Hofnachrichten sind alles andere als packende Lektüre? Locken keinen Hund hinter dem Ofen hervor? Stimmt - aber nicht immer! In unserem Blatt war diese Rubrik vor drei Jahrhunderten ein absolutes Muss. Ausgabe für Ausgabe hatte das "Diarium" gewissenhaft zu verzeichnen, womit die Angehörigen der kaiserlichen Familie den lieben langen Tag beschäftigt waren. Etwa, welche Messe die Erzherzoginnen besuchten oder welche Standesperson der Regent zu ehren geruhte, um nur zwei Beispiele zu nennen. Neben dem informativen und kurzweiligen Auslandsteil, den die Redaktion gestaltete, sorgten die Aufzeichnungen des kaiserlichen Alltags wohl bei vielen Leserinnen und Lesern eher für Gähnen.

Doch es gibt Ausnahmen. So stößt man in der Nummer vom 27. Januarii 1723 auf einen bemerkenswerten Hofbericht vom Vortag.

Ohne besondere Vorkommnisse war für Karl VI. noch der Vormittag des 26. Jänner verlaufen, an dem er, wie so oft, dem geheimen Raht beygewohnet, d.h. mit seinen Beratern über Regierungsgeschäften gebrütet hatte; nachgehends aber wurde Ihro Majestät eine Botschaft beygebracht, die das Herz des Regenten wohl höher schlagen ließ: Man hatte in einem Wald bey Manswert (...) 5. Wölfe (der Punkt ist Stil der Zeit und nicht mitzulesen) gesichtet. Noch dazu war darunter einer von sonderlicher Grösse! Schleunigst verfügten Sich höchst-gedachte Majestät nach der Tafel Richtung Mannswörth, südöstlich von Wien.

Karl VI. war es gewohnt, massenhaft Tiere zur Strecke zu bringen. Bei den oft als Spektakel inszenierten Jagden trieb man ihm das Wild scharenweise vor die Flinte. Seine ebenfalls jagdbegeisterte sowie zielsichere Gemahlin Elisabeth Christine begleitete den Kaiser häufig. Üblicherweise mussten Hirsche, Wildschweine, Fasane etc. ihr Leben lassen. Wölfe hingegen waren eine Rarität.

Nach dem Essen ging der Kaiser auf Wolfsjagd. Details dazu konnte man am folgenden Tag, dem 27. Jänner 1723, im "Wienerischen Diarium" lesen. 
- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Nach dem Essen ging der Kaiser auf Wolfsjagd. Details dazu konnte man am folgenden Tag, dem 27. Jänner 1723, im "Wienerischen Diarium" lesen.

- © WZ-Faksimile: M. Szalapek

Mit den Raubtieren hatten weder Bauersleute noch der Adel eine Freude. Die einen bangten um ihr Vieh, die anderen wollten das Wild in ihren Wäldern nicht mit dem pelzigen Beutegreifer teilen. Schreckensmeldungen über kolportierte Angriffe auf Menschen trugen nicht zur Beliebtheit der Vierbeiner bei. Auch das "Diarium" brachte manche Horrornachricht. Am 19. Jänner 1729 hieß es z.B., daß durch die Wölfe hin und wieder auch Menschen (...) verzehret werden. So habe man kürzlich bei Stockerau in Stiefeln noch die Füsse von einem Mann gefunden. Ob es sich tatsächlich um das Opfer eines Wolfes handelte oder man es diesem in die Schuhe schob?

Mannswörth und Umgebung auf Kartenausschnitt, ca. 1730.  
- © Bild (gemeinfrei): farbl. bearb.

Mannswörth und Umgebung auf Kartenausschnitt, ca. 1730. 

- © Bild (gemeinfrei): farbl. bearb.

In den Augen Karls VI. stellte das Auftauchen der fünf Wölfe im Jänner 1723 eine willkommene Abwechslung dar (die er sogar in seinem Tagebuch notierte). Seine Majestät, so das "Diarium" weiter, erlegten 3. davon, ein weiteres Tier wurde angeschossen und entwischte verletzt.

Danach kehrte der Kaiser wieder zurück nach Wien. Abends stand nämlich Musikgenuss, die zweite große Leidenschaft des Habsburgers, auf dem Programm: nachdeme Sich Ihre Kaiserl. Majestät wieder in Dero Burg alhier eingefunden / wurde auf dem kleinen Theatro daselbst eine sehr schöne (...) Tragi-Commedie zum erstenmal vorgestellet.

Neben dem Hof-Poeten Pietro Pariati (1665-1733) als Librettist des uraufgeführten Werks über den sagenhaft reichen König Krösus wird Cammer-Compositore Francesco Conti (1682-1732) erwähnt, der den Text in Music übersetzte. Beide Italiener konnten aufatmen, stieß das Werk laut "Diarium" doch auf Allergnädigstes Wolgefallen.

Die Eltern der späteren Regentin Maria Theresia, Karl VI. (1685-1740) und Elisabeth Christine (1691-1750), gingen beide gern auf die Jagd.  
- © Bilder (Ausschnitte): Wien Museum, Birgit & Peter Kainz

Die Eltern der späteren Regentin Maria Theresia, Karl VI. (1685-1740) und Elisabeth Christine (1691-1750), gingen beide gern auf die Jagd. 

- © Bilder (Ausschnitte): Wien Museum, Birgit & Peter Kainz

In den Wäldern um Mannswörth war die Arbeit nach dem Aufbruch des Kaisers und seines Gefolges noch lange nicht getan, musste doch der fünfte, unversehrte Wolf samt dem Verletzten von denen Jägern aufgesucht werden.

Wie Wolfsjagden in der Frühen Neuzeit vonstatten gingen, schilderte Historiker Martin Scheutz in einem 2001 publizierten Artikel. Eine Möglichkeit war, dass man "Luder", also Köder, auslegte, worauf das angelockte Tier aus einem Versteck heraus geschossen wurde. Teils kamen auch Wolfsgruben zum Einsatz, also tiefe Löcher, aus denen sich Isegrim nicht selbst befreien konnte.

Sollten mehrere Exemplare auf einmal erlegt werden, versah man laut einer frühneuzeitlichen Chronik "das dickeste Gebüsche mit Netzen". Darin sollten sich die "mit Geschrey und Trommelschall" aufgehetzten Tiere verheddern. Den Rest erledigten die in größerer Anzahl zur Mithilfe verpflichteten Untertanen mit Prügeln.

Kein Wunder, dass die Teilnahme an den oft langwierigen Wolfsjagden bei vielen Untertanen großen Unwillen hervorrief. Wie einer zeitgenössischen Quelle zu entnehmen ist, fiel es manchen sogar ein, "die Wölf durch das Schiessen, und in andere Weg boshafter Weis zu versprengen".

Ob die Jäger die beiden Wölfe in Mannswörth anno 1723 fanden oder ob diese entkommen konnten, ist nicht bekannt.

Kopfnuss: Aus welcher Familie stammte die Kaiserin Elisabeth Christine? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)