Spielernaturen aufgepasst! Dr. Robert Sedlaczek, "Wiener Zeitung"-Sprachkolumnist und Buchautor, wendet sich in einer verzwickten Angelegenheit an die Gemeine: "In der am 10. April 1923 erschienenen Ausgabe der linksliberalen Tageszeitung "Der Tag" erschien auf Seite 2 ein Artikel mit einem Dialog aus einem Wiener Kaffeehaus, vermutlich war es das Café de l’Europa oder das Herrenhof. In der Einleitung wird der aus Friedrich Torbergs "Die Tante Jolesch" bekannte Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber (1885-1938, Anm.) scherzhaft als Rechtsgelehrter bezeichnet. Mit "Dichter Perutz" ist der Schriftsteller Leo Perutz (1882-1957, Anm.) gemeint, der später durch seinen Roman "Nachts unter der steinernen Brücke" berühmt geworden ist."

Trude Waehner (1900-1979; hier auf einem Selbstporträt): In ihrem Atelier in der Buchfeldgasse 6 wohnte Heimito von Doderer. Bild: Kunsthandel Widder/Bezirksmuseum Wien 8 (danke!) - © Repro: Stefan Koch
Trude Waehner (1900-1979; hier auf einem Selbstporträt): In ihrem Atelier in der Buchfeldgasse 6 wohnte Heimito von Doderer. Bild: Kunsthandel Widder/Bezirksmuseum Wien 8 (danke!) - © Repro: Stefan Koch

"Tartlpartie" anno 1923

Hier der Text des Zeitungsbeitrags: "Der Rechtsgelehrte Dr. Sperber und der Dichter Perutz bilden eine im Kreise des Wiener literarischen Nachwuchses seit Jahren berühmte Tartlpartie. Die nachfolgenden Aufzeichnungen dienen dem Zweck, den etwas engen Kreis dieses Ruhmes zu erweitern.

Dr. Sperber (mischt die Karten): "Aber bitte ohne Wunder!"
Perutz: "Mir ist noch kein Klient freigesprochen worden."
Dr. Sperber (hat ausgeteilt): "Er jammert nicht; das ist schon sehr bedenklich, um nicht zu sagen: finster und bitter."
Perutz: "I have a dardl."
Dr. Sperber: "Name, Stand, Charakter?"
Perutz: "Bis zum Schober in Ell."
Dr. Sperber: "Möge es Ihnen zum Hals heraushängen . . . Grinzener! Besser als zehn Grüner." (Greift plötzlich nach dem Magen, rasch ab, kehrt aber aus der Mitte des Spielzimmers zum Kartentisch zurück und steckt sein liegengelassenes Geld ein. Erklärend:) "Es ist nicht etwa Prinzip, bloß Mißtrauen." (Enteilt.)
Perutz (entwirft den Plan zu einem historischen Roman aus dem spanischen Erbfolgekrieg. Nach Dr. Sperbers Rückkehr): "Ich habe der Dardl zweie und glaube an Liebe und Treue."
Dr. Sperber: "Jetzt werden Sie zerspringen, womit Sie übrigens Ihren Leserkreis schon längst hätten erfreuen sollen: Schlecht! Ich habe das sogenannte absolute, kantische Dardl bis zum Aß in Arthur mit der Bella."
Perutz: "Zeigen!"
Dr. Sperber: "Gezeigt wird in ,Tristan und Isolde‘ . . . Ich habe einen Eichelsibbler" (spielt aus), "Beweis Lokalaugenschein."
Perutz: "Ich habe der Dardl zweie . . ."
Dr. Sperber: "Schlecht! Ich habe ein Quardl bis zum Aß in Arthur . . ."
Perutz: "Ich habe der Dardl zweie" (notiert) "und glaube . . ."
Dr. Sperber: "Bedauernswerter! Lecken Sie die zwei Dardln aus . . . Hoher Gerichtshof! Meine Herren Geschwornen! Fuß! Ich habe ein süßes Fießchen bis zum Aß in Arthur. Legen Sie ab die menschliche Gestalt. Es kann Ihnen nicht schwer fallen."
Perutz: "Ablegen tut man einen Zylinder . . . Wieviel Pujens haben Sie?"
Dr. Sperber: "Genug, damit Sie zerspringen! In der Partie werden Sie auf keinen grünen Resultat kommen."
Perutz: "Ich habe der Dardl zweie . . ."
Dr. Sperber: "Fuß! Bis zum König in Arthur. Besser als ein Roman aus dem siebzehnten Jahrhundert."

Teil des kryptischen Dialogs im "Tag". - © Repro: Stefan Koch
Teil des kryptischen Dialogs im "Tag". - © Repro: Stefan Koch

Perutz: "Ich habe der Dardl zweie . . ."
Dr. Sperber (mit hohler Stimme): "Ein sechstes Gebein! . . . Hundert, zweihundert, dreihundert, vierhundertzehn . . . Kein wirtschaftlich voll ausgenütztes sechstes Gebein, aber es dürfte genügen. Lieber Perutz, wie sagt ein wirklicher Dichter so schön? Mitten wir im Leben sind vom Tode umfangen. Sind Sie schon zersprungen?"
Perutz (wirft die Karten hin): "Sie haben vier Pujens zu viel aufgeschrieben. Ablesen!" (Es wird frisch geteilt.)"

Mitspieler gesucht!

Robert Sedlaczek und sein Co-Autor Wolfgang Mayr haben dazu folgende Fragen:

1. Wer beherrscht dieses Spiel und könnte mit uns einen Spielabend verbringen?
2. Wer kennt die etymologische Herkunft der Bezeichnung Tartln?
3. Was bedeuten die Ansagen Dardl, Quardl, Fuß und sechstes Gebein? Wir vermuten: Terz, Quart, Quint und Sext, hinter "sechstes Gebein" könnte ein sprachliches Bild stecken, das wir nicht verstehen.
4. Der Beitrag ist gespickt mit Perlen der humanistischen Bildung, "Ich habe der Dardl zweie und glaube an Liebe und Treue" ist wohl die Abwandlung eines Zitats aus Schillers "Die Bürgschaft". Wer findet noch andere Zitate mit einem derartigen Hintergrund?
5. "König in Arthur" bedeutet wohl "König in Atout", "Schober in Ell" bedeutet "Schell-Ober". Was bedeutet das Wort "Pujens" und woher stammt es?

Unter all jenen, die Hinweise liefern, wird ein Buch verlost!

Josefstädter Szenen

Zur selben Zeit wie Perutz und Sperber trieb sich auch der etwas jüngere Heimito von Doderer (1896-1966) in den Wiener Kaffeehäusern, vor allem im Herrenhof, herum. Der literarische Spätzünder war schon in den vorigen Zeitreisen ein Thema; unter anderem warf Brigitte Schlesinger, Wien 12, einen Blick in Doderers ehemaliges Josefstädter Wohnhaus in der Buchfeldgasse 6, das derzeit, wie die Tüftlerin nachträgt, "auf Hochglanz gebracht" wird.

Dazu ergänzt nun Dr. Manfred Kandler, Mitarbeiter des Bezirksmuseums Josefstadt: "Doderer wohnte mit kriegsbedingten Unterbrechungen an dieser Adresse von 1938 bis 1956, in welchem Jahr er in die Währinger Straße übersiedelte, weil eine im Haus untergebrachte Druckerei ihm durch ihre Lärmentwicklung unangenehm wurde."