Teil der klassischen Reitkunst: Courbette. Repros: St. Koch
Teil der klassischen Reitkunst: Courbette. Repros: St. Koch

Zu den Hauptakteuren der kleinen Nuss Nro. 305 bleibt Brigitte Schlesinger, Wien 12, lieber auf Respektabstand. Aus nächster Nähe betrachtet sind ihr die Lipizzaner nämlich "einfach zu groß", die Fluchttiere zudem "immer ein bissl unberechenbar".

Auf Tuchfühlung ging hingegen Mathilde Lewandowski, Payerbach, die sich vergnügt an Besuche in Wien und im Gestüt Piber erinnert: "Ein Fohlen kam mir einmal zu nahe und begann, den langen Schalkragen meines Kleides zu fressen, zur Belustigung aller Zuschauer".

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, gesteht, dass ihm zum Thema Lipizzaner zuerst Josef Meinrad einfällt, "der als Clown August im gleichnamigen Theaterstück von Pavel Kohout . .. stets so gerne die "Lizzipaner frisiert" hätte" - ein gewitzter Versprecher, mit dem freilich "Lipizzaner dressiert" gemeint war.

Gelehrige Rösser

Einst ein bunter Haufen: Lipizzaner. Gemälde v. G. Hamilton (1727).
Einst ein bunter Haufen: Lipizzaner. Gemälde v. G. Hamilton (1727).

Als wahren Musterschüler beschreibt Herbert Beer, Wolfpassing, den Lipizzaner: "Besonders die Schulsprünge und Lektionen der Hohen Schule fallen dieser Pferderasse . . . besonders leicht." Nicht nur strebsam, auch elegant: "Die Bewegungen des Lipizzaners wirken graziös und sind durch einen federnden Gang ausgezeichnet." Und: "Die meisten Lipizzaner sind Schimmel, haben also als Fohlen eine dunkle Farbe und werden mit sechs bis zehn Jahren weiß." Einst waren die Lipizzaner übrigens eine farbenfrohe Mischung, aus der erst später größtenteils Schimmel selektiert wurden.

Oberst Podhajsky. Bilder: Archiv
Oberst Podhajsky. Bilder: Archiv

MedR DDr. Othmar Hartl, Linz: "Ursprünglich wurden die Lipizzaner zur Versorgung des Habsburgerhofs mit standesgemäßen Pferden gezüchtet. Basis der Zucht waren bodenständige Karstpferde, die mit Andalusiern gekreuzt wurden."

Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Die Lipizzaner . . . kannte jedermann als Kutschenpferde des Hofes und man nannte sie bewundernd "Kaiserschimmel"."

Berühmtheit erlangte die Rasse aber vor allem wegen ihres Einsatzes in der Spanischen Hofreitschule.

Zur Vorgeschichte dieser Institution recherchierte Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "1572 ließ Kaiser Maximilian II. für seine wertvollen Pferde . . . an der Stelle des offenen Ross-Tumblplatzes (am heutigen Josefsplatz)" einen Spanischen Reitstall anlegen. "Dieser einfache hölzerne Bau war sozusagen die erste Spanische Hofreitschule in Wien." Ab 1723 wurde das Hofstallgebäude errichtet, in dem sich heute das Museumsquartier befindet.

Ing. Mag. Hermann Schuster, Baden: "Karl VI. fasste den Plan, eine neue Winterreitschule errichten zu lassen . . . 1735 erfolgte die Eröffnung" des von Fischer von Erlach entworfenen Baus in der Hofburg.

Von Lipizza nach Piber

Gerhard Toifl, Wien 17: "Der Name Lipizzaner stammt vom Stammgestüt Lipica in Slowenien (ital. Lipizza, Anm.) . . . in der Nähe von Triest . . . Im Jahr 1580 wurde mit Pferden der Iberischen Halbinsel das Gestüt . . . begründet."

Tüftler Toifl springt ins 20. Jahrhundert: "Bei der im Jahre 1915 erfolgten kriegsbedingten Evakuierung . . . aus Lipizza wurde die Herde aufgeteilt". Heute werden die Pferde für die Spanische Hofreitschule im steirischen Piber gezüchtet.

Dr. Werner Lamm, Hollabrunn: Seit einigen Jahren "gibt es die "Außenstelle am Heldenberg"".

Friedrich Halak, Wien 22: "Heldenberg (Bez. Hollabrunn, Anm.) ist jedenfalls einen Ausflug wert", nicht nur wegen der Vierbeiner. "Man kann auch die . . . Heldengedenkstätte besuchen" sowie das "gut bestückte Automobilmuseum". Wie Brigitte Weiser, Wien 8, ergänzt, befindet sich in der Nähe das Schloss Kleinwetzdorf. Dieses "wurde berühmt durch den . . . Handelsmann Joseph Pargfri(e)der (1787- 1863), ein äußerst erfolgreicher Lieferant der k.k. Armee", der einen Friedhof für große Militärs anlegte. Seine Geschichte sei "sehr ansprechend geschildert im Roman "Pargfrider" (C. Bertelsmann Verlag, München, 1998) von Stefan Heym (1913-2001)."

Abenteuerliche Rettung

Im Laufe der Jahrhunderte gerieten die Lipizzaner in manche Wirren. Bereits erwähnter Tüftler Dr. Beck: "Im Lauf der Napoleonischen Kriege mussten die Lipizzaner dreimal (1797, 1805, 1809) evakuiert werden . . . Die dritte Flucht war die schlimmste. Sechs Wochen war man mit rund 300 Pferden unterwegs" nach Ungarn. "Ein Viertel aller Mutterstuten brachte tote Fohlen zur Welt."

Erwin Kladiva, Wien 14: "Im Zweiten Weltkrieg wurden die Lipizzaner wegen der Bomben aus Wien nach St. Martin in Oberösterreich verlagert."

Bereits zitierter Tüftler Dr. Kremser über die spektakuläre Rettung durch den damaligen Leiter der Reitschule, Alois Podhajsky (1898-1973): Sein "Schachzug, mit einer legendären Aufführung . . . das Überleben der Reitschule zu sichern, gelang. Denn General Patton, ein Anhänger der Hohen Schule der Reitkunst, stellte daraufhin die Lipizzaner und die Spanische Reitschule unter den Schutz der Amerikaner . . . In einer Nacht- und Nebelaktion wurde in den letzten Kriegstagen der gesamte Pferdebestand von Hostau (heute Tschechien; dort befanden sich damals die Tiere aus Lipica und anderen Gestüten, Anm.) - 1000 Pferde - in die amerikanische Besatzungszone transferiert".