Mieter, die die Einrichtung beschädigen, Nachbarn stören und zahlungssäumig sind, gab es in Wien schon im 16. Jahrhundert - die Übeltäter waren nicht selten Mitglieder vornehmer Adelsfamilien.

Von diesen Missständen wissen wir u.a. aus den Briefen des Hugo Blotius (1534-1608), der unter Maximilian II. (röm.-dt. Kaiser 1564-1576) erster Hofbibliothekar war. Der gebürtige Holländer war Hausbesitzer in Wien und als solcher - wie viele wohlhabende Bürger - verpflichtet, Zimmer an Angehörige des Kaiserhofs zu einem fixen Zins zu vermieten.

Vom Diener eines Barons wurde Blotius 1585 wegen eines Streits um Zahlungen sogar tätlich angegriffen. Aber der Bibliothekar strebte kein juristisches Nachspiel an. Seinen Angaben zufolge nützte der Rechtsweg nichts, "denn diese Adeligen brechen durch die gesetzlichen Bestimmungen wie die Hornissen durch Spinnweben". So zitierten ihn die "Wiener Geschichtsblätter" in Heft 2, 1917.

Auf diese und weitere Anekdoten rund um die sogenannte Hofquartierpflicht stieß Obertüftlerin Brigitte Schlesinger, Wien 12, in ihren ausführlichen Recherchen (Chapeau!) zu den Spezialfragen anlässlich der Karte in Nro. 435 (September 2022).

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, blickt auf die Anfänge des Hofquartierwesens: "Unter Erzherzog Ferdinand I. (röm.-dt. Kaiser ab 1556) wurde . . . ab den 1520er-Jahren in Wien wieder eine zentrale Verwaltung der habsburgischen Erblande im Reich eingerichtet." (Friedrich III. und Maximilian I. waren zuvor "vazierende", also umherziehende, Landesherren gewesen.) "Der Wohnungsbedarf für Beamte und Hofbedienstete stieg dadurch enorm an." Um 1550 umfasste allein "der Hofstaat Ferdinands etwa 550 Personen, das Personal der Zentralbehörden und der Hofkanzleien zusätzlich knapp die Hälfte davon." Die Familien dieser Personen sind noch nicht mitgerechnet. Erwähnt sei, dass "nur der päpstliche Nuntius und der spanische Botschafter" in der Frühneuzeit in der Donaumetropole "über eigene Residenzen verfügten". Andere Gesandte etc. kamen in Gasthäusern oder bei längeren Aufenthalten in Privatwohnungen unter.

Gerhard Toifl, Wien 17, veranschaulicht den wachsenden Hofstaat, der der Stadt auch zu wirtschaftlichem Aufschwung verhalf: "Während unter Kaiser Matthias . . . 1612 in etwa 800 Personen hofquartierberechtigt waren, stieg diese Zahl zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Kaiser Karl VI." auf über 2.000.

In Amt und Büchern

Schon "vor 1554" wurde, wie Tüftler Toifl herausfand, zur Bereitstellung von Unterkünften das "Hofquartiersamt" geschaffen. "Es verpflichtete alle bürgerlichen Hausbesitzer in der ummauerten Stadt, . . . Räume . . . für die Einmietung von Hof- und Amtspersonal" bereitzustellen.

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, zu den Hofquartierbüchern, die "periodisch . . . angelegt" wurden, um die Häuser in der Stadt sowie die Anzahl der verfügbaren Zimmer festzuhalten. Das früheste überlieferte Verzeichnis stammt aus 1563. Wenige Jahre später wurde "eine durchgehende . . . Nummerierung der Häuser" vorgenommen, aber nicht an den Gebäuden angebracht. "Nummer 1 bekam die Hofburg".

Ferdinand I. (1503-1564) machte Wien zur Residenzstadt.  
- © Bild: Kisch/"Die alten Strassen...", 1883. Repro & Schmuckfarbe: M. Szalapek

Ferdinand I. (1503-1564) machte Wien zur Residenzstadt. 

- © Bild: Kisch/"Die alten Strassen...", 1883. Repro & Schmuckfarbe: M. Szalapek

Gemeinsam mit einer Hofquartierkarte aus 1748 wurden die Bücher, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, recherchierte, "im Hofkammerarchiv aufbewahrt". Sie erwiesen sich für spätere Forschungen als "sehr nützlich". Übrigens wurde das Hofquartierwesen "1781 . . . abgeschafft" - als Teil der Reformen unter Joseph II. Er führte das Quartiergeld ein; das heißt ab dann mussten sich Bezieher selbst eine Bleibe suchen.

Ein Drittel abzutreten

Das Hofquartierwesen wurde oft kritisiert und das dazugehörige "ambt . . . von allen seiten angefeindet". So lautet ein frühneuzeitliches Zitat, das Historiker Maximilian Maurer in einem von etlichen Zeitreisenden für diese Nuss zu Rate gezogenen Artikel aus 2015 zu der Thematik bringt. Bürgerliche Hausbesitzer, so Maurer, mussten "nach einem festen Schlüssel ein Drittel der Wohnräume (Kammern und Stuben) und die Hälfte der Nutzflächen (. . . im Keller und am Dachboden, Pferde- und Wagenstellplätze)" für Hofquartiersberechtigte abtreten.

Wie eingangs zitierte Spezialnussknackerin Schlesinger notiert, wurde die "unentgeltliche Einquartierung" bereits unter Ferdinand I. abgeschafft. Allerdings zahlten die in Klassen eingeteilten Dienstpersonen, Kanzleimitglieder oder Amtsträger sowie Minister meist "nicht mehr als ein Drittel des üblichen Mietzinses". Die Tüftlerin weist darauf hin, dass die "Wohnungsnot . . . nach Zerstörung der Vorstädte bei der Ersten Türkenbelagerung 1529" in Wien besonders groß war.

Richter gebraucht

Hinzu kam noch, dass von den rund 1.200 im 16. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauern stehenden Häusern rund vier- bis fünfhundert von der Quartierpflicht befreit waren.

Herbert Beer, Wolfpassing, führt aus: "Adel, Geistlichkeit, Universitäten und öffentliche Institutionen" sowie "Freihäuser", also all jene, die von der Steuerpflicht ausgenommen waren, mussten kein Hofpersonal unterbringen. "Vorübergehend befreit werden" konnte man, "wenn man Investitionen in einen Neu- oder Umbau nachwies." In Zeiten, in denen höherer Quartierbedarf herrschte - "vor allem bei der Ankunft kaiserlicher Gemahlinnen mit ihrem Hofstaat" - griff man auch auf Häuser zurück, die im Besitz von Geistlichen oder Adligen waren.

Das Wiener Sprichwort "Mia wean kan Richter brauchen" kam bei Streitigkeiten um die Einquartierungspflicht wohl eher selten zum Tragen. Bei Konflikten mit dem Hofquartieramt, z.B. die Zahl der abzugebenden Quartiere betreffend, mussten sich, so bereits genannter Nussknacker Dr. Litschauer, Hausbesitzer direkt an das Amt wenden. Wenn es aber "zwischen Hausherren und Quartiernehmern" Probleme gab, war das "Oberst- hofmarschallgericht" zuständig. "Diesbezüglich ist die Quellenlage ziemlich dürftig, nur einige Streitfälle sind aktenmäßig bekannt und nachvollziehbar." Besonders hat den Geschichtsfreund "als ehemaligen Diplomaten . . . die oft verzweifelte Quartiersuche in Wien eingetroffener Diplomaten und Sonderdelegationen interessiert."

Schon angeführte Zeitreisende Schlesinger ergänzt zum "Obersthofmarschallischen Gericht", dass dieses zunächst "in dem Haus lokalisiert" war, "in dem der jeweilige Obersthofmarschall wohnte". Er musste "Raum für die Abhaltung der Amtsversammlungen" schaffen. Vermutlich vor 1670 wurde das Obersthofmarschallamt "in einem bürgerlichen Haus Am Hof untergebracht".

Das Gericht war sonst unter anderem noch für Zivil- und Strafsachen zuständig, die den Hofstaat betrafen. Schon erwähnter Tüftler Beer zitiert einen Gerichtsbeisitzer, der 1676 anmerkte, dass jedoch "fast die meiste klagen wegen der quarthier" anhängig waren.

P.S. Der Buchpreis geht an Brigitte Schlesinger; wir gratulieren herzlich!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa