Wien befand sich Anfang des 16. Jahrhunderts an einer Zeitenwende. Kaiser Maximilian I. (1459- 1519) sah sich mit dem Königreich Ungarn konfrontiert, das unter Matthias Corvinus (1443-1490) aufgeblüht war. Nach dessen Tod regierten mächtige Kontrahenten Habsburgs das Reich der Magyaren: die Vertreter der polnisch-litauischen Dynastie der Jagiellonen (auch Jagellonen) in Personalunion mit Böhmen. Gleichzeitig stritten die Regenten Europas um die Vorherrschaft, während weiter im Osten das Osmanische Reich erstarkte. Und schließlich sorgte der abendländische Siegeszug in Amerika und der damit verbundene Zustrom von Rohstoffen für eine neue wirtschaftliche Ordnung.

Maximilian, der seit 1493 über Österreich und die habsburgischen Erblande herrschte, reagierte schlau: Er umgab sich mit Gelehrten, die sein Bestreben nach Machtausbau förderten. Zu einem dieser Berater recherchierte die Gemeine anlässlich der Zusatzorchidee der Nro. 436.

Spießheimers Aufstieg

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, über den Gesuchten: "Johannes Cuspinian wurde als Sohn eines Ratsbürgers von Schweinfurt (in Franken, nördlich von Würzburg) ebendort im Jahr 1473 geboren. Sein wirklicher Familienname war Spießheimer". Die Umbenennung folgte der "bei Humanisten jener Epoche "üblichen" Latinisierung" (das Wort cuspis bedeutet u.a. Spieß). Seine "Lern- und Wanderjahre ... führten ihn über Leipzig und Würzburg 1492 zum Studium nach Wien. Hier wurde er ... zum doctor artium und 1499 zum doctor medicinae promoviert."

Darüber hinaus trat er, so Ing. Helmut Penz, Hohenau an der March, in "humanistischen Zirkeln ... als Dichter, vor allem aber als Herausgeber antiker Texte" hervor. Einer der zeitweise von ihm geleiteten Klubs war die 1497 gegründete, einflussreiche "Sodalitas (litteraria) Danubiana", d.h. die (literarische) Donaugesellschaft. Ihren Sitz hatte sie in Cuspinians Haus in der Singerstraße (nun Wien 1, bei der heutigen Nummer 10.)

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, führt weitere Höhepunkte aus der Bilderbuchkarriere des Intellektuellen an: Er war "1497- 1499 Schulmeister zu St. Stephan. 1500 wurde er Rektor der Wiener Universität", in den Jahren danach war er zeitweise "Dekan der medizinischen Fakultät". Danach war er bis an sein Lebensende 1529 "Superintendent der Universität", also der Vertreter kaiserlicher Interessen an der Institution. Dr. Harald Jilke, Wien 2, schließt an: "Im März 1508" erhielt er zudem die "Lehrkanzel für Poetik und Rhetorik." Schließlich wurde er "im Sommer 1510 ... als kaiserlicher "Orator" (= Gesandter, Anm.) in Ungarn" eingesetzt. Für seine Tätigkeiten als Arzt und Hochschullehrer blieb ihm kaum noch Zeit.

Der filigrane Stich, den Albrecht Dürer ca. 1515 anlässlich der Doppelhochzeit anfertigte, zeigt links Kaiser Maximilian neben seiner 9-jährigen Enkelin Maria. In der Mitte König Wladislaw II. mit seinen Kindern Ludwig (mit 9 Jahren) und der 12-jährigen Anna sowie seinem Bruder König Sigismund I.  
- © Bild: Albertina, Wien; gemeinfrei. Schmuckfarbe: Ph. Angelov

Der filigrane Stich, den Albrecht Dürer ca. 1515 anlässlich der Doppelhochzeit anfertigte, zeigt links Kaiser Maximilian neben seiner 9-jährigen Enkelin Maria. In der Mitte König Wladislaw II. mit seinen Kindern Ludwig (mit 9 Jahren) und der 12-jährigen Anna sowie seinem Bruder König Sigismund I. 

- © Bild: Albertina, Wien; gemeinfrei. Schmuckfarbe: Ph. Angelov

Cuspinian bewies sich als ausgesprochen fähiger Diplomat. Dass er genau um die Macht einflussreicher Verbindungen wusste, zeigt wohl auch seine eigene Ehe, durch die er allerhand Kontakte knüpfen konnte. Brigitte Schlesinger, Wien 12, merkt dazu an: "1502 heiratete er die 17-jährige Anna Putsch ..., Tochter des kaiserlichen Kammerdieners Ulrich Putsch, ... Schwester des Johann Putsch, der 1503 Probst von St. Stephan in Wien und als solcher Vizekanzler der Universität wurde, und Großnichte des Brixener Bischofs Ulrich II. ... Anlässlich der Heirat ließ Cuspinian von ... Lucas Cranach d.Ä. ... ein Bildnispaar von sich und seiner Frau malen" (s. Gemälde ob.). 1513 starb Anna und hinterließ "drei Söhne und vier Töchter (nach anderer Quelle: acht Kinder)".

Ass am Kongress

Ein Jahr nach dem Tod der Gattin vermählte sich der Witwer erneut, mit Agnes Stainer. Zu dieser Zeit schlug Cuspinian aber auch in seinen amtlichen Tätigkeiten ein neues Kapitel auf, nämlich mit dem 1515 abgehaltenen "Ersten Wiener Kongress", wie Mag. Elisabeth Huberger, Wien 22, festhält: Bei dem "Wiener Fürstentag ... handelte es sich um ein Treffen", das Kaiser Maximilian I. einberufen hatte, um das "Vorgehen gegen die als Feinde angesehenen Türken zu besprechen."

Gerhard Toifl, Wien 17, nennt die Namen der wichtigsten Teilnehmer, die "aus der Dynastie der Jagiellonen" stammten: "Die Brüder Wladislaw II. (König von Böhmen und Ungarn) und Sigismund I. (König von Polen-Litauen)".

Die Geschwister waren erbitterte Rivalen der Habsburger und stellten Ansprüche auf christliche Gebiete in Osteuropa. Helmut Erschbaumer, Linz, weiter: Entscheidend war "die Nachfolge König Wladislaws II.", die Maximilian im Sinne Habsburgs absichern wollte. Gewitzt hatte er im Vorfeld "ein Bündnis mit dem Großfürsten von Moskau" geschlossen, einem Feind des Polenkönigs. Dadurch hatte Maximilian während des Fürstentages 1515 ein Ass im Ärmel: Er bot Sigismund an, Russland nicht mehr zu unterstützen.

Im "Congressus" hielt Cuspinian die Ereignisse von 1515 fest.  
- © Bild: Faksimile/gemeinfrei

Im "Congressus" hielt Cuspinian die Ereignisse von 1515 fest. 

- © Bild: Faksimile/gemeinfrei

Details zu den Verhandlungen und Plänen sind bekannt, da Cuspinian penibel Buch darüber führte. Bereits erwähnte Zeitreisende Mag. Huberger verweist auf seine offizielle "Beschreibung des Kongresses" (s. Faksimile r.) mit dem Titel "Congressus ac celeberrimi conventus Caesaris Max. et trium Regum Hungariae, Boemiae, et Poloniae. In Vienna Panoniæ, mense Iulio. Anno M.D.XV. facti, brevis ac verissima descriptio", kurz gesagt: Zusammenkunft zwischen Kaiser Maximilian I. und den Königen von Ungarn, Böhmen und Polen in Wien 1515. Zusätzlich führte der Gelehrte Tagebücher und verfasste weitere Schriften, die noch erhalten sind.

Einen wesentlichen politischen Schachzug erwähnen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: "Das Projekt einer Doppelheirat zwischen den Enkeln des Kaisers und den Kindern König Wladislaws". Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, hält fest: Cuspinian "wirkte maßgeblich" an dieser "habsburgisch-jagellonischen Doppelhochzeit" mit.

Verlobte Kinder

Details liefert Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Vermählt bzw. verlobt werden sollten "Maximilians Enkel Ferdinand (1503-1564) und Maria (1505-1558)" mit den Kindern Wladislaws II., "Anna (1503-1547) und ... Ludwig (1506-1526)."

Mit diesen Ehen sollte der Machtanspruch der Habsburger gesichert werden. Herbert Beer, Wolfpassing, merkt an: "Bei den eigentlichen Verhandlungen über die Heiratsverträge" fand sich Maximilian jedoch in einer verzwickten Lage. Er konnte "keine bindende Zusage für einen seiner beiden Enkel machen", weil noch nicht sicher war, ob andere Bündnisse Vorrang haben könnten. So erklärte der Regent, dass er sich mit "Anna in Stellvertretung" verlobe. "Sollte ein Ehevertrag mit einem seiner Enkel binnen eines Jahres nicht zustande kommen, würde er Anna selbst zur Frau nehmen."

So gab die 12-jährige Braut dem 57-jährigen Maximilian das Eheversprechen, heiratete aber etwa ein Jahr später den zugesagten Ferdinand. Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, über diesen weitreichenden Vertrag: Diese Doppelhochzeit "begründete ... den österreichischen Anspruch auf Ungarn." Herbert C. Eller, Mödling: Das war "eine wichtige Voraussetzung für die Weltmachtstellung Österreichs" in den folgenden Jahrhunderten.

Die neue Regelung zur Erbfolge fand auch sehr rasch Umsetzung. Schon erwähnter Tüftler Dr. Litschauer: Bereits 1526 fiel Ludwig "in der Schlacht von Mohács" gegen die Osmanen - "kinderlos". Nach den Verträgen vom Kongress kamen damit die Kronen Ungarns und Böhmens "an das Haus Habsburg in der Person Ferdinands I."

Der Plan ging also auf: Die Herrschaft lag in den Händen der Habsburger.

Von der Muse geküsst

Die Arbeit Cuspinians wurde gebührend honoriert. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, dazu: Noch 1515 belohnte der Kaiser dessen Verdienste "mit der Ernennung zum Wiener Stadtanwalt, in welcher Funktion er die kaiserlichen Interessen gegenüber den städtischen Behörden zu vertreten hatte."

Dieses Amt übte Cuspinian bis zu seinem Tod aus. Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Er starb "am 19. April 1529 in Wien". Bestattet wurde der verdienstvolle Mann im Wiener Stephansdom. In der Kreuzkapelle können Nachgeborene das "Epitaph aus Adneter Rotmarmor mit den Halbreliefs Cuspinians" zwischen "seiner ersten Frau Anna Putsch" sowie "seiner zweiten Frau, Agnes Stainer, sehen." (NB: Aufmerksame Leserinnen und Leser der "WZ" haben das Foto des Reliefs vielleicht in Johann Werfrings "Wienquiz" vom 16. Dez. 2022 entdeckt.)

Die deutsche Wiedergabe der lateinischen Inschrift liefert Nussknacker Dr. Kremser mit: "Ich pflegte zuerst die Musen und die Künste des Apoll, denn ich war einst gleichzeitig Mediziner und Dichter. Später erhob mich, der ich noch zu höherem geboren war, der Kaiser und verlieh mir das Amt des Stadtanwalts. Bloß diese Worte sollen die Inschrift auf unserem Grab sein: / Einst lebte ich. Cuspinianus bin ich gewesen. / Einige Schriftdenkmäler der unermesslichen Geschichte hinterließ ich / In diesen wird Cuspinianus stets lebendig sein."

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky