Wer je selbst kutschirend durch die Straßen einer Großstadt fuhr, z.B. vom Straßburger Bahnhofe über den Boulevard des Italiens (in Paris, Anm.) oder von Hietzing durch die Mariahilferstraße, besonders Abends, wo die Geschäfte geschlossen werden und ganze Ströme von Menschen sich aus der inneren Stadt in die Vorstadt ergießen, der weiß, welcher Aufmerksamkeit es bedarf, um nicht mit anderen Wagen zu carramboliren und Niemanden niederzuführen. Es ist dies schon in Paris schwer, wo man doch im Allgemeinen sehr langsam fährt; in London noch schwerer, weil z.B. Hansoms (eine spezielle einachsige Kutsche, Anm.) ein ganz gutes Tempo einschlagen; in St.-Petersburg und Moskau überaus schwierig, denn dort fahren die Isvoiczik (laut dem Autor ein offenes Gefährt für eine Person, Anm.) außerordentlich rasch; am allerschwersten jedoch in Wien, denn nirgends fährt man schneller (als vielleicht in Bukarest, wo jedoch die Einwohnerzahl kein Hinderniß bietet).

Künstler auf der Straße

Die Schwierigkeit des Kutschirens hat aber in Wien noch bedeutend zugenommen, seit die Straßenbahnen eingeführt sind, weil diese das Privilegium genießen, nicht ausweichen zu dürfen, und doch ist auch das Lenken der Tramway-Pferde eine Kunst - weniger wegen der Bahncurven als wegen des Parirens der schweren Wagen in kritischen Momenten. Das Kutschiren ist daher auch eine Kunst.

Worin besteht nun diese Kunst? Kenntniß der Pferde, der Zügelführung etc., das wohl auch und ganz natürlich, sonst ist man überhaupt nicht Kutscher (...).

Aber für einen guten Kutscher ist das erste Erforderniß das richtige Augenmaß.

Kinder greifen nach Allem. Sie greifen auch nach dem Stephans-Thurm. Erst nach und nach lernen sie Entfernungen schätzen.

Der Kutscher muß nun den Raum, den er für sein Gefährte braucht (...), genau abschätzen können; er muß ihn so zu sagen im Gefühle haben. Er braucht dieses Gefühl zum Ausweichen, zum Vorfahren, zum Vorfahrenlassen; er braucht es in besonderem Maße auf schiefer Fläche, dann beim Einfahren in die Hausthore und beim Pariren der Pferde, wenn dem Gefährte Gefahr droht und wenn sein Gefährte Andere mit Gefahr bedroht.

19-Stunden-Schichten

Das Auge ist die Hauptsache beim Kutscher.

Bei weitem nicht immer siegen im Wettfahren die besten Renner, fast immer die besten Kutscher, und zwar darum, weil sie den ihnen gebotenen Raum gut abschätzen und benützen. Man frage nur den Fiaker Nr. 225, den besten Kutscher Wiens!

In dieser Hinsicht nun muß man den Wiener Kutschern das allerbeste Zeugniß ausstellen. Nicht nur den Fiakern, sondern auch den Tramway-Kutschern und diesen vielleicht noch mehr als jenen, denn, wie wir letzthin hörten, sind solche Kutscher oft neunzehn Stunden per Tag im Dienste, reiten auf einem marterartigen Instrumente und halten mit der Rechten ihr Hauptwerkzeug, die Bremse, mit der Linken die Zügel - und mit der dritten sollten sie die Peitsche führen und den Verschluß (wohl eine Verriegelung, Anm.) handhaben, während sie fahrend gar oft noch ihren duftenden Feigenkaffee schlürfen müssen, der Jause und Nachtmahl zu gleicher Zeit ist.

Übermütige Kinder (hier Ausschnitt einer Hernalser Ansichtskarte um 1900) bereiteten den Kutschern Sorgen. 
- © Bild: Wien Museum/CC0

Übermütige Kinder (hier Ausschnitt einer Hernalser Ansichtskarte um 1900) bereiteten den Kutschern Sorgen.

- © Bild: Wien Museum/CC0

Die Bremse! Man sehe doch, wie dieser Ziegel- oder Sandwagen, dieser Omnibus gemächlich über die Straßenbahn hinüberfährt. Der Kutscher, weingeröthet, thut, als schliefe er, er hört nicht das Geklingel der Glöckchen, nicht das Getrabe auf dem harten Pflaster, nicht den schrillen Pfiff des Tramway-Kutschers, der schnell mit der vierten Hand die Pfeife zum Munde führt, weil sie ihm zufällig herausgefallen - er schläft und übersetzt im gravitätischen Schritte das Geleise oder blickt sorgsam auf die andere Seite.

Nur das Augenmaß kann diesen Eisenbahnkutscher vor dem Zusammenstosse retten, vor dem Zusammenstosse und vielleicht auch vor schwerer Strafe.

Gefährliche Mutproben

Haben nicht fast alle Passanten die Gewohnheit, rasch über den Weg zu gehen, wenn sich ein Tramway-Waggon nähert? Nicht um die Welt gingen sie hinter dem Waggon über die Straße; und begegnen sich zwei Waggons, so huschen diese Ungeduldigen gewiß zwischen den vier Pferdenasen durch.

Diese angenehmen Menschen verlassen sich auf ihr Augenmaß, und wenn sie gut durchkamen, so lachen sie den armen Kutscher noch aus, der wie besessen seine Kaffeemühle rieb (wohl die kurbelartige Bremse an der Tramway, Anm.) und purpurroth wurde, als sein besseres Augenmaß die doppelte Gefahr erkannte, für den Passanten und für sich. Vor etlichen Tagen schritt ein bedauernswerther junger Mann, dessen beide Füße auf Stelzen knieten, so knapp vor den Pferden hinüber, daß die Fahrenden laut aufschrien, aber der Kutscher warf die Pferde auf die Seite, bremste wie ein Wilder und rettete den Mann, der kein Augenmaß hatte, oder aus Speculation niedergeführt werden wollte.

Am ärgsten aber treiben es die Kinder. Und doch ist ihr Augenmaß, man muß dies anerkennen, durch stäte Uebung schon außerordentlich geschärft. Man beobachte einmal, was sich täglich in Fünf- und Sechshaus zuträgt. Buben von fünf bis zehn Jahren, Mädchen in gleichem Alter passen den Tramway-Wagen ab, und wenn er da ist, wo sie ihn wünschen, dann stürzen sie über das Geleise. Sie haben durch vieles Probiren herausgebracht, wie nahe der Wagen sein darf, um rennend noch die Bahn passiren zu können, ohne zermalmt zu werden.

Es ist ein wahres Wunder, daß da nicht täglich Dutzende überführt werden. Jeder Tramway-Kutscher sitzt nicht nur auf einem Scheite Holz, sondern auf einem Vulcane von Besorgniß und Angst.

Nun, die Kinder lernen durch Uebung und durch Beispiel. Die Alten machen es nicht besser, auch sie treiben Sport und von ihnen lernen die Jungen diesen Augenmaßsport.

Hätte Wien nicht so geschickte Fiakerkutscher und so sorgfältig gedrillte Tramway-Kutscher, hätten diese Kutscher kein so richtiges Augenmaß - welche Notizen brächte die Zeitung täglich über gebrochene Beine, zerquetschte Glieder!

Aber auch unsere Wiener und Wienerinnen und ihre herzigen Kinder haben ihr Augenmaß sehr geschärft, seit ihnen diese großstädtischen Gefahren entgegen - man sagt doch - gähnen! Demungeachtet wäre den P.T. Herren Eltern mehr Vorsicht und weniger Verlaß auf das Genie ihrer ausgezeichneten Sprößlinge zu empfehlen.

Man lasse das exacte Augenmaß den Kutschern!

Der hier in Original-Rechtschreibung wiedergegebene Artikel ist am 4. August 1883 unter dem Titel "Augenmaß" in der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" erschienen (Titel, Zwischentitel und Absätze wurden ergänzt). Der Beitrag war nur mit dem Autorenzeichen , also einem Kreuz mit doppeltem Querbalken, versehen; wer hinter dem Symbol steht, bleibt offen. Hinweise sind herzlich willkommen! (reis)