Eine Bücherkiste aus dem väterlichen Nachlass sollte das Leben eines aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Wiener Knaben für immer verändern. Brigitte Schlesinger, Wien 12, wirft einen Blick auf den Inhalt: "Er fand da Werke von Shakespeare und Schiller", von Lessing und August Wilhelm Schlegel, die "Poetik" von Aristoteles und "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift, Bücher zur Weltgeschichte etc.

Erfolgsautor Ludwig Anzengruber (1839-1889).  
- © Bild (gemeinfrei): Archiv

Erfolgsautor Ludwig Anzengruber (1839-1889). 

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Der Name des Buben: Ludwig Anzengruber. Der spätere Erfolgsschriftsteller und Mitbegründer des heutigen Volkstheaters in Wien war in Frage 2 der Nro. 436 gesucht. Die Gemeine begab sich auf Spurensuche.

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram, zum Lebensweg: Der "aus einer oberösterreichischen Bauernfamilie" stammende Ludwig Anzengruber wurde 1839 in der Wiener Vorstadt Alsergrund geboren. Er war "fünf Jahre alt", als sein Vater Johann Nepomuk, ein Hofbuchhalter, 1844 starb.

Bereits erwähnte Nussknackerin Schlesinger zum Senior: Er war neben seinem Brotberuf auch Literat und "arbeitete die Nächte durch" an "einer Reihe - niemals gedruckter - Dramen". Nur sein Werk "Berthold Schwarz" wurde 1840 in Ofen (nun Teil Budapests) aufgeführt. Er dürfte sich "zu viel zugemutet" haben und erlag 34-jährig wohl einer Gehirnhautentzündung.

Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22: Seine Frau Maria, geborene Herbich (mehrere Schreibungen überliefert), "hatte Schwierigkeiten, von ihrer bescheidenen Witwenrente zu leben". Sie und ihr Sohn hielten sich v.a. durch "Ersparnisse von Ludwigs Großmutter" über Wasser, "die aber 1854 starb. Aufgrund der prekären finanziellen Situation" musste der Bub "die Oberrealschule . . . abbrechen" und begann eine Lehre bei einem Buchhändler.

Harry Lang, Wien 12, weiter: "1859/60 schloss er sich als Schauspieler einer Wandertruppe" an (seine Mutter begleitete ihn). Als Bühnenschriftsteller begann "seine Karriere . . . am Theater an der Wien, wo er mit seinem Volksstück "Der Pfarrer von Kirchfeld" einen durchschlagenden Erfolg verzeichnete (1870)." Wie Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, anmerkt, sorgte das Drama für einen Skandal in klerikalen Kreisen, die den Priesterstand herabgewürdigt sahen.

Sein erstes Werk nennt Manfred Bermann, Wien 13: "Der Telegraphist im Nachtdienst". Der Einakter wurde 1866 im Harmonietheater am Alsergrund uraufgeführt, noch unter dem Pseudonym Ludwig Gruber. Dass er einmal, so Gerhard Toifl, Wien 17, als "bedeutender realistischer Dramatiker des österreichischen Volksstücks" Literaturgeschichte schreiben würde, war noch nicht abzusehen.

Spätere Erfolge Anzengrubers gibt Mag. Thomas Krug, Wien 1, an: "Der Meineidbauer" und "Die Kreuzelschreiber".

Zu "Das vierte Gebot" (1878) kommt Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22. Das Werk setzt sich kritisch mit der Pflicht, Vater und Mutter bedingungslos zu ehren, auseinander. Der Spurensucher erinnert sich selbst "noch an eine Aufführung . . . im Volkstheater", bei der "spontaner Applaus" nach einer vielzitierten Schlüsselstelle einsetzte. Sie lautet: "Wenn du in der Schul’ den Kindern lernst: "Ehret Vater und Mutter", so sag’s auch von der Kanzel den Eltern, daß s’ darnach sein sollen."

Weniger Logen

Apropos Volkstheater, das mit Anzengruber in enger Verbindung steht. Johann Grabner, Linz, merkt an, dass die Bühne "zu Beginn den Namen "Deutsches Volkstheater"" trug. Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Die Bezeichnung "wurde zur Unterscheidung von anderen Nationalitäten der Donaumonarchie . . . gewählt". Das Haus sollte "bürgerliches Gegenstück zum kaiserlichen Hoftheater sein."

Bürgerliches Pendant zum Hofburgtheater war das hier abgebildete "Deutsche Volkstheater".  
- © Bild (gemeinfrei): Archiv; Schmuckfarbe: Moritz Szalapek

Bürgerliches Pendant zum Hofburgtheater war das hier abgebildete "Deutsche Volkstheater". 

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Das spiegelte sich auch in der Bauweise wider, ergänzt Maria Thiel, Breitenfurt: Es gab "weniger Logen", dafür war "das Parkett wesentlich größer".

Helmuth A. W. Singer, Wien 13: Der von den Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer geplante Bau wurde in der "Nachfolge des (1884, Anm.) abgebrannten Stadttheaters errichtet". Ein "Wiederaufbau der zerstörten Bühne", so Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz, war "wegen des neuen Theatergesetzes" aus Brandschutzgründen unmöglich. Demnach, ergänzt Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, mussten "die Theater nach allen Seiten freistehen".

"Als Standort", notiert Herbert Beer, Wolfpassing, "wurde der Weghuberpark zwischen den kaiserlichen Stallungen und dem Palais Trautson ausgewählt". Herbert C. Eller, Mödling, weist darauf hin, dass der neue Musentempel "ausschließlich elektrisch beleuchtet wurde" - ebenfalls eine Vorschrift, um Brände zu verhindern.

Ludwig Anzengruber, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, war "gemeinsam mit dem Industriellen Felix Fischer Gründervater des Deutschen Volkstheaters". Dr. Harald Jilke, Wien 2, ergänzt mit "Möbelfabrikant Franz Thonet" einen weiteren Initiator.

"Versehen" der Zensur

Einer breiteren Bevölkerung sollten "neben dem Volksstück" auch "klassische und moderne Dramen" nahegebracht werden, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March; Voraussetzung dafür waren "ein großer Zuschauerraum" und "erschwingliche Preise".

Zum Genre des Volksstückes notiert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, dass er sich "noch gut und gerne an Aufführungen in den . . . Direktionen Leon Epp (1952-1968) und Gustav Manker (1968-1979)" erinnert. "Dann wurde es immer stiller um diese Volksstücke".

Eröffnet wurde das Volkstheater 1889 mit Anzengrubers "Der Fleck auf der Ehr’". Dazu merkt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, an: Die Zensur nahm "mehrere Streichungen" vor, "z.B. durften keine Amtstitel verwendet werden!" Aufgeführt wurde das Stück aber "ohne die Änderungen". Als "Versehen" wurde das in einem "Bericht an die vorgesetzte Dienststelle" bezeichnet. Anzengruber scheint bei der Zensur "einen Stein im Brett gehabt zu haben, vielleicht noch von seiner" kurzzeitig ausgeübten "Tätigkeit als Polizeischreiber". Oder waren die Zensoren "Theaterliebhaber, die ihre kleinliche Tätigkeit selbst nicht mehr allzu ernst nahmen"?

Dem Theaterzettel der Premiere entnahm Dr. Manfred Kremser, Wien 18, dass es ein besonderes Service gab: Es wurde "für die P.T. Theaterbesucher nach Schluß der Vorstellungen Omnibusse nach verschiedenen Richtungen bereit" gehalten. Man konnte "in sämmtlichen Garderoben des Theaters Omnibus-Fahrkarten" kaufen.

Dr. Alfred Kopecek, Wien 2: "Anzengruber hat die Eröffnung . . . nicht lange überlebt". Er starb wenige Wochen später "am 10. Dezember 1889 im Alter von 50 Jahren". Die Todesursache nennt Helmut Erschbaumer, Linz: Er erkrankte "an Milzbrand" und erlag dann einer Blutvergiftung.

Zu guter Letzt holt Alice Krotky, Wien 20, die mit dem Volkstheater eng verbundene Dorothea Neff (1903-1986) "vor den Vorhang": Die Schauspielgröße, "die bis ins hohe Alter . . . brillierte", war auch eine "Heldin, die ihrer damaligen Lebensgefährtin, der jüdischen Bühnenbildnerin Lilli Wolff, das Leben rettete, indem sie sie während der Nazizeit . . . in ihrer Wohnung versteckte".

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner