes Zentrum des Textilgewerbes." Dieser aufstrebende Wirtschaftszweig "förderte den Zuzug von Handwerkern, Arbeiterinnen und Arbeitern."

Rund um die hier verschneite Ulrichskirche bei der Neu-stiftgasse (wie sie seit 1862 heißt) entstanden im 11. Jahrhundert erste Siedlungen.  
- © Bild: Franz Gerasch (1826-1906), Belvedere

Rund um die hier verschneite Ulrichskirche bei der Neu-stiftgasse (wie sie seit 1862 heißt) entstanden im 11. Jahrhundert erste Siedlungen. 

- © Bild: Franz Gerasch (1826-1906), Belvedere

Besonders die Seidenmanufakturen kurbelten das Wirtschaftsleben der Kaiserstadt an, so Gerhard Toifl, Wien 17. Der Nussknacker schlug im "Historischen Lexikon Wien" von Felix Czeike (5 Bände, 1992ff) nach: "Hochqualifizierte Arbeitskräfte, die für niedrige Löhne arbeiteten, verknüpft mit einer für den Handel günstigen Verkehrsanbindung, ließen die Seidenfabrikation ... anwachsen".

Durch den damit verbundenen Reichtum dieser Gegend, wie Harry Lang, Wien 12, notiert, "bürgerte sich ... die Bezeichnung "Brillantengrund" ein."

Warum sich das Geschäft mit den Seidenerzeugnissen so gut entwickeln konnte, erwähnt Helmut Erschbaumer, Linz: "Die Napoleonischen Kriege und der Boykott englischer Waren (die sogenannte Kontinentalsperre) trugen wesentlich dazu bei, dass die Wiener Manufakturen eine besondere Blütezeit erlebten". Damit konnten sie sich die neueste Ausstattung leisten.

Zum Stichwort technische Errungenschaften meldet sich mit Heinrich Hetzer, Waidhofen/Thaya (willkommen im Tüftlerkreis!), ein Kenner des Fachs zu Wort. Er kann sich nicht nur als Universitätslektor, Technischer Rat und Diplom-HTL-Ingenieur bezeichnen, sondern trägt auch den altehrwürdigen Titel Seidenwebermeister. In den 1820er-Jahren, informiert der Spurensucher, wurden die sogenannten "Jacquardmaschinen durch wandernde Webergesellen ... in Wien bekannt". Mit diesem modernen Webstuhl konnten die Seidenweber Stoffqualitäten herstellen, "bei denen die Kettfäden durch die Maschine einzeln ausgehoben wurden." Das erlaubte "neue Zeichentechniken der Webpatrone. Es waren nun viel mehr Effekte bis hin zur feinen Abschattierung ... möglich."

Die Hausherrnsöhnl’n

Mit dem Aufschwung in der Webproduktion kam es auch zu Änderungen der Arbeitsbedingungen, wie bereits erwähnter Geschichtsfreund Beer ausführt: "In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . . . stieg der Bedarf nach ungelernten Arbeitskräften durch die Einführung von Maschinen in den Gewerbebetrieben stark an."

Dr. Harald Jilke, Wien 2, weiter: Um 1800 "waren rund 20 Prozent der Wiener Beschäftigten in der Seidenverarbeitung tätig. 1813, am Höhepunkt der Entwicklung, gab es rund 600 Fabrikanten und 235 Meister."

Über 8000 Webstühle zählte man in Wien. Schätzungen zufolge, so Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, waren es etwa 30.000 Menschen, die in den Fabriken schufteten.

Wie die vielen Arbeiterfamilien gewohnt haben - diese Frage lässt Dr. Manfred Kremser, Wien 18, an das Wienerlied "D’ Hausherrnsöhnl’n" denken, mit dem Refrain ". . . denn unser Vater is’ a Hausherr und a Seidenfabrikant". In der letzten Strophe entpuppt sich die Geschichte der vermeintlich vermögenden Sprösslinge als Aufschneiderei: "Von an Haus mit drei Stöck’ war bei uns doch ka Spur, in an Kabinettl g’haust hab’n ma nur ... Es is’ zwar unser Wieg’n am Brillantengrund g’lahnt, doch unser Vater war ka Hausherr und ka Seidenfabrikant".

Luxus in Kinderhänden

Schon genanntem Spurensucher Dr. Komaz kam ein Musikstück von Gerhard Bronner, interpretiert von Helmut Qualtinger, in den Sinn: Das "eher böse Lied mit der alten Engelmacherin vom Diamantengrund" (1957) handelt bekanntlich von einer Frau, die u.a. Schwangerschaftsabbrüche durchführte. Darin werden "vergangene Zeiten" besungen: "Sie hat viel Katastrophen verhindert, auch die Wohnungsnot hat sie sehr gelindert". Der Nussknacker fügt an, dass diese Anspielung auf den Quartiermangel "zugleich bissige Kritik" ist. "Wenn man nämlich die Anzahl der Familien der 30.000 Arbeiter" mit der geringen Fläche "in Relation setzt, so ist dies gar nicht anders möglich." Dieser Umstand führte zu hohen Mietpreisen, wobei "leicht vorstellbar ist, dass für deren Bezahlung ... auch die Kinder arbeiten mussten."

Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, stimmt zu: "In der Tat war Kinderarbeit in der Textilindustrie am weitesten verbreitet", da sich die "kleinen Hände am besten für die Maschinen" eigneten.

Ein Dokument aus 1821, das "über das schwere Leben" der Jugend Auskunft gibt, fand bereits zitierter Fährtenleser Beer: "Ein "Tabellarischer Ausweis über die Pflege und Erziehung der Kinder" in der Seidenzeugfabrik der Josepha Reckenschuss im Haus Schottenfeld 424", nun Kaiserstraße 71. In dem "Betrieb wurden drei Kinder beschäftigt, die beiden 13-jährigen Josef Rapony und Franz Gschweidl sowie der 14-jährige Leopold Glaubinger."

Aus dem Schreiben gibt Tüftler Beer sinngemäß wieder, "dass für jedes Kind ein Bett zur Verfügung stand. Die Bettwäsche wurde nur bei großer Verschmutzung gewechselt ... Einmal pro Woche erhielten die Kinder frische Kleidung und dreimal am Tag eine Mahlzeit". Die tägliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden.

Übrigens fehlt die "Unterschrift des Bezirksarztes", merkt Zeitreisender Beer an. Wohl ein Zeichen dafür, dass dieser "die Kinder schon länger nicht gesehen" hatte. "Das Leben der drei Buben war geprägt von harter Arbeit und Gebet. Es ist anzunehmen, dass die angegebenen zehn Stunden immer wieder überschritten wurden. Erst 1842 wurde die Maximalarbeitszeit für Neun- bis Zwölfjährige mit zehn Stunden und für Zwölf- bis Sechzehnjährige mit zwölf Stunden gesetzlich festgelegt ... Freizeit blieb den Kindern keine, ihr Leben wurde selbst an Sonn- und Feiertagen reglementiert." Da sie, abgesehen von Religionserziehung, "keinen Unterricht erhielten, ... blieben sie ungelernte Arbeiter ohne Aussicht auf Aufstiegsmöglichkeiten."

Teure Produktion

Schließlich setzte "nach den 1830er-Jahren ... eine Abwanderung der Seidenindustrie aus Wien ein", wie bereits zitierter Geschichtsfreund Erschbaumer, anmerkt. Ursache dafür war das Aufkommen von Dampfmaschinen, deren hoher Energieverbrauch nicht ausreichend gedeckt werden konnte. Die Donaumetropole wurde "als Produktionsstandort zu teuer".

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: Die "schwere Krise", in die die Industrie stürzte, trug zu einem guten Teil "zum Ausbruch der Revolution" 1848 bei.

Einen abschließenden Literaturtipp zur Bezirksgeschichte hält Alice Krotky, Wien 20, parat: "Am Neubau. Ein geschichtlicher und kultureller Rundgang durch den 7. Wiener Bezirk", verfasst vom ehemaligen Bezirksvorsteher Herbert Tamchina (1991-1998 im Amt), erschien dieses Jahr im Verlag Buchschmiede.

P.S. Recherchen zur Zusatzorchidee rund um den Gelehrten Johannes Cuspinian, u.a. von Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, sowie Herbert C. Eller, Mödling, folgen in der Jänner-Ausgabe.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky