Unser Zeitalter hat die Aufklärung und den Fortschritt auf seine Fahne geschrieben, es arbeitet mit dem Mikroskop und mit dem Fernrohre, mit dem Dampfe und mit der Elektricität; riesig entwickelt sich die Detailforschung auf allen Gebieten des Wissens, Alles wird beobachtet, gewogen und gemessen, die Körper so gut wie die Ideen, denn überall soll der bloße Glaube, die Annahme, der nüchternen Erkenntniß weichen; unermeßlich schier wird der Bereich der technischen Erfindungen, schaffende und zerstörende Naturkräfte werden dem Menschengeiste dienstbar (...).

Auch das Handlesen ist ein Phänomen aus der Sphäre des Aberglaubens (hier ein französischer Druck des 19. Jahrhunderts).  
- © Bild (gemeinfrei): Archiv; Repro & Schmuckfarbe: Moritz Szalapek

Auch das Handlesen ist ein Phänomen aus der Sphäre des Aberglaubens (hier ein französischer Druck des 19. Jahrhunderts). 

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Aber gemach, gemach - seien wir nicht überschwänglich im Selbstbewußtsein, es so herrlich weit gebracht zu haben. (...)

Noch lebt und webt im Bauernstande der vielgestaltige Aberglaube wie vor Jahrhunderten trotz aller Pfennigliteratur der Aufklärung und ihrer rüstigsten Verbündeten: der Tagespresse. Die Einen lesen das "gedruckte Zeug" nicht, was aus der Stadt kommt, die Anderen lesen es wohl, meinen aber halb ärgerlich, halb pfiffig lächelnd: Schreibt, was ihr wollt, wir wissen es doch besser, ’s ist und bleibt doch so wie zu Vaters und Großvaters Zeiten. Denn der Glaube ist ein starker Held, sein Zwillingsbruder jedoch, der Aberglaube, ein unbezwinglicher Riese, und dessen Amme, die Dummheit, die stärkste Göttin, denn alle anderen Götter kämpfen bekanntermaßen wider sie vergeblich. - Aber bleiben wir beim Bauer nicht stehen, dessen Aberglaube so manchen poesiereichen Abglanz vorchristlichen Glaubens, so manchen rührenden Zug kindlicher Naturanschauung, ein Stück gemeinmenschlicher Naturreligion birgt; leuchten wir dem Aberglauben des Stadtbewohners, nicht nur des Proletariers, sondern des halbgebildeten Klein- und Spießbürgers, ins Gesicht, (...) - steht es da etwa besser? Beileibe nicht; der Boden der Stadt und ihre Luft begünstigen den Safttrieb und die Blüthe des Aberglaubens ungemein, denn die Vorurtheile und Leidenschaften der städtischen Volksmenge steigern sich durch den mühevolleren Kampf um das Dasein und durch den Einfluß, welchen auf sie die Speculation, das Glücksritterthum (...) übt.

Unheil am Wochenende

Nicht bloß im physischen Sinne ist die Luft der Stadt durch Dünste und Rauchwolken verpestet oder wenigstens unrein und drückend gemacht, auch im moralischen bietet die städtische Atmosphäre des schlecht athembaren Nebels gewisser Miasmenschichten genug; je näher dem Boden, desto erstickender wird sie.

Ich meine da nicht allein den Aberglauben im Gewinnstspiele, besonders in der Lotterie, mit dem Traumbuche als dem Hauptrecepte (...); nicht bloß den religiösen Aberglauben, welcher in der Andächtelei und im lichtscheuen Pharisäerthum verschiedener frommer Bruderschaften und Innungen üppig gedeiht und oft genug das ernste Possenspiel des Ausgebeutetwerdens einerseits der Dummen, andererseits der Gemüthskranken durch den Eigennutz roher Pfiffigkeit im Gefolge hat (...).

Lenken wir unser Augenmerk auf eine andere Thatsache. Ich kenne manche gründlich gebildete Persönlichkeit, welche vor dem Freitag eine abenteuerliche Scheu hegt und ihn, was Unternehmungen, Reisen u. dgl. betrifft, für einen ausgemachten Unglückstag hält. Ja eine darunter vermied es sogar, wenn sie zufällig von einer Reise Freitags heimkehrte, die eigene Behausung zu betreten, sondern zog es vor, um von der letzteren jedes Unheil abzuwehren, im Gasthause Quartier zu nehmen und erst Samstag in das eigene Heim einzurücken. Daß den Müttern der Gegenwart, gewiß nicht allen, der Tag gleichgültig ist, an welchem ihr Sprößling zur Welt kam, daß die Sonntags-Kinder noch immer für glücklicher gelten als die, welche Freitags den kargen Freuden und reichen Leiden des Daseins entgegengebracht werden, bedarf keines Beweises. Ganz bestimmt aber wirkt in weitesten Kreisen der gewohnheitsmäßige Aberglaube, was den dreizehnten Tischgast betrifft.

"Alle guten Dinge . . ."

Alles dies entquillt der uralten Vorstellung der Menschheit von dem Geheimnisse und der magischen Gewalt der Zahl (...). "Ueber die gezählten Dinge hat der Satan Gewalt", sagen die talmudischen Kabbalisten kurzweg und die uns geläufige Phrase: "Seine Tage sind gezählt", enthält nicht bloß den naheliegenden Gedanken, daß diese wenigen Tage leicht zu zählen sind, sondern bezieht sich auf die uralte Vorstellung, daß in der Zahl, im Maße der Dinge, Tod und Vernichtung stecke. (...)

Jene orientalisch-abendländischen Vorstellungen von der geheimnißvollen Macht der Zahl, welche insbesondere bei den Römern und talmudistischen Juden als ein förmliches System der Glücks- und Unglückstage auftreten und mit den religiösen Vorstellungen der verschiedensten Völker sich verschmolzen, zeigen sich im Mittelalter allerwärts wirksam. Im Allgemeinen galten die geraden, theilbaren Zahlen für unheilbringend, die ungeraden, untheilbaren in der Regel als Glückszahlen oder durchwegs als bedeutungsvolle Zahlen.

Eins war also Glückszahl und demzufolge um so mehr der Sonntag als erster Tag der Woche und zugleich als regelmäßiger Feiertag der Christenheit. Der Montag dagegen, in seiner altdeutschen Benennung der mondgeweihte, als zweiter Wochentag galt für bösem Zauber ausgesetzt, denn die Zweiheit ist unheilvoll; Dinstag (sic), der dritte in der Wochentagsreihe, erschien günstig, denn drei ist die Gotteszahl; sie verbindet die Zweiheit, das Unvollkommene mit der Einheit, dem Vollkommenen; und wahrhaftig, sie beherrscht das Denken und Empfinden aller Völker; schon der gemeingültige Spruch: "Alle guten Dinge sind drei" spiegelt das ab. Ungünstig als der vierte Wochentag gilt der Mittwoch, in seinem lateinischen Namen der Tag Mercurs, des Gottes der Diebe, des Truges und Zaubers. Vier ist die doppelte Zwei. Nach vier Weltaltern naht der Weltuntergang; der Tod, sagte das Mittelalter, führt eine viersträngige Geißel. Vier Mal zehn Tage dauerte der Sündflutregen, vier Mal zehn Tage soll der Christ Buße üben in der vierzigtägigen Fastenzeit: Quadragesima.

Die böse Venus

Franz Krones Ritter von Marchland, angesehener Historiker sowie "WZ"-Autor.  
- © Universal Images Group via Getty; Schmuckfarbe: WZ

Franz Krones Ritter von Marchland, angesehener Historiker sowie "WZ"-Autor. 

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Hochangesehen als Tag hoher Feste, vom Germanen der Tag des Donnergottes, vom Römer der Tag Jovis genannt, erscheint der Donnerstag, der fünfte Wochentag. Die Fünf ist die pythagoräische Zahl, die heilige Zahl. Schlimmer steht es mit dem sechsten Wochentage, dem Tage der Venus bei den Römern, der Freya bei den Germanen, mit dem Freitag. Die Sechs galt im Mittelalter als Venus- und Satanszahl. Am sechsten Tage schuf Gott das Weib, durch welches die Sünde in die Welt kam, wie sich das Judenthum und Christenthum aussprechen.

Der gefürchtete Gast

Der Samstag dagegen, der Sabbatstag der Juden und Juden-Christen, der dann dem Sonntag in seiner Eigenschaft als Ruhetag des Herrn Platz machen mußte, ist als siebenter Tag und Wochenschluß günstig. Denn die Sieben ist eine vollkommene, eine heilige Zahl, die eine ähnliche große Rolle im Culturleben der Völker spielt wie die Drei. Jedes siebente Jahr war bei den Israeliten das Jubeljahr. "Besiebnen" hieß bei ihnen so viel wie beschwören. Den sieben fetten Jahren Pharao’s folgten sieben magere; aber auch sieben Landplagen trafen die ungläubigen Aegypter, als vom Gotte der Juden gesendet. Das Mittelalter zeigt uns sieben Cardinäle im Conclave, sieben Kurfürsten, welche den Kaiser der Deutschen küren oder wählen. Alle sieben Jahre ändert sich das leibliche Wesen des Menschen, ist ein geläufiger Ausspruch, der weniger mit der Physiologie als mit der Herrschaft der Siebenzahl zu thun hat. (...)

Nur noch der Dreizehn soll hier gedacht werden. Sie ist aus einer geraden und ungeraden Zahl zusammengesetzt, keine günstige, eine sehr bedenkliche Zahl; sie galt als solche bei den Indern, bei den Juden. Der Dreikönigs-Tag gilt im Mittelalter als der dreizehnte nach der Christnacht für hold dem Geisterspuke. So ist denn wohl auch der dreizehnte Gast der unwillkommenste geworden.

Bei dem hier in Original-Rechtschreibung wiedergegebenen und um Zwischentitel ergänzten Text handelt es sich um Auszüge aus einem Feuilleton des Historikers Franz Krones Ritter von Marchland (1835-1902), Professor für Österreichische Geschichte an der Grazer Universität. Der Artikel mit dem Titel "Der Aberglaube der Gegenwart und Vergangenheit . . ." wurde in vier Teilen (24., 25., 26. und 28. Mai 1880) in der Beilage zur "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" publiziert. (reis)