Vor dem Jahre 1891 war eine Fahrt nach Spitzbergen ein großes Unternehmen, das nur wenigen Auserwählten gegönnt war. Wer früher in die Geheimnisse und Wunder der Polar-Eiswelt eindringen wollte, mußte entweder sein eigenes Schiff haben oder sich den Fährlichkeiten eines Walfängers oder Robbenschlägers anvertrauen, mit all den damit verbundenen Strapazen und Mühen.

Heute ist dies anders. Nicht nur daß seit zwei Jahren auf Spitzbergen ein kleines Touristenhotel erbaut ist, in der Advent-Bai unter 78°20’ nördlicher Breite, und von der Vesteralen-Gesellschaft (die Vesterålen sind eine Inselgruppe vor Norwegen, Anm.) im Sommer regelmäßige Fahrten dahin eingerichtet sind, fahren auch große luxuriös ausgestattete Hamburger Dampfer jährlich einige Male dahin, mit hunderten von Passagieren.

Das Verdienst, Spitzbergen der Touristenwelt erschlossen zu haben, gebührt in erster Linie dem bekannten Nordpolfahrer Capitän W. Bade (Wilhelm, 1843-1903, Anm.) in Wismar, der die Meere um Spitzbergen wie kein Zweiter kennt und 1891 als Erster die kühne Idee ausführte, mit Touristen nicht nur Spitzbergen zu besuchen, sondern auch noch weiter bis zum Rande des ewigen Polareises vorzudringen. Seitdem hat Bade diese Fahrten jährlich wiederholt und Vielen dadurch Gelegenheit geboten, eine Welt kennen zu lernen, die früher nur kühnen nordischen Fängern und Polarreisenden zugänglich war.

Touristen und Schaulustige vor dem Dampfschiff "Kong Harald" (im Jahr 1906). 
- © Bild (gemeinfrei): Norwegische Nationalbibliothek

Touristen und Schaulustige vor dem Dampfschiff "Kong Harald" (im Jahr 1906).

- © Bild (gemeinfrei): Norwegische Nationalbibliothek

Obwohl ich schon im Vorjahre eine Spitzbergen-Fahrt unternommen hatte, die (...) wegen ungünstigen Wetters nur mäßigen Erfolg hatte, kostete es mich nur einen kurzen Entschluß, heuer die Reise nochmals, und zwar mit Capitän Bade, zu unternehmen (...)

Champagner auf See

Am 2. August um Mitternacht fuhr der "Kong Harald" (kong = norweg. König; Harald hießen vier mittelalterliche Regenten in der Region, Anm.) von Hamburg ab. (...) Nach kurzem Aufenthalte bei Bejan (Station nahe Trondheim, Anm.) ging es, stets begleitet von den herrlichen Scenerien der norwegischen Küste mit ihren Scheren (= Schären, Anm.), rasch weiter nach Norden. Da passirten wir die merkwürdige Insel Torghättan mit einem 20 bis 75 Meter hohen natürlichen Tunnel, das Sieben-Schwestern-Gebirge, die Inseln Lekö, Vägen, Löwunden und andere. Bei den merkwürdigen Inseln Threnen und Hestmandö überschritten wir unter Musik, Kanonendonner und Champagnerknallen den Polarkreis 66½ am 6. August.

Nun erschien das mächtige, 70 Kilometer lange Firnfeld des Svartisen mit fast bis zur Meeresfläche herabsteigenden Gletschern. Darauf doublirten (= umrundeten, Anm.) wir das prächtige Cap Kunnen, zogen an Bodö mit dem mächtigen Sulitjelme und durch einen engen Canal an der schönen Insel Landegode vorbei.

Die Zähne der Lofoten

Darauf ging’s wieder hinaus in den offenen Vestfjord, und bald tauchte die lange Inselkette der Lofoten gleich einer Reihe von riesigen Zähnen mit ihren steilen und spitzen Bergen auf. Bei Lödingen traten wir in eine Reihe von engen Sunden und Fjorden ein, die uns nach Tromsö unter 69° 38’ führten. Ganz prächtige Hochgebirgsbilder stellten den Rahmen zu dieser Fahrt her.

Am Abend des 8. August erreichten wir die nördlichste Stadt der Welt: Hammerfest, 70° 40’. Hier blieben wir bis zum Morgen (...). Wir nahmen eine tüchtige Ladung an Kohlen und Trinkwasser und benützten die fast taghelle Nacht zu mannigfachen Spaziergängen und Ausflügen. Dann ging es wieder auf zwei Tage in die offene See hinaus, es begann die eigentliche Spitzbergen-Reise. Nun sollte uns durch neun volle Tage die Sonne nicht untergehen, und das reiche nordische Thierleben empfing uns.

Walfische, Robben und zahllose Vögel umgaben fast stets das Schiff. Am 9. passirten wir bei Nebel die Bären-Insel, 74° 50’, und am 10. sahen wir weit im Norden einen steilen Berg aufragen: die Südspitze von Spitzbergen, die mit Jubel begrüßt wurde.

Bei naßkaltem und nebligem Wetter fuhren wir längs der Südwestküste Spitzbergens bis in den Sund zwischen Prinz Karls-Vorland und der Hauptinsel hinauf und bogen hierauf, als es sich aufhellte, in den mächtigen Eisfjord, in welchem weit rückwärts die Advent-Bai liegt, hinein. Nun erst gewannen wir einen Einblick in die großartige Natur Spitzbergens. Kein Baum, kein Strauch, nur Moose und Flechten so wie niedrige Blüthenpflanzen bedeckten stellenweise den Boden. (...)

Prächtige Berge, die sofort an das Berner Oberland erinnerten durch ihre eben so schönen als steilen und kühnen Formen, bildeten die Nordseite des Einganges in den Eisfjord, und bald sah man riesige Firnfelder sich an einander reihen, mit kolossalen Gletschern, die mit ihren oft meilenbreiten Zungen in das Meer tauchten. (...) Festgebannt hing das Auge an all den Herrlichkeiten und war fast unangenehm überrascht - eben machte das Schiff eine Wendung - ein Haus, ein wirkliches Haus, in dieser einsamen Welt von Eis und Fels zu erblicken und Menschen und Zelte und Schiffe.

Hotel und Alpenmatten

Wir waren in der Advent-Bai angelangt, und vor uns lag die "Turistenhytten", das von der Vesteralen-Dampfschiffahrts-Gesellschaft in dankenswerther Weise erbaute "Hotel". Dasselbe liegt auf einer aus Felsgeschiebe aufgebauten flachen und breiten, mit einer tundraartigen Vegetation bedeckten Landzunge, welche von einem Gletscherbache bewässert wird, der aus einem dahinter liegenden engen Thale kommt.

Es giebt kaum einen Punkt auf ganz Spitzbergen, auf welchem man so leicht einen so vollständigen Einblick in den Charakter der hocharktischen Vegetation erhält, wie hier. Der Laie, der hier seinen Fuß ans Land setzt, wird ebenso wie der geschulte Botaniker überrascht von der Blumenpracht und der Fülle der Zwerg-Vegetation, die sich hier auf engem Boden zusammendrängt. Aehnlich unseren hochgelegenen Alpenmatten mit ihren Blüthenteppichen ist hier der theils sandige, theils lehmige und sumpfige Boden unmittelbar am Meeresniveau mit einer Fülle von schönen Blumen, Moosen und Flechten bedeckt, die das Staunen des Reisenden hervorrufen. (...)

Seehunde auf Schollen

Nach kurzer Fahrt, auf der wir einige der merkwürdigsten Bergformen Spitzbergens kennen lernten, wie den aus mächtigen horizontal gelagerten Trias-Schichten bestehenden Tempelberg, ankerten wir am 12. Abends (...). Am nächsten Morgen wurde (...) eine großartige Boottour zu dem gewaltigen Gletscher gemacht, der im Norden mit an 30 Meter hohen, prächtig blauen Eiswänden direct ins Meer taucht. Niemals ist mir die Wirkung der reinen nordischen Luft so klar geworden wie hier. (...)

Ich habe niemals eine interessantere Fahrt gemacht. Die anfangs spiegelglatte See schäumte bald mächtig unter dem Einflusse eines heftigen localen Fjordwindes, und gefährlich schien die Fahrt in den hoch auf- und absteigenden Booten. Bald tauchten die ersten Eisschollen und Berge auf, und endlich geriethen wir, bereits gänzlich durch die hereinschlagenden Wellen durchnäßt, in so dichtes Treibeis, daß der kleine Dampfer halten mußte. (...)

Hie und da tauchte ein Seehund auf und ruderten Seemöven und andere nordische Vögel um uns herum. Nachdem wir dieses grandiose Schauspiel zur Genüge genossen hatten, traten wir den Rückweg zum "Kong Harald" an. (...)

Nun dampften wir, vom schönsten Wetter begünstigt, zurück, machten einen kurzen Abstecher in die Advent-Bai, und dann ging es hinaus nach Norden. Noch ein Mal zog das erhabene Wandel-Panorama des Eisfjords an uns vorbei, Gletscher um Gletscher verschwanden, im Westen dämmerte das prächtige Prinz Karls-Vorland auf und, fast überreizt durch das Erlebte, zog man sich zur Ruhe zurück.

Dieses Feuilleton erschien am 11. November 1897 unter dem Titel "Eine Fahrt nach Spitzbergen und dem ewigen Polareise" in der "Wiener Zeitung". Der Text (hier gekürzt in Original-Rechtschreibung) war der Beginn eines Reiseberichts über eine insgesamt einmonatige Rundfahrt 1897 von Hamburg zur Nordküste Spitzbergens und zurück. (Zwischentitel und Absätze sind für die moderne Wiedergabe hinzugefügt.) Im Original kann der zweiteilige Artikel auf ANNO nachgelesen werden (Teil 1 und Teil 2).

Verfasst wurden die Zeilen vom altösterreichischen Botaniker Prof. Dr. Franz Ritter v. Höhnel (1852-1920) über seine Fahrt an Bord des Dampfers "Kong Harald", der 1890 in Dienst gestellt und 1954 abgewrackt wurde. beo